ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Else Lasker-Schüler - "Styx"

Gottfried Benn nannte sie "die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte". Kafka fand sie furchtbar. Für Rilke war sie Konkurrenz. Else Lasker-Schülers Sprache polarisierte ebenso wie ihr extravagantes Auftreten. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen des Expressionismus.

Stand: 12.07.2016 | Archiv

Else Lasker-Schüler | Bild: picture-alliance/dpa

Else Lasker-Schüler, 1869 in Elberfeld, Wuppertal, geboren, führte ein unangepasstes Leben. Sie konnte sehr früh lesen und schreiben, galt als Wunderkind, brach als Jugendliche die Schule ab, heiratete früh, ließ sich scheiden, heiratete noch einmal, ließ sich wieder scheiden, hatte Liebhaber, erregte Aufsehen in ihren selbstgeschneiderten bunten Outfits, tingelte nachts durch die Berliner Kaffeehäuser und scheute nie die Öffentlichkeit.

Extrem fühlen, extrem leben

Lasker-Schüler fühlte und lebte extrem. So wurde sie zu einer Triebkraft der Avantgarde, die damals die Kunst- und Literaturszene revolutionierte. Jedem, den sie liebte und verehrte, setzte sie ein Denkmal in ihrem Schreiben. Die Form der literarischen Liebeserklärung erfand sie gewissermaßen neu, da Lasker-Schüler für ihre Liebeslyrik und Prosa auf eine unvergleichlich reichhaltige Fantasie zurückgriff. Außerdem schrieb sie so radikal subjektiv, wie man es bisher noch kaum kannte. Für ihre "Hebräischen Balladen" griff sie auf die jüdischen Wurzeln ihrer Vorstellungskraft zurück und erschloss der Dichtung damit einen neuen Bilderschatz. Ihre Schwärmerei erwiderten längst nicht alle, aber das war egal - es ging ums Gefühl an sich und um den Ausdruck in schwindelerregenden Sprachbildern.

Else Lasker-Schüler und das Geld

Die Schriftstellerin lebte über ihre Verhältnisse. Zwar war sie zwischen 1902, als ihr Gedichtband "Styx" erschien, und 1923, als sie den Lyrikband "Theben" veröffentlichte, durchaus erfolgreich. Trotz ihres Ruhms reichte das Geld nie. Als schließlich die Nazis aufmarschierten, musste Lasker-Schüler Deutschland verlassen. Sie ging nach Palästina, wo sie 1945 verarmt und einsam in Jerusalem starb.

"Frühling:
Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so, wie du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb'
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durch's Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Freund zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du mußt mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
- - - Und ganz mein Eigen ..."

(Else Lasker-Schüler: Frühling. Aus dem Lyrikband Styx)


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