ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Lu Xun - "Die wahre Geschichte des Ah Q"

Lu Xun gilt in China als Begründer der modernen Literatur. Seine bekannteste Novelle "Die wahre Geschichte des Ah Q" zeichnet am Beispiel eines Underdogs ein Psychogramm von Chinas Gesellschaft zum Ende der letzten Kaiserdynastie.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Lu Xun | Bild: Bayerischer Rundfunk

Lu Xun (1881 - 1936) wurde 1881 unter dem Namen Zhou Shuren geboren. Die Qing-Dynastie war von den Opiumkriegen und deren Nachwirkungen bereits reichlich erschüttert, als mit Lu Xun der älteste Sohn einer verarmten Familie von Großgrundbesitzern in der ostchinesischen Stadt Shaoxing aufwuchs. Das beschaulich-traditionelle Shaoxing wurde zum inspirierenden Mikrokosmos, dem Lu Xun in seinen Erzählungen sein Leben lang treu blieb.

Nähe zur deutschen Sprache und Literatur

1900 ging Lu Xun an eine von Deutschen gegründete Schule für Berg- und Bahnbau nach Nanjing, wo er sich zwei Jahre mit deutscher Sprache und Literatur beschäftigte. 1902 wechselte er für ein Medizinstudium nach Japan, weil er von der traditionellen chinesischen Medizin wenig hielt. Dort widmete er sich allerdings der ausländischen Literatur und Philosophie. Er ließ sich von Freud und Nietzsche inspirieren und begann kulturkritische Essays zu verfassen, weil er der Überzeugung war, dass China nur dann eine Chance zum Überleben besäße, wenn es sich dem Westen öffnet, ohne sich dabei selbst zu verleugnen.

Kein Revolutionär, aber ein Aufklärer

Nach seinem Japan-Aufenthalt wäre Lu Xun 1909 gerne zum Studium nach Deutschland gegangen; stattdessen musste er zurück in seine Heimatprovinz Zhejiang, um als Lehrer für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Nun war er gezwungen, die traditionellen Grundlagen der chinesischen Bildung zu unterrichten, deren einschüchternde Wirkung er selbst als Kind erfahren hatte. Ab 1911 begann er erste Erzählungen zu verfassen, und zwar in der Umgangssprache Baihua anstatt in der Schriftsprache Wenyan.

Hauptschaffenszeit und Ernüchterung

Von 1911 bis 1925 lebte Lu Xun in Peking, wo er als Mitarbeiter im Erziehungsministerium und später als Universitätsdozent tätig war. Diese Zeit war für ihn die literarisch produktivste Phase. Er galt als Vertreter der Bewegung des vierten Mai von 1919, die auch als chinesische Aufklärung bezeichnet wird.

1936 starb Lu Xun in Shanghai, wohin er 1927 gegangen war, um der Zensur zu entgehen. In seinem letzten, "Tod" betitelten Essay verfügte er gegenüber der Nachwelt: "Macht es kurz, beerdigt mich, und Schluss. Bitte keine Grabreden. Vergesst mich und kümmert euch um euer eigenes Leben - wenn nicht, seid ihr selbst schuld." Eine Schulbuchkommission der Kommunistischen Partei nahm das 2007 allzu wörtlich: Sie entfernte die Novelle aus dem Literaturkanon der Oberstufe - zugunsten populärer Kung-Fu-Romane.

"Die wahre Geschichte des Herrn Ah Q"

Der Tagelöhner Herr Ah Q träumt kurz vor dem Sturz des Kaiserreiches davon, der Partei der Revolution anzugehören. Jener Ah Q ist ein Virtuose in der Umdeutung der eigenen Niederlage zum Sieg, indem er sich noch jede Demütigung schönredet. Am Ende wird er wegen eines nicht begangenen Diebstahls hingerichtet. Doch noch aus dem Ritual der Hinrichtung schöpft er Trost. Schließlich verhilft ihm auch die öffentliche Exekution zu einer gewissen Bedeutung. Allerdings wird er nicht geköpft, sondern nur erschossen, was das Publikum mit einer gewissen Enttäuschung registriert. Man hatte sich mehr von dem Spektakel erwartet.


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