ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Michel de Montaigne - "Essais"

Michel de Montaigne, Denker und Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, nahm sich die Freiheit, die Dinge der Welt so darzustellen, wie er sie sah und nicht, wie er sie in Büchern vorfand. Mit dieser Sichtweise schuf er eine neue Gattung in der Literatur: die Kunst des Essays.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Michel de Montaigne, geboren 1533 als Michel Eyquem, wurde in eine wohlhabende französische Familie aus der Gascogne geboren. Sein Vater, ein äußerst gebildeter Humanist, gab den Sohn in die Obhut eines aus Deutschland stammenden Hauslehrers, der mit dem Bub aber nur auf Latein reden durfte. Französisch galt als ähnlich vulgär wie das Deutsche. Seine Muttersprache durfte Michel erst wieder in der Schule, in Bordeaux, praktizieren.

Schwierige politische Verhältnisse

Er studierte Jura, wurde Parlamentsrat und später Bürgermeister von Bordeaux, heiratete die Tochter eines Amtskollegen und bekam sechs Töchter. In Frankreich herrschten damals spannungsgeladene politische Verhältnisse, ausgelöst durch religiöse Konflikte. Ihren Höhepunkt fand diese Auseinandersetzung in der Bartholomäusnacht, jener Nacht vom 23. auf den 24. August 1572, als erst in Paris, später in ganz Frankreich Tausende Hugenotten von Katholiken erschlagen wurden.

Freizügiger Denker

Essay:

Ein Essay ist ein Versuch. Essayer, das französische Verb heißt "versuchen", "sich einer Sache nähern", bedeutet: Das Sich-Herantasten an einen noch unbekannten Gegenstand. Und das mit sehr viel Humor bzw. mit sehr viel Esprit.

Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Montaigne auf sein Schloss zurückgezogen, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er liest die Klassiker, die Schriften der griechischen und der römischen Antike und findet bald seinen eigenen Stil. Mit dem Schreiben kommt die Selbstsicherheit, der Mut zum Witz, zum ausgefallenen Thema, zur literarischen Attacke. So wird Montaigne Widersacher von akademischen Talaren und allzu langen Zöpfen.

Skepsis gegenüber Dogmen

Montaigne stritt gegen hohle Dogmen und deren Vertreter auf praktisch allen Gebieten der Gelehrsamkeit: der Medizin wie der Religion, den Schönen Künsten, der Rechtswissenschaft und der Ökonomie.

In einem der zum Klassiker gewordenen rund hundert Essais reflektiert er über den Kannibalismus, die Projektion auf den bösen Wilden: Er stellt diesem aus Hass und Furcht zusammengefügten Bild des Fremden die Vision eines Menschen gegenüber, der eben nicht durch die oft zweifelhaften Segnungen der Zivilisation verunstaltet wurde.

Auf dem Index gelandet

Mit derartigen Erkenntnissen machte man sich damals keine Freunde in der katholischen Kirche. Kein Wunder, dass Montaignes Schriften auf dem vatikanischen Index verbotener Bücher landeten. Zeitlebens plagte ihn, der trotz der politischen Unruhen gerne reiste, ein böses Nierenleiden, das ihm 1592 einen sanften Tod bescherte.

Leseprobe: Über die Freundschaft

Wenn man in mich dringt, ich soll sagen, warum ich meinen Freund Boëtius liebte, so fühle ich wohl, daß sich das nicht anders ausdrücken läßt, als wenn ich antworte: "Weil's er war, weil ich's war." Es ist dabei etwas, das über meinen Verstand geht; und alles, was ich besonders davon sagen kann, ist, diese Vereinigung ward durch eine unbegreifliche, unwiderstehliche Macht vermittelt. Wir suchten uns, bevor wir uns noch gesehen hatten, und zwar durch Ähnlichkeiten in der Gemütsstimmung, die wir voneinander hörten und welche auf unsre Neigung stärker wirkten, als nach ihrem berechneten Verhältnis zu er warten gestanden hätte; ich glaube, es geschah auf Verordnung des Himmels. Wir umarmten uns durch unsere Namen; und bei unserer ersten Begegnung, die bei einem großen Feste und einer feierlichen Stadtgesellschaft geschah, fanden wir uns so aneinandergezogen, so bekannt miteinander, so verbunden, daß von der Stunde an uns nichts so nahe war als wir uns einer dem andern. Er schrieb eine vortreffliche lateinische Satire, welche gedruckt worden, worin er die Schnelligkeit unsers Einverständnisses, welches so stracks fort zu seiner Vollkommenheit gedieh, entschuldigt und erklärt. Da es nur so kurz von Dauer sein sollte und so spät begonnen hatte (denn wir waren beide schon Männer an Alter und er schon einige Jahre weiter), so hatte es keine Zeit zu verlieren und durfte sich nicht nach dem Muster der schlaffen und regelgerechten Freundschaften richten, wobei so viele Behutsamkeit und so lange vorausgehende Bekanntschaft erfordert wird.

Michel de Montaigne: Essais; Übers. v. J.J.C. Bode


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