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23.2.-1.3. Verkehrte Welten Karneval international

Eine "Narrenzahl" steht zu Beginn des ausgelassenen Treibens, das je nach Region Karneval, Fasching oder Fastnacht heißt. Am 11.11. um 11 Uhr 11 beginnen seit dem 19. Jahrhundert die wilden Tage, die bis zum Aschermittwoch mit Umzügen, Festen und Kostümen, mit Späßen, Schabernack und Sinnenfreuden begangen werden.

Stand: 09.01.2017

Feiern, sich verwandeln, sich vergessen, sich berauschen, die Welt auf den Kopf stellen: Mit den Zehn Geboten ist das Narrentreiben nicht vereinbar. Daher die elf, die Zahl, die aus dem Rahmen, die aus der Ordnung fällt: die Narrenzahl. Doch die christlichen Kirchen integrierten diese uralten teils mythischen Rituale erst verhältnismäßig spät in den Jahreskalender. Die Ursprünge des Karneval gehen sehr viel weiter zurück.

Die Saturnalien: Geregelte Anarchie im alten Rom

Noch bevor Jupiter als Gottvater im antiken Rom verehrt wurde, huldigten die Menschen in der Tiber-Region dem Gott des Ackerbaus, der sie nährte, die Felder blühen ließ und die Staatskassen füllte: Saturn (lat. saturare – sättigen, befriedigen) floh nach mythologischer Überlieferung vor seinem Sohn Jupiter nach Latium und wurde dort von Janus als ebenbürtig aufgenommen. Für die Gastfreundschaft revanchierte sich Saturn mit einem besonderen Geschenk: Er brachten den Bauern die Kunst des Acker- und Weinbaus bei und führte so ein "Goldenes Zeitalter" herbei, die "Saturnia regia". Blühende Kornfelder, reife Reben und Früchte nährten den Wohlstand der Menschen, ließen sie friedlich und respektvoll miteinander umgehen, ohne Standesunterschiede und Privilegien. In Anlehnung an diese Zeit errichteten die Stadtväter Roms 497 v. Chr. einen Tempel für Saturn, eines der ältesten steinernen Gebäude. Die Einweihung fand am 17. Dezember statt, der fortan als offizieller Feiertag und als Auftakt der Saturnalien begangen wurde.

"Verkehrte Welt"

Im Tempel brachten Priester Opfer dar, auf dem Forum wurde ein gigantisches öffentliches Mahl vorbereitet, die Statue Saturns inmitten des Festgeschehens platziert. Tausende von Besuchern kamen aus dem Umland, gesellten sich unter die Stadtbevölkerung, um zusammen "mit Saturn" zu speisen. Der reichlich fließende Wein – Saturns Erbe an die Menschen – mag dazu beigetragen haben, dass die Welt einen Tag und eine Nacht lang "verkehrt" war, wie Seneca schrieb: Normen, Sitten und Moral, Standesunterschiede und herrschende Verhältnisse galten nichts mehr, die Feiernden schlüpften in fremde Kostüme und fremde Rollen: Ein gewöhnlicher Mann aus dem Volk wurde zum König gewählt, führte prunkvolle Prozessionen an, die aus Wagen und geschmückten Schiffen auf Rädern bestanden.

Auf diesen Brauch gehen wahrscheinlich die heutigen Rosenmontagsumzüge zurück sowie das Ritual, ein Faschingsprinzenpaar zu wählen. Im antiken Rom mussten die Herren ihre Sklaven bedienen, deren Spott, Schelte und so manche unangenehme Wahrheit ertragen. Die Oberschicht trug die Kappen freigelassener Sklaven, denen die Fußfesseln abgenommen wurden. Zusammen mit ihren Herren genossen sie Speisen, Wein und Würfelspiel, wählten Festkönige, sangen mit rußgeschwärzten Gesichtern, tauchten sich gegenseitig in kalte Brunnen und lauschten den leichtbekleideten Saitenspielerinnen, die nach ihrer Darbietung oft ebenfalls "gebadet" wurden. Ein gigantisches, ein ungebändigtes Fest der Sinne, das den freigiebigen, aber auch wilden, ja teils grausamen Gott Saturn gnädig stimmen sollte.

"Carne-vale" – der Abschied vom Fleisch

Die ersten Christen in Rom beteiligten sich nicht an den Saturnalien. Dennoch ist das ausgelassene Kostümfest auch nach dem Untergang des Römischen Reichs gefeiert worden und breitete sich während der zunehmenden Christianisierung immer mehr aus. Im 12. Jahrhundert stellte der Papst einen christlichen Bezug zu dem uralten Brauch her, auch um ihn so wenigstens teilweise kontrollieren zu können: Er verordnete nach dem Narrentreiben eine Fastenzeit vor Ostern und verbot zwischen Aschermittwoch und Karfreitag den Verzehr von Fleisch. Der Begriff Karneval (Lat. Carne – Fleisch; vale – leb wohl) könnte sich aus der päpstlichen Verordnung herleiten: Bevor die Christen sich für die Dauer der Fastenzeit vom Fleisch "verabschieden" sollten, wollten sie während der Karnevalszeit noch einmal ausgiebig genießen, schlemmen und feiern.

Frühlingsfest

Nicht nur die Römer, auch die Germanen nutzen das Spiel der verkehrten Welt, der Verkleidung und Verwandlung, der Feiern und Freuden, um die Natur, das Schicksal, die Götter gnädig zu stimmen. Die meisten der weitverzweigten Germanenstämme feierten ein lautes, buntes Frühlingsfest, um mit gruseligen Geister-, Hexen- und Tiermasken, mit schaurigen Kostümen, ohrenbetäubenden Rasseln, Schellen und Trommeln die Dämonen des Winters zu vertreiben. Nach diesen gespenstischen Umzügen wurde der Frühlingsbeginn, wurde die erwachende Natur mit Festessen und Gesängen begrüßt.

Von New Orleans bis Rio de Janeiro. Von Mainz bis Venedig

Rio de Janeiro

Die "fünfte Jahreszeit" wird in vielen Ländern der Welt und auf mehreren Kontinenten gefeiert. In Rio de Janeiro wird der größte Karnevalsumzug der Welt scherzhaft als "dritte Jahreszeit" bezeichnet: Denn die Menschen bereiten sich dort monatelang auf die Parade der Samba-Schulen im eigens dafür erbauten Sambadrome vor: Auf riesigen Motivwagen stellen die Schulen und Vereine mit tausenden von Mitwirkenden bestimmte Themen dar, beteiligen sich in phantastisch bunten, glitzernden, sehr knappen Kostüme an der prächtigen Paraden. 600-800 Trommler pro Schule versetzen Mtwirkende und Zuschauer in Ekstase. Die heißen Samba-Rhythmen, die abwechslungsreichen Show-Effekte, der knisternde Sexappeal verwandeln Rio für einige Tage in einen magischen Ort. Dann wird der Sieger mit einer Karnevalskrone gekürt und ist ein Jahr lang der Stolz des ganzen Landes.

New Orleans

Spektakulär geht es auch in New Orleans an den Karnevalstagen zu, die nach dem Faschingsdienstag als Mardi Gras (fetter Donnerstag) bezeichnet werden. Christliche Kreise führten den Mardi Gras Mitte des 19. Jahrhunderts nach französischem Vorbild ein. Erste maskierte Umzüge zu Fuß und vereinzelt in Kutschen leistete sich die bessere Gesellschaft, die Bonbons und Süßigkeiten auf die Straße warf. Auch Mehltüten flogen vereinzelt in die Menge, die zur Belustigung aller die Szenerie „in Staub“ verwandelten. Nach dem Bürgerkrieg bildeten sich Karnevalsgesellschaften, die Prominente mit fetziger Musik anführten. Rund 150 Karnevalsgesellschaften gibt es heute in New Orleans. Entsprechend vielfältig, phatasievoll und verlockend sind die zahlreichen Umzüge, Paraden und Bälle organisiert, bei denen traditionell bunte Perlenketten unter das Volks verteilt werden. So begehrt wie die Einladungen zu den zahlreichen Events.

Venedig

Der "Carnevale di Venecia" geht wahrscheinlich auf ein Freudenfest zurück, das im 16. Jahrhundert nach der Pest-Epidemie gefeiert wurde. In der phantasievollen Lagunenstadt entwickelten sich die jährlichen Jubiläumsfeiern zu opulenten, ausgelassenen Veranstaltungen, auf denen die Standesunterschiede unter artifiziellen Halb- oder Ganzmasken verdeckt wurden. Auch hier stand das Rollenspiel im Vordergrund, berühmte Typen aus der Commedia dell‘arte lieferten die Modelle für die ästhetischen, wertvollen Kostüme: Die Columbina, der Arlecchino, der Pantalone oder Dottore werden immer wieder in zahlreichen Varianten  vorgeführt. Unter Napoleons Herrschaft gingen die Karnevalsfeiern zurück und wurden erst Anfang der 80er Jahre im 20. Jahrhundert wiederbelebt. Seither ziehen die Ritter- und Gauklerspiele rund um den Markusplatz, die Umzüge und Kostümbälle Touristen aus aller Welt in die Stadt. Jedes Jahr steht der Karneval von Venedig unter einem bestimmten Motto und beginnt – wie könnte es anders sein- mit einem Engelsflug hoch über den Dächern der Stadt im Meer.

Mohacs: Ungarn

Der Buscho-Umzug ist das größte und berühmteste Faschingstreiben in Ungarn. Nach einer Legende flohen die Bewohner des Landes vor den Türken ins südungarische Mohacs und feierten ein lautes Freudenfest, als die Bedrohung sich aufzulösen begann. Der Buscho-Umzug in der 900 Jahre alten Stadt gehört seit 2009 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Am Faschingsdienstag wird die Parade von donnernden Buschokannonen begleitet, bevor das Fest in einem gruseligen Ritual seinen Höhepunkt findet: Auf einem gigantischen Scheiterhaufen wird ein Sarg verbrannt und so der Winter symbolisch begraben. Einheimische und Touristen tanzen in furchterregenden zotteligen Tierfellkostümen mit urigen riesigen Holzmasken um das lodernde Feuer, vertreiben Eis und Schnee, nehmen Abschied von der kalten Jahreszeit.


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