ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


6

Klassiker der Weltliteratur Heinrich Mann - "Der Untertan"

Diederich Heßling ist ein Machtmensch, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Mit der Schilderung dieses Charakters lieferte Heinrich Mann eine Analyse der wilhelminischen Zeit. Erst spät wurde die Bedeutung einer der größten deutschen Satiren des 20. Jahrhunderts erkannt.

Stand: 16.10.2017 | Archiv

Heinrich Mann | Bild: picture-alliance/dpa

Heinrich Mann (1871 - 1950) ist das älteste Kind des Lübecker Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Ehefrau Julia und Bruder des vier Jahre jüngeren Thomas Mann. Heinrich wuchs in wohlhabenden Verhältnissen in Lübeck auf, wo sein Vater Senator für Wirtschaft und Finanzen war.

Vom Buchhändler zum Romanautor

Heinrich wollte Schriftsteller werden, sollte auf Betreiben seines Vaters aber etwas Kaufmännisches lernen. Zunächst machte er eine Buchhandelslehre in Dresden, später ging er als Volontär in den S. Fischer Verlag nach Berlin. Dort zog er sich ein ernsthaftes Lungenleiden zu. Die Krankheit zwang ihn zu längeren Kuraufenthalten in Wiesbaden und Lausanne in der Schweiz. Nachdem sein Vater 1891 starb, konnten die Manns von den Zinsen seines Vermögens bequem in München leben. Mit 21 Jahren durfte sich Heinrich endlich der Schriftstellerei widmen.

"Der Untertan" - satirischer Roman

Das erfolgreichste Werk von Heinrich Mann ist "Der Untertan". An dem Roman arbeitete er zwischen 1906 und 1914. Der Vorabdruck in einer Illustrierten fiel der Zensur zum Opfer und wurde mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbunden. Nach Kriegsende wurde der Roman fast hunderttausendmal in Deutschland verkauft.

Der Untertan ist die Geschichte des Diederich Heßling. Dieser erfolgreiche Machtmensch ist extrem anpassungsfähig. Er arrangiert sich mit den kulturellen oder politischen Strömungen seiner Zeit, wenn diese nur Sicherheit oder Gewinn versprechen. Dem damaligen Kaiser Wilhelm II. ist er treu ergeben, bis in die nach oben gezwirbelten Schnurrbartspitzen hinein. Heßling ist eine typisch deutsche Figur seiner Zeit, die nach oben buckelt und nach unten tritt. In einer bitteren Satire erzählt Heinrich Mann über die wilhelminische Epoche und analysiert die Situation der Vorkriegszeit.

"Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen"

Im Gedächtnis bleibt ebenfalls der 1905 veröffentlichte Roman "Professor Unrat" und das nicht nur, weil dieser Stoff - ein Vierteljahrhundert später - im Film "Der Blaue Engel" der jungen Marlene Dietrich zu einem ersten Welterfolg verhalf. Auch hier wendet sich Heinrich gegen die verlogene Moral des Bürgertums. Da die Personen des Romans an Bewohner der Stadt Lübeck erinnerten, wurde das Werk faktisch totgeschwiegen.

Bruderzwist mit Thomas Mann

Nicht nur in seinem gesellschaftlichen Umfeld, auch in der eigenen Familie eckte Heinrich an. Sein jüngerer Bruder Thomas, mit dem er in politischen wie in künstlerischen Fragen häufig uneins war, warf ihm im Zusammenhang mit dem Untertan "ruchlosen Ästhetizismus" vor. Zum Bruch kam es, als Heinrich die Teilnahme des Deutschen Reichs am Ersten Weltkrieg strikt ablehnte, Thomas dagegen sich verklausuliert dafür aussprach.

Leben im amerikanischen Exil

Beide mussten in der Zeit des Nationalsozialismus ins amerikanische Exil gehen. Heinrich emigrierte über Frankreich, die Pyrenäen, Spanien und Portugal nach Kalifornien. In Santa Monica engagierte er sich stark für die Arbeit des politischen Widerstands. Er schaffte es auch die beiden historischen Romane "Die Jugend des Königs Henri Quatre" und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre" zwischen 1935 und 1938 zu schreiben. 1950 starb er in Amerika, kurz vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland, wo er zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt worden war.

"Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben."

Heinrich Mann: Der Untertan


6