ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Das Nibelungenlied

Blutige Ereignisse, die Folgen von Verrat und Rache werden im Nibelungenlied überliefert. Brünhild und Kriemhild, zwei Frauen von hohem Stand, lieben beide den gleichen Mann, den tapferen Helden Siegfried. Man ahnt, wie die Geschichte ausgehen wird ...

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Tilman Spengler führt durch die Literaturgeschichte. | Bild: Honorarfrei lediglich für Ankündigungen und Veröffentlichungen im Zusammenhang mit obiger BR-Sendung bei Nennung: Bild: BR/Foto Sessner. Die Nutzung im Social Media-Bereich sowie inhaltlich andere Verwendungen nur nach vorheriger schriftlicher Vereinbarung mit dem BR-Bildmanagement, Tel. 089 / 5900 10580, Fax 089 / 5900 10585, Mail Bildmanagement@br.de

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Nibelungenlied zum deutschen Nationalepos erklärt. Dabei reichen die Ursprünge des rund 2.400 Strophen langen Heldenlieds aus dem frühen 13. Jahrhundert bis nach Skandinavien. Die Frage der Autorenschaft ist bis heute ungeklärt. Sein Inhalt ist den meisten Zeitgenossen durch die zahlreichen Bearbeitungen bekannt, allen voran Richard Wagners Opernfassung "Der Ring des Nibelungen".

Kriemhild und Brünhild - die Schöne und die Starke

Siegfried, Königssohn aus Xanten, reist nach Worms, um Kriemhild, die Schwester des Burgundenkönigs Gunther, zu umwerben. Der junge Held wird bei Hof freundlich empfangen und Kriemhild kann ihm nicht widerstehen. Aber Gunther will ihrer Heirat nur zustimmen, wenn Siegfried ihm hilft, Brünhild, die Königin von Island, als Ehefrau zu gewinnen. Brünhild hat nämlich geschworen, sich nur einem Mann hinzugeben, der sie im Dreikampf übertrifft.

Der (un-)besiegbare Held Siegfried

Als die Brautwerber auf Burg Isenstein eintreffen, verliebt sich Brünhild auf den ersten Blick in Siegfried: Sie spürt, dass er ihr im Kampf ebenbürtig ist, Gunther aber nicht. Umso tiefer ist ihre Enttäuschung, als Gunther sie besiegt. Brünhild weiß nicht, dass Siegfried - kraft seiner Tarnkappe unsichtbar und kräftemäßig nahezu unbesiegbar - beim Speer- und Steinwurf Gunthers Hand geführt und ihn beim Weitsprung sogar getragen hat. Aber sie ahnt, dass es beim Wettkampf nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

Der Betrug an Brünhild

Nur widerstrebend folgt Brünhild dem Burgundenkönig und seinem angeblichen Gefolgsmann Siegfried nach Worms, wo die Doppelhochzeit festlich begangen wird. Im Brautgemach wehrt sie sich vehement. Am Morgen danach bittet Gunther Siegfried, ihm noch einmal beizustehen. In der folgenden Nacht zwingt der Held die streitbare Braut mithilfe seiner Tarnkappe nieder. Bevor er Brünhild ihrem Ehemann überlässt, steckt er unbemerkt ihren Ring und ihren Gürtel ein. Später schenkt er die kostbaren Schmuckstücke seiner Frau Kriemhild.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf

Zehn Jahre danach sehen sich die beiden Paare bei einem Fest in Worms wieder. Auf der Treppe des Münsters spielt sich der legendäre Streit der Königinnen ab: Weil Siegfried sich bei Gunthers Werben als sein Lehnsmann ausgegeben hat, glaubt Brünhild, ihr gebühre der Vortritt ins Gotteshaus. In einer Auseinandersetzung klärt Kriemhild ihre Schwägerin darüber auf, wie ihre Hochzeitsnacht wirklich verlaufen ist und zeigt zum Beweis die gestohlenen Schmuckstücke. Damit ist Brünhilds schlimme Ahnung bestätigt: Sie wurde getäuscht, betrogen, verraten und ihrer Ehre beraubt.

Der blutigen Rache folgt der Untergang

Gunthers Gefolgsmann, Hagen von Tronje, der Siegfried von Anfang an feindlich gesonnen war, ist sofort bereit, die tödliche Beleidigung seiner Herrin blutig zu vergelten. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Siegfried wird mit Gunthers Einverständnis heimtückisch ermordet. Dreizehn Jahre später gelingt es Kriemhild, die inzwischen den Hunnenkönig Etzel geheiratet hat, ihre Rachepläne in die Tat umzusetzen, was letztlich zum Untergang der Burgunder führt.

Geniales Werk aus einer Hand?

Dieses Werk der mittelhochdeutschen Dichtung stammt zwar aus der Feder eines sowohl geistlich wie literarisch gebildeten Mannes im Umkreis des Passauer Bischofshofs, allerdings enthält es größere oder kleinere Änderungen und Zusätze von Bearbeitern. Seine Motive - Liebe, Verrat und Rache - sind zeitlos. Auch darum hat das Nationalepos der Deutschen über die Jahrhunderte wohl nichts von seiner Faszination eingebüßt.

"Da legte sich Siegfried   der Königin bei.
Sie sprach: 'Nun laßt es, Gunther,   wie lieb es euch auch sei,
Daß ihr nicht Noth erleidet   heute so wie eh:
Oder euch geschieht hier   von meinen Händen wieder Weh.'

Er hehlte seine Stimme,   kein Wörtlein sprach er da.
Wohl hörte König Gunther,   obgleich er sie nicht sah,
Daß Heimliches von Beiden   wenig geschehen sei;
Nicht viel bequeme Ruhe   im Bette fanden die Zwei.

Er stellte sich, als wär er   Gunther der König reich;
Er umschloß mit Armen   das Mägdlein ohne Gleich.
Sie warf ihn aus dem Bette   dabei auf eine Bank,
Daß laut an einem Schemel   ihm das Haupt davon erklang.

Wieder auf mit Kräften   sprang der kühne Mann,
Es beßer zu versuchen:   wie er das begann,
Daß er sie zwingen wollte,   da widerfuhr ihm Weh.
Ich glaube nicht, daß solche Wehr   von Frauen je wieder gescheh.

Da ers nicht laßen wollte,   das Mägdlein aufsprang:
'Euch ziemt nicht zu zerraufen   mein Hemd also blank.
Ihr seid ungezogen:   das wird euch noch leid.
Des bring ich euch wohl inne,'   sprach die waidliche Maid.

Sie umschloß mit den Armen   den theuerlichen Degen
Und wollt ihn auch in Bande   wie den König legen,
Daß sie im Bette läge   mit Gemächlichkeit.
Wie grimmig sie das rächte,   daß er zerzerret ihr Kleid!

Was half ihm da die Stärke,   was seine große Kraft?
Sie erwies dem Degen   ihres Leibes Meisterschaft.
Sie trug ihn übermächtig,   das muste nur so sein,
Und drückt ihn ungefüge   bei dem Bett an einen Schrein.

'O weh,' gedacht er, 'soll ich   Leben nun und Leib
Von einer Maid verlieren,   so mag jedes Weib
In allen künftgen Zeiten   tragen Frevelmuth
Dem Mann gegenüber,   die es sonst wohl nimmer thut.'"

Nibelungenlied: Nacht-Szene zwischen Siegfried und Brünhild; von Karl Simrock ins Hochdeutsche übertragen


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