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Die Reportage Unterwegs mit Flüchtlingen

Sie kommen aus Eritrea, Syrien und Nigeria in überfüllten Booten übers Mittelmeer. Sie wurden gefangengenommen und gefoltert - Flüchtlinge, die dann von der Polizei im Zug aufgegriffen werden.

Von: Lisa Schurr, Lisa Weiß und Gloria Stenzel

Stand: 10.07.2015 | Archiv

Verona: Flüchtlingsaufgriff durch Polizei in Verona | Bild: BR/Lisa Weiß

Der Bahnhof von Verona am Morgen - gleich fährt der Eurocity nach München ein. Mit dabei: Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Norden - und unsere Reporterinnen Lisa Schurr und Lisa Weiß. Sie wollen sich von der Situation der Menschen ein Bild machen. Ihre Kollegin Gloria Stenzel begleitet einstweilen die Bundespolizei bei der Fahndung auf der Autobahn.

Verona, neun Uhr morgens

Schon vor Abfahrt des Zuges in Italien stehen ein paar Flüchtlinge am Bahnhof, sie haben ein Ticket nach München, wollen einsteigen. Aber sofort ist die italienische Polizei da, kontrolliert sie und nimmt alle mit. Denn sie haben keine Aufenthaltsgenehmigung, sind anscheinend illegal in Italien.

Der Zug fährt ohne sie in Richtung Norden - vielen weiteren Polizeikontrollen entgegen und an vielen Flüchtlingen vorbei, die ebenfalls versuchen, nach Deutschland zu kommen. 11.000 Flüchtlinge hat die Bundespolizeiinspektion Rosenheim im ersten Halbjahr 2015 aufgegriffen - mehr als letztes Jahr insgesamt gekommen sind.

Sogar Nonnen werden kontrolliert

Halt am nächsten Bahnhof: Ein Team aus deutschen, österreichischen und italienischen Polizisten steigt zu. Sie bleiben bis zum Brenner dabei, schauen in wirklich jede Ecke, in jede Zugtoilette, leuchten unter alle Bänke. Jeder, der eine irgendwie dunklere Hautfarbe hat, muss seinen Ausweis zeigen - sogar zwei Nonnen, die auch im Zug sind.

Alle, Zugbegleiter und Passagiere, die hier öfter unterwegs sind, sagen uns, dass es total ungewöhnlich ist, dass kaum Flüchtlinge in diesem Zug sind - normalerweise sind die Bahnhöfe voller Menschen aus Eritrea, Syrien und Nigeria und in dem Zug dann auch oft mehrere Hundert Flüchtlinge. Aber bei uns - kaum jemand.

Dann in Kufstein, als der Zug hält: eine große Gruppe von Flüchtlingen vor allem aus Eritrea am Bahnhof. Wir steigen aus und gehen auf sie zu. Sie nehmen uns ganz freundlich auf, wir erfahren: Sie hätten gehört, dass der Eurocity so oft kontrolliert wird und sind deshalb mit dem Regionalzug unterwegs. Einen solchen nehmen sie dann auch, von Kufstein nach München, und wir steigen mit ein.

Temesgen aus Eritrea: Ein Jahr auf der Flucht

Viele sind richtig euphorisch, weil sie merken, dass sie es fast geschafft haben - dass sie nicht nur in Europa sind, sondern auch aus Italien weg, wo Asylbewerber oft auf der Straße wohnen müssen. Die meisten haben eine wirklich schlimme Flucht hinter sich. Temesgen zum Beispiel, ein junger Mann aus Eritrea: Er erzählt, dass er schon über ein Jahr unterwegs ist, dass er in seinem Land wegen seiner Religion verfolgt wurde. Dann hat er Schlepper bezahlt, ist nach Libyen, dort im Gefängnis gelandet, gefoltert worden. Er ist wieder frei gekommen und dann wie so viele in einem völlig überfüllten Boot übers Mittelmeer, fast ertrunken.

Mehr als hundert "unerlaubt Eingereiste"

Dass in dem Regionalzug über hundert Flüchtlinge unterwegs sind, fällt auch der Bundespolizei auf - sie kontrolliert den Zug in Rosenheim. BR-Reporterin Gloria Stenzel ist dabei. Kein Fahrgast darf aussteigen, alle Flüchtlinge werden aus dem Zug geholt. Die ganze Treppe zur Bahnunterführung ist voll, viele sind ziemlich eingeschüchtert. Man sieht ihnen die Angst, die Anspannung richtig an. Sie werden einzeln aufgerufen, bekommen eine Nummer, werden kurz durchsucht. Dann geht es weiter mit einem Bus in die Turnhalle der Bundespolizei Rosenheim. Dort werden ihre Fingerabdrücke genommen, eine Nacht müssen sie auf Feldbetten verbringen, dann geht es weiter in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Die Leute sind fertig - sie fallen einfach nur auf die Feldbetten.

"Man muss sich davon distanzieren. Bei der Masse lernt man auch einzelne Leute gar nicht mehr kennen. Früher waren es viel weniger, da hat man sie auch noch richtig vernommen, man hat die Schicksale von denen richtig mitbekommen."

(Bundespolizist)

"Ich hoffe immer darauf, dass jemand eine Lösung findet. Da muss Europa eine Lösung finden. Wir machen halt solang weiter."

(Bundespolizist)

Endstation auch für Temesgen

Temesgen wird als einer der Ersten befragt: Damit er bleiben kann, muss er nun einen Antrag auf ein sogenanntes "Schutzersuchen“ stellen. Er muss sich registrieren lassen. Später kann er dann einen Antrag auf Asyl stellen. Allerdings nur in Deutschland - und nicht in Norwegen, wo seine Verwandten leben. Am kommenden Tag wird er in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach München weitergeschickt. Die Endstation von Temesgens Flucht ist vorerst Bayern.


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