ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Nikolaj Gogol - "Die toten Seelen"

Schön war er keinesfalls. Seine Schülerinnen, die er als Privatlehrer unterrichtete, verspotteten ihn als klein, krumm und wegen seiner langen, spitzen Nase. Vielleicht war es das lebenslange Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, das Gogol so zielsicher die menschlichen Schwächen beschreiben ließ.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Tilman Spengler führt durch die Literaturgeschichte. | Bild: Honorarfrei lediglich für Ankündigungen und Veröffentlichungen im Zusammenhang mit obiger BR-Sendung bei Nennung: Bild: BR/Foto Sessner. Die Nutzung im Social Media-Bereich sowie inhaltlich andere Verwendungen nur nach vorheriger schriftlicher Vereinbarung mit dem BR-Bildmanagement, Tel. 089 / 5900 10580, Fax 089 / 5900 10585, Mail Bildmanagement@br.de

Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 - 1852) wächst als Sohn eines Gutsbesitzers in der ukrainischen Provinz auf. Der Vater stirbt, als Gogol noch zur Schule geht. Die Einkünfte aus dem elterlichen Gut sind eher spärlich. Auf dem Gymnasium macht man ihm Hoffnung, er könne als Schriftsteller die Familie aus den ärgsten finanziellen Verpflichtungen befreien.

Erste Zweifel an seiner Begabung

Gogol nimmt diese Anregung ernst. Er packt ein paar Gedichte, Entwürfe und Novellen ein und macht sich nach dem Examen auf den Weg nach St. Petersburg. Doch eine vernichtende Kritik zerstört alle Hoffnungen: Gogol verbrennt eines seiner Manuskripte. Es ist nicht das letzte Mal, dass er so handelt.

Er flieht mit dem Schiff aus St. Petersburg nach Norddeutschland, nach Lübeck, Travemünde und Hamburg, kehrt aber nach wenigen Wochen wieder in die russische Hauptstadt zurück. So leicht will er sich nicht geschlagen geben. Auch später ist sein Leben immer wieder durch Fluchten und durch überstürzte Aufbrüche geprägt.

Enge Freundschaft mit Puschkin

Eine Stelle in St. Petersburg als Hochschulprofessor verliert er nach kurzer Zeit wieder. Enge Freunde zweifeln an seinen akademischen, keinesfalls jedoch an seinen literarischen Fähigkeiten. Bald nach Erscheinen der Novellen bekennt der zehn Jahre ältere Alexander Puschkin in einer Rezension, ein Bewunderer der Schriften Gogols zu sein. Seine Erzählung "Die Nase" sprengt alles, was bislang als Maßstab für Witz und Karikatur in der russischen Literatur gegolten hat. Und sie kündet vom Beginn der absurden Literatur.

Erfolg und Niedergang

Ende 1835 schreibt Gogol - er steckt wieder in Geldnöten - eine Komödie. Sie trägt den Namen "Der Revisor", passiert unbehelligt die Zensur und wird im April 1836 mit Erfolg uraufgeführt. Selbst der Zar soll bei der Premiere Tränen gelacht haben, obwohl sich das Stück satirisch mit der Verwaltung in seinem Reich befasst. Ein riesiger Theatererfolg, doch Gogol fühlt sich missverstanden. Er flieht nach Rom und schreibt dort 1842 seinen größten literarischen Erfolg, den Roman "Die toten Seelen".

Der Erfolg währt nicht lange. Gogol erkrankt an einer Psychose, fällt in die Hände eines dubiosen Priesters und verbrennt in einem Anfall von Wahnsinn den zweiten Teil von "Die toten Seelen". Doch stirbt er nicht an seiner Krankheit, sondern an den Folgen strengen religiösen Fastens im Alter von 42 Jahren.

"Die toten Seelen"

Leibeigene wurden damals in Russland von der staatlichen Verwaltung als "Seelen" geführt. Auf diese Seelen mussten Steuern entrichtet werden. Diese Steuerregister wurden erst nach längerer Zeit erneuert. Es konnte also einem Großgrundbesitzer geschehen, dass er für einen bereits verstorbenen Leibeigenen noch Jahre über dessen Tod hinaus Steuern zahlen musste.

Hier setzt der Geschäfts-Plan von Tschitschikow ein: Er kauft für einen lächerlich geringen Preis die Namen verstorbener Leibeigener - "toter Seelen" - ein und überträgt sie in seine eigenen Geschäftsbücher. Die Gutsherren sind froh, die Toten losgeworden zu sein, schließlich mindert das ihre Steuern. Aber Tschitschikow wird durch diese toten Seelen zu einem scheinbar wohlhabenden Mann und kann bei den Banken Kredite geltend machen.

"Vor dem Wirtshause angelangt, ließ Tschitschikow aus zwei Gründen halten: einerseits wollte er, daß die Pferde ausruhen, und andererseits hatte er auch selbst den Wunsch, etwas zu sich zu nehmen und sich zu stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art von Leuten um ihren Appetit und ihren Magen beneidet. Er hat für die großen Herren gar nichts übrig, die in Petersburg und in Moskau wohnen und den ganzen Tag darüber nachdenken, was sie morgen essen und was für ein Diner sie sich für übermorgen zusammenstellen lassen sollen; die vor diesem Diner erst Pillen schlucken und dann Austern, Seespinnen und andere Meerwunder verzehren, um später nach Karlsbad oder in ein kaukasisches Bad zu gehen. Nein, solche Herren haben in ihm niemals Neid erregt. Aber die Herren der mittleren Klasse, die auf der einen Poststation Schinken essen, auf der anderen ein Spanferkel, auf der dritten eine Scheibe Stör oder irgendeine Bratwurst mit Zwiebel, und die sich dann, als ob nichts geschehen wäre, zu einer beliebigen Stunde an die Mittagstafel setzen und kochendheiße Sterlettsuppe mit Aalen und Fischmilch löffeln und dazu Pasteten mit Schwanzstücken vom Wels verspeisen, so daß man vom bloßen Zuschauen Appetit bekommt - solche Herren genießen eine beneidenswerte Himmelsgabe! Gar mancher große Herr würde sofort die Hälfte seiner leibeigenen Seelen und die Hälfte der verpfändeten wie auch nicht verpfändeten Güter mit allen den ausländischen und russischen Vorbildern nachgeahmten Vervollkommnungen hingeben, nur um einen solchen Magen zu haben, wie ihn so ein Herr vom Mittelstande hat; leider kann man aber so einen Magen weder für Geld noch für Güter mit oder ohne Vervollkommnungen bekommen."

Nikolai Gogol: Die toten Seelen; nach der Übersetzung von Alexander Eliasberg


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