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Die Erinnerungsdatenbank Memoro Erinnern, damit etwas bleibt

Nikolai Schulz trifft seit acht Jahren Menschen, die älter als 60 sind. Er lässt sich von ihnen ihre Geschichte erzählen, und filmt sie dabei. Anschließend stellt er die Videos online, bei memoro, der Erinnerungsdatenbank.

Von: Margarete Jall

Stand: 12.11.2016 | Archiv

Nikolai Schulz interviewt Zeitzeugen wie Eva-Maria-Birnhäupl-Hoppe | Bild: BR/Margarete Jall

Memoro ist ein gemeinnütziges Projekt, Nikolai Schulz verdient mit seinen Aufnahmen kein Geld. Was ihn antreibt, ist seine persönliche Geschichte: Er hat mit Mitte zwanzig seine Eltern verloren.

"Durch den miterlebten Tod der Eltern habe ich einfach diese Endlichkeit erlebt, das war so eine Art Weckruf, ein Wake-up-Call. Und vielleicht ist es auch eine Suche nach Lebensweisheiten, nach Traditionen. Die Kriegsgeneration, also meine Eltern sind auch Jahrgang 20/21. Also die letzten, die den Krieg als Erwachsene erlebt haben, sterben genau jetzt aus, da ist es einfach wichtig, diese Menschen zu filmen."

Nikolai Schulz

Nikolai Schulz will mit seiner Kamera festhalten, was sonst verloren ginge: Erinnerungen an den Krieg. Aber auch an den ersten Kuss oder an Familientraditionen. Dabei hat er immer auch das Jetzt im Blick:

"Gerade mit der aktuellen politischen Situation, jetzt mit dem Aufkommen des Nationalismus in vielen Ländern, von Trump bis Orban und Erdogan, ist dieses Erinnern total wichtig. Na, man sagt, Geschichte wiederholt sich in gewissen Zyklen und die Gefahr ist jetzt da."

Nikolai Schulz

Promis und die Omi von nebenan

Nikolai Schulz will etwas bewegen mit Memoro, und er ist nicht allein. Die Datenbank ist international – es gibt sie inzwischen in 14 Ländern. Nikolai Schulz hat den deutschen Ableger gegründet, vor mittlerweile sieben Jahren. Seitdem hat er hunderte Erinnerungen auf Video festgehalten. Ob Promi oder die Oma von nebenan – Schulz nimmt sie alle auf. Heute Eva-Maria Birnhäupl-Hoppe, die er gleich in ihrer Münchner Wohnung trifft.

"Ich freu mich, weil es glaub ich ne ganz lustige Berliner, eigener Menschenschlag, geht auf die 100 zu, bin einfach neugierig was sich ergibt."

Nikolai Schulz

Nikolai Schulz packt Kamera und Stativ und macht sich auf den Weg zu Eva-Maria Birnhäupl-Hoppe. Sie ist 93 und lebt schon seit 70 Jahren in München. Die gebürtige Berlinerin ist topfit, auch oft im Internet unterwegs und sie ist total begeistert von Memoro und der Idee, die dahinter steckt – Erinnerungen bewahren.

"Ich habe Urenkel und Enkel, die sind ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was alles in meinem Leben passiert ist. Sie haben überhaupt keine Ahnung, sie haben das nicht in der Schule gelernt, es war kein Thema. Sie müssen das im Leben erfragen."

Zeitzeugin Eva-Maria-Birnhäupl-Hoppe

Giesinger gesucht

Jetzt stellt Nikolai Schulz die Fragen. Zwei bis drei Stunden nimmt sich Nikolai Schulz für Zeitzeugen wie Eva-Maria Birnhäupl-Hoppe. Zuhause schneidet er die Interviews dann in kurze Clips und stellt sie ins Netz. Das alles kostet Zeit. Und Geld bekommt er dafür keines. Aber auch solche Projekte brauchen natürlich Geld.

"Ich würde mir wünschen, dass wir eine langfristige Finanzierung gesichert haben und als Vision sage ich immer gern: eine Art Wikipedia, dass Menschen aktiv Videos hochladen, dass man aber auch gezielt sucht."

Nikolai Schulz

Auch Nikolai Schulz sucht gerade und zwar nach Giesingern oder ehemaligen Giesingern, die etwas über die Geschichte Ihres Stadtteils erzählen können. Gefördert wird das Projekt unter anderem von der Stadtbibliothek Giesing. Die Videos sollen sich unter anderem um die Themenkomplexe AGFA-Areal und Zwangsarbeiter, TSV 1860 und Grünwalder Stadion, die Freunde Giesings, Tegernseer Landstraße, Stadtteilgeschichte, Amis in Giesing, JVA Stadelheim, Werner Schlierf, Kunst & Kultur drehen.


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Dolczewski Hilde, Sonntag, 13.November 2016, 15:05 Uhr

1. Erinnerungen an das Leben meiner Mutti (Jahrgang 1908) - und auch meine Kindheit

Das Leben meiner Mutti hab ich aufgeschrieben, auch meine Kindheit (Jahrgang 1937), . Beides umfasst je sechs Seiten.und ist sehr "lebendig". Ich denke, Sie können damit etwas anfangen und würde mich freuen, wenn meine "Werke" Ihr Interesse wecken könnten.,
Ich bin neugierig auf Ihre Antwort und verbleibe inzwischen
mit freundlichen Grüssen
Hilde Dolczewski
Aus Giesing bin ich nicht, aber aus Laim (geboren in Schwabing)

  • Antwort von Nikolai Schulz, Sonntag, 13.November, 21:16 Uhr

    Sehr geehrte Frau Dolczewski,

    danke für Ihre Rückmeldung. Wir sammeln jedoch keine schriftlichen Aufzeichnungen, sondern filmen Zeitzeugen über 60 Jahre, die uns persönliche Erlebnisse wiedergeben und diese Videos werden dann im Internet auf www.memoro.org/de-de/ veröffentlicht. Schauen Sie sich doch bitte ein paar Filme dort an.

    Dank und Gruß erstmals,
    N. Schulz