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Provokation und Position 1968: Rechte Linke?

Gegen Naziväter, Spießermief und Vietnamkrieg – „1968“ war eine Anti-Haltung ohne positive Agenda. Nach vollbrachter Tat zerstreuten sich die Rebellen schnell in alle politischen Richtungen. Wichtiger als die Position war die Provokation – und die kommt heute ausgerechnet rechtsaußen zur Wiedervorlage.

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 13.04.2018 | Archiv

links: Rudi Dutschke, rechts: Deutschlandfahnen auf einer Pegida-Demo | Bild: picture-alliance/dpa

Immer wenn Rainer Langhans zum Einkaufen radelt, zieht er die Blicke der Westschwabinger auf sich. Mit langen Haaren und weißen Klamotten kommt er in Zeiten des Anything Goes zwar nicht mehr ganz so rebellisch rüber. Kenner wissen aber: Hier ist ein Lebensstil versteinert, der gesellschaftliche Konventionen mit Verachtung straft. So nachhaltig wie Langhans wirkt sonst niemand unter den Alt-68ern.

Die meisten, darf man annehmen, haben sich angepasst und als linksliberale Besitzbürger häuslich eingerichtet. Joschka Fischer mutierte vom Staatsfeind zum Staatsmann. Jürgen Trittin nahm – wie viele „Antiautoritäre“ – zuvor noch den bizarren Umweg über ultra-autoritäre kommunistische Sekten. Damals passte der Marxismus gut ins aufrührerische Konzept der 68er-Kerntruppe, der Vätergeneration und ihrem (angeblichen Nazi-Überbleibsel) Antikommunismus eins auszuwischen.

Das böse Wort vom „Linksfaschismus“

Fischer und Trittin haben ihren politischen Kompass nicht völlig neu justiert. Aber sie entsorgten, was der Philosoph Jürgen Habermas (selbst ein Linker) einst mit dem bösen Wort vom „Linksfaschismus“ meinte: Die den Ur-68ern eigene, alle Moral untergrabende Haltung aus Aktionismus und Gewaltneigung.

Horst Mahler als NPD-Anwalt

Horst Mahler trieb dies zum Exzess. Er gründete die RAF mit, bevor er sich zum bekennenden Nationalsozialisten und Holocaustleugner wandelte. Mahler ist keineswegs völlig aus der Art geschlagen. Reinhold Oberlercher, Bernd Rabehl, Klaus Rainer Röhl, Günter Maschke und andere 68er-Promis kamen ebenfalls auf der gegenüberliegenden Seite des politischen Spektrums an.

Aktionistisch, egozentrisch, gewaltbereit

Der militante Aktionismus, nicht die Linkspolung, war der gemeinsame Nenner der Rebellen. Wolfgang Kraushaar, 68er-Kenner wie nur wenige, bezichtigte APO-Ikone Rudi Dutschke der egoistischen Willkür. Maßgeblich gewesen seien auch für ihn

"die Feier des Illegalen, […] die Entschlossenheit zum antiimperialistischen Kampf und die damit verbundene Entgrenzung der politischen Gewalt."

Wolfgang Kraushaar

Der (vermeintlich) linke Antiimperialismus, die „Befreiung“ Vietnams aus den Fängen der USA - und die Vorstellung eines blockfreien, souveränen und wiedervereinigten Deutschlands: für Dutschke zwei Seiten einer Münze. Wäre Dutschke kein Marxist gewesen, sein Antiamerikanismus hätte nahtlos an die extreme Rechte andocken können. Zehn Jahre nach 1968 - und zehn Jahre, nachdem der Rechtsextremist Josef Bachmann ein Attentat auf das „dreckige Kommunistenschwein" Dutschke verübt hatte - schrieb er:

"Der tief moralisierende Internationalismus hatte zweifellos Elemente der Fremdbestimmung und der Sehnsucht nach einer echten Identität in sich."

Rudi Dutschke, Aufrecht gehen

Aus heutiger Sicht eine geteilte „Sehnsucht" - auf anderer Seite zwar, und der Ton ist aggressiver geworden. Mit denselben Signalwörtern wie Dutschke agitiert nun eine Neue Rechte für nationale Identität, gegen eine angebliche moralische Bevormundung von links und Fremdbestimmung von außen.

Ein rechter Dutschke

Ganz ohne linken Ballast, aber mit der typischen revolutionären Entschiedenheit trat seinerzeit Henning Eichberg auf. Fast unbemerkt freilich, denn er hielt sich mit Langhaarfrisur und Anarcho-Outfit strikt an die 68er-Kleiderordnung. Dass Eichberg den Begriff „Ethnopluralismus“ – heute Mantra der extrem rechten „Identitären“ – neu begründete, fiel erst bei näherem Hinsehen auf. Ethnopluralismus – das ist die wohlklingende Bezeichnung für eine rassistisch motivierte (Rang-)Ordnung der Völker.

Die Neue Rechte und der Mythos „68“

Niemand tut heutzutage mehr für den – in diesem Fall zum Feindbild hochgetunten – Mythos des porentiefrein linken „1968“ als die extreme Rechte: Vor 50 Jahren hätten „Psychopathen“ und „Volksverräter“ das Teufelswerk „Multikulti“, „Genderwahn“ und „Meinungsdiktatur“ in Gang gesetzt.

Dabei blasen unter anderem die „Identitären“ mit den Mitteln der 68er zur Konterrevolution. Sie kopieren das „antibürgerliche“ Aufbegehren gegen Werte und Moral. Das Ziel ist damals wie heute dasselbe: den angeblich repressiven Charakter des „herrschenden" demokratischen „Systems“ durch gezielte Provokationen bloßzustellen.


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