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Schlechter Deal Lebensversicherung am Ende

Kapital-Lebensversicherungen sind ein Auslaufmodell. Rentabel sind am ehesten Altverträge mit hohen Garantiezinsen. Den Versicherern sind die jedoch ein Dorn im Auge. Immer mehr Kunden bekommen zweifelhafte Rückkauf-Angebote.

Von: Karsten Böhne

Stand: 24.10.2016

Verzinsung  | Bild: picture-alliance/dpa

Beinahe hätte Doris Reinauer etwas unterschrieben und es wohl später bereut. Ihr Versicherer informierte sie, dass man den Versand auf E-Mail umstellen möchte. Um zuzustimmen müsse sie nur das Rücksendeformular auf der nächsten Seite ausfüllen. Tatsächlich aber war es ein Vordruck zur Kündigung ihrer privaten Rentenversicherung bei der Gothaer.

"Ich denke, dass viele Menschen darauf reinfallen, die das nicht so gründlich lesen. Ich habe mich da schon ziemlich veräppelt gefühlt."

Doris Reinauer, verärgerte Versicherungskundin

Verbraucherschützer warnen vor Kündigung

Kein Einzelfall, ergibt die Recherche des Funkstreifzugs. Ständig melden sich bei den Verbraucherzentralen Kunden, denen die Versicherungskonzerne anbieten, Renten- oder Lebensversicherungsverträge vorzeitig aufzulösen.
Anke Puzicha ist Referentin beim Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentralen. Sie beobachtet, dass vor allem Altkunden mit attraktiven Zinsen zwischen drei und vier Prozent solche Angebote ihres Versicherers bekommen.

"Die Versicherungsverträge die davon betroffen sind, sind ältere Versicherungsverträge, die einen aus heutiger Sicht sehr hohen Garantiezins haben. Wir haben den Verdacht, dass die Versicherer die Kunden aus diesen Verträgen regelrecht rausschwatzen wollen."

Anke Puzicha, Marktwächter-Team

Versicherer kämpfen mit Niedrigzinsen

Schreiben des Versicherers zur Vertragskündigung

Beim derzeit niedrigen Zinsniveau wird es für die Versicherer schwerer, die damals versprochenen Zinsen zu erwirtschaften. Die Versicherungsgesellschaft "Neue Leben" bestätigt auf Anfrage, dass sie dieses Jahr 30.000 Kunden anschreibt und auf die Kündigungsmöglichkeit hinweist. Dies geschehe im Rahmen einer "Service-Aktion". Den Vorwurf, man wolle Versicherte mit lukrativen Altverträgen loswerden, weist die "Neue Leben"  zurück.

"Diese Anschreiben sind aus unserer Perspektive eine bedarfsgerechte Service-Information für unsere Kunden mit klassischen und fondsgebundenen Verträgen."

Stellungnahme des Versicherers Neue Leben

Auch der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft wiegelt ab.

"Grundsätzlich weisen viele Produkte eine flexible so genannte Abrufphase auf. Es ist also kein außergewöhnlicher Vorgang, wenn die Auszahlung der Lebensversicherung in der Abrufphase auch schon früher erfolgt."

Gesamtverband der Versicherungswirtschaft

Lukrative Altverträge

Doch in vielen Fällen lohnt es sich für den Versicherungsnehmer nicht, seinen Vertrag vor dem vereinbarten Ende der Laufzeit zu beenden. Vor allem bei Altverträgen bis 2012 kann die Fortsetzung des Vertrags lukrativer sein.

"Dort war der Garantiezins noch so hoch, dass selbst nach Abzug von Kosten die garantierte Laufzeitrendite bis zum Schluss noch ausreichend interessant ist. Da findet man derzeit nichts Alternatives am Zinsmarkt."

, Merten Larisch, Verbraucherzentrale Bayern

Generell sehen Verbraucherschützer Kapitallebensversicherungen kritisch. Der Rat: Stattdessen Todesfallschutz und Altersvorsorge trennen, also eine Risikolebensversicherung abschließen und davon abgekoppelt Geld fürs Alter anlegen.


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dildoldi, Freitag, 28.Oktober 2016, 09:20 Uhr

3. Unrentable Lebensversicherungen

Tja, so ist das halt in diesem System, Kapitalismus genannt. Dessen einzige Maxime ist nun mal die Profitmaximierung. Und wo bitteschön ist es ein Vorwurf, man wolle die Altverträge mit für die Versicherer ungünstigen Konditionen "loswerden"? Ist doch völlig legitim in diesem System.
Interessant finde ich auch, dass der BR eine Redaktion für "Wirtschaft & Soziales" hat, zwei Bereiche, die bestenfalls am Rande etwas miteinander zu tu haben. Ist mir auch nicht bekannt, dass eine der grossen Zeitungen (FAZ, SZ etc.) so etwas hat. Aber das nur am Rande...

MfG

oekoschwein, Freitag, 28.Oktober 2016, 09:14 Uhr

2. Kapitalumwandlung in Rentenzahlung

Man sollte noch erwähnen, dass es für einen älteren Menschen (das sind die, die einen LV- oder Rentenvetrag aus den 90ern oder früher haben!) grundsätzlich besser ist, Kapital in Rentenzahlungen umzuwandeln, anstatt sich eine Rentenberechtigung als Kapital in einem Rutsch auszahlen zu lassen. Mit dem letzteren geht nämlich das "Risiko", dass man noch lange lebt und deshalb mehr Geld braucht um die Pflegebedürftigkeit zu finanzieren, auf den Rentenberechtigten über. Und die wenigsten sind in der Lage, dieses Risiko zu tragen. Sinnvoller ist also das Gegenteil: Vorhandenes Kapital umtauschen in eine Rentenberechtigung, z.B. den Verkauf des Eigenheims gegen eine Leibrente oder ähnliches. Damit bleibt für die Erben weniger übrig, aber das eigene Pflegerisiko ist besser abgesichert.
Leider musste ich auch schon in meinem Bekanntenkreis beobachten, dass die Sparkasse auf eine 90-jährige zukam und ihr anbot, die Rentenversicherung als Kapital auszuzahlen. Ein ausgesprochen schlechter Rat.

Agan, Freitag, 28.Oktober 2016, 08:54 Uhr

1. Nicht alle gleich

Es gibt offenbar auch Versicherer, die keine Probleme mit der Erwirtschaftung der hohen Zinsen haben. Mein alter LV-Vertrag mit einer Garantieverzinsung von 4% läuft noch 4 Jahre. Ich habe bei meinem Lebensversicherer nach den Konditionen für eine vorzeitige Rückzahlung nachgefragt. Kein Interesse, nur mit horrendem Abschlag. Nur Sondereinzahlungen lassen sie nicht mehr zu.