BR Fernsehen - nachbarn


32

Albanien Albaniens Frauen kämpfen um ihre Zukunft

Im Norden Albanien ist die Zeit stehen geblieben: hier gilt immer noch der Kanun, ein im Mittelalter formulierter Verhaltenskodex. Die Frau ist demnach Eigentum des Mannes - wer sie schlägt oder gar umbringt, tut nichts Unrechtes.

Von: Manuela Roppert

Stand: 13.04.2014 | Archiv

Nebel steigt über einer hügeligen Landschaft mit Bergen im Hintergrund auf | Bild: BR

In den Bergen Nordalbaniens herrscht ein raues Klima. Rau sind auch die Gesetze, die hier gelten: Der Kanun, ein aus dem Mittelalter stammendes Gewohnheitsrecht, bestimmt immer noch den Alltag der Menschen. Frauen sind demnach das Eigentum ihrer Ehemänner, die nicht nur über deren Leben entscheiden, sondern auch über deren Tod.

Fabiola Laco-Egro ist Mitbegründerin der albanischen Frauenbewegung. Sie wohnt in der Hauptstadt Tirana. Ihr Kampf für die elementaren Rechte der Frauen führt sie immer wieder in die archaisch geprägte Bergwelt des Nordens.

Fabiola Laco-Egro

Puka ist eine Kleinstadt mit etwa 3000 Einwohnern. Die Cafés und Kneipen im Ort werden nach wie vor fast ausschließlich von Männern besucht. Fabiola und ihre Mitstreiterin Migena haben keine Scheu, hier etwas trinken zu gehen. Die beiden sind selbstbewusst genug, um sich von den neugierigen Männerblicken nicht verunsichern zu lassen. Vor einigen Jahren, erinnert sich Fabiola, wurde sie in einem Café noch etwas weiter oben in den Bergen nicht einmal bedient:

"Das Café war voller Männer, und diese Männer haben sich wahrscheinlich gedacht, dass wir Ausländerinnen sind. In diesem Dorf konnten sich die Männer überhaupt nicht vorstellen, dass Frauen alleine in ein Café gehen können und sie haben sofort angefangen, aufgeregt und laut darüber zu diskutieren, wie so etwas überhaupt möglich sei. Das war für uns der Anlass, ein Frauenzentrum hier im Norden Albaniens zu eröffnen, damit künftig auch die Frauen einen Ort haben, wo sie sich treffen können."

Fabiola

Einen Kaffee bekommen die Frauen hier inzwischen immerhin - aber eine Frau, die aus dieser Gegend stammt, würde es niemals wagen, ohne ihren Ehemann hier etwas zu bestellen.

"Es hat sich schon einiges verändert, aber es gibt noch viel zu tun. Gewalt in der Familie ist immer noch ein großes Problem. Auch die berufliche Bildung der Frauen sowie der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist ein wichtiges Thema für uns. Denn solange die Frauen von ihren Männern abhängig sind, können sie sich kaum gegen Gewalt in der Familie wehren."

Fabiola

Hier in Puka unterhält Fabiolas Organisation eines von insgesamt drei Frauenzentren in Albanien. Finanziert werden sie von deutschen und österreichischen Hilfsorganisationen.

Gewalt von Männern gegen Frauen

Feminismus westlicher Prägung wäre hier fehl am Platz, meint Fabiola und orientiert sich bei ihrer Arbeit an den Bräuchen der Region. Die gespielte Braut sieht nicht zufällig traurig aus. Viele Albanerinnen gehen zumindest hier im Norden mit gemischten Gefühlen in die meist arrangierte Ehe.

24 albanische Frauen sind im letzten Jahr zu Hause getötet worden - von ihren Männern, ihren Vätern oder ihren Söhnen. Der Kanun gibt ihnen das Recht dazu, wenn die Frau ungehorsam oder untreu ist.

In einem Nebenraum des Zentrums führt die medizinische Fachkraft Meliha kostenlos Untersuchungen durch. Denn im örtlichen Krankenhaus ist selbst der Gynäkologe ein Mann. Mit solchen Angeboten verschafft Fabiola den Frauen auch einen Vorwand, um von ihren Männern die Erlaubnis zu bekommen, alleine das Haus zu verlassen.

Nur ein Mann kann der Träger der Familienehre sein - so schreibt es der Kanun vor und diese Ehre muss er auch verteidigen, notfalls mit dem Gewehr: Selbstjustiz und Blutrache existieren in Nordalbanien nach wie vor, auch wenn die Regierung in Tirana die Zahl der Fälle gerne herunterspielt. Denn der Balkanstaat strebt in die EU.

Mustafa Arifaj ist Oberhaupt einer Großfamilie. Von denen gibt es nur noch wenige hier im Dörfchen Kryezi. Viele sind schon weggezogen, weil das Überleben in den Bergen immer schwieriger wird.

Mustafas Schwiegertöchter sind nach der Heirat hierher auf den Hof gezogen - das entspricht der Tradition. Die Tochter von Hasije und Mustafa wohnt dagegen bei ihrem Ehemann, den der Vater für sie ausgesucht hat.

Feldarbeit ist Frauensache

Die Arbeit auf dem Feld ist Frauensache. Hasije Arifaj und ihre Schwiegertochter sind an den Knochenjob gewöhnt. Das war auch schon während des Kommunismus so. Damals herrschte Berufspflicht, auch für die Frauen. Neben Haushalt und Landwirtschaft mussten sie, oft weit entfernt von ihrem Wohnort, einer Arbeit nachgehen. Ihre untergeordnete Stellung zu Hause hat das aber nicht verändert. Die Regeln des Kanun haben im erzkatholischen Norden auch die Zeit der Hodscha-Diktatur überdauert.

Fabiola und ihre Mitarbeiterin Ermira sind auf dem Weg zu einem ihrer Schützlinge. Von Puka aus dauert die Fahrt dorthin etwa zwei Stunden, bei Regen noch länger.

Lumturije Fetaj ist seit 12 Jahren verheiratet, aber im Alltag auf sich alleine gestellt. Lumturije heißt auf Deutsch Glückseligkeit. Doch von diesem Zustand ist die 37-Jährige weit entfernt: Sie hat Tiere zu versorgen. Und wenn es nicht gerade in Strömen gießt, muss sie noch das Holz hacken, den Garten in Schuss halten und auf dem Feld arbeiten.

Fabiola und Ermira schauen manchmal nach ihr und helfen ihr mit den Kindern.

Lumturijes Mann ist in Griechenland. Er sucht dort nach Arbeit, findet aber seit vier Jahren nur noch Gelegenheitsjobs. Nach seinen seltenen Besuchen zu Hause wird sie fast jedes Mal schwanger. Der jüngste ist erst drei Wochen alt und hat noch keinen Namen.

Geld schickt der Ehemann kaum nach Hause. Deswegen müssen Lumturije und ihre fünf Kinder von 30 Euro Sozialhilfe im Monat leben.

Durrёs

Durrёs, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist das Ziel vieler Zuwanderer aus dem Norden. Hier treffen die archaischen Sitten aus den Bergen auf mediterranes Flair. Durrёs hat den größten Hafen und ist nach dem nur 30 Kilometer entfernten Tirana die wirtschaftlich wichtigste Stadt des Landes.

Fabiola lebt in Tirana, stammt aber eigentlich aus Durrёs. Sie hat oft hier zu tun. Denn inzwischen häufen sich die Fälle von familiärer Gewalt gegen Frauen.

Häusliche Gewalt - endlich auch in Albanien eine Straftat

Nach einer Kampagne von unabhängigen Organisationen wie der von Fabiola ist häusliche Gewalt in Albanien seit zwei Jahren endlich eine Straftat. Den Tätern drohen nun bis zu fünf Jahren Haft, aber nur wenn die Frau selbst Anzeige erstattet.

Die Mehrheit der betroffenen Frauen scheut immer noch davor zurück, Anzeige gegen den eigenen Mann zu erstatten. Und wenn sie es doch tun, setzt der Druck innerhalb der Familie ein und viele Opfer machen schließlich einen Rückzieher.

Fabiola versucht ihnen in ihrem Zentrum in Durrёs mit Hilfe von Psychologinnen den Rücken zu stärken. Doch wirksamen Schutz bieten vor den prügelnden Männern kann sie nicht. Das Zentrum "Heute für die Zukunft" ist kein Frauenhaus im klassischen Sinn, dazu fehlen die finanziellen Mittel.

"Wir bekommen täglich Anrufe von Frauen, den Gewalt in ihrer Familie angetan wird. Hier ist ein Brennpunkt. Denn die Arbeitslosigkeit ist besonders hoch. Und es gibt auch viele Zuwanderer aus den Dörfern, die ihre besondere Mentalität, geprägt durch die patriarchalischen Strukturen dort, hierher mitgebracht haben."

Fabiola

Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Viola ist Fabiola auf dem Weg zu einem Opfer, dem sie beistehen will. Sie macht sich Sorgen, ob die Frau, die knapp dem Tod entkommen ist, ihre Anzeige auch aufrechterhält.

Vojsava Arapi ist mit ihrem Mann vor einigen Jahren aus Nordalbanien hierhergezogen. Sie hat Arbeit als Schneiderin gefunden, der Mann ist arbeitslos. Vojsava würde nicht mehr leben, wenn ihr siebenjähriger Sohn Elidon nicht gewesen wäre.

Vor einigen Monaten kam Vojsava etwas später als ihre Kolleginnen von der Arbeit nach Hause. Wegen eines Feiertages hatte sie noch kurz in der Kirche gebetet. Der eifersüchtige Ehemann unterstellte ihre Untreue. Gemeinsam mit dem älteren Sohn schnitt er Vojsava die Haare ab und bedrohte sie mit einem Messer. Der kleine Elidon lief zur Polizei und rettete seiner Mutter damit das Leben.

Von ihrem Mann will sie sich scheiden lassen - das hat sie heute versichert. Doch wie ihr Leben hier alleine weitergehen soll, weiß sie noch nicht.

Die Frau alleine zählt nichts

Die Familie ist alles in Albanien, der einzelne nichts. Frauen, die ohne Familie ihre eigenen Wege gehen wollen, haben es deswegen schwer.

Fabiolas Konsequenz nach vielen Jahren Engagement für die Sache der Frauen: die Männer müssen mit einbezogen werden , sonst wird sich nie etwas ändern:

"Ich glaube an die albanischen Frauen und ihre Kraft. Nur sie können die Gesellschaft und die Familie verändern. Aber ich bin keine Feministin, die gegen die Männer kämpft. Wir müssen zusammen mit den Männern Albanien verändern."

Fabiola

Fabiola versucht die Stellung der Frauen innerhalb der Familie zu stärken. Deswegen unterstützt ihr Zentrum sie bei ihrem Weg in die wirtschaftliche Selbständigkeit und ermöglicht ihnen eine Berufsausbildung.

Während des Kommunismus waren Frauen zumindest offiziell gleichberechtigt. Doch nach dem Zusammenbruch des alten Regimes und der damit verbundenen Wirtschaftskrise sind viele Frauen von ihren Posten verdrängt worden und aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Die chaotische politische Entwicklung nach dem Untergang des Kommunismus wurde von den Männern bestimmt - und das ist weitgehend bis heute so geblieben.

Eine Juristin verklagt die Regierung

In der Hauptstadt Tirana gibt es selbstbewusste Frauen, doch von der Selbstverständlichkeit, mit der ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen inzwischen ihre Rechte einfordern, sind sie noch weit entfernt.

Ob Mann oder Frau - wer etwas erreichen will, im neuen Albanien muss sich arrangieren mit den Mächtigen im Land. Korruption und Vetternwirtschaft sind hier weit verbreitet.

Ina Rama, inzwischen juristische Beraterin einer Bank, wollte dagegen vorgehen. Doch dann wurde sie kalt abserviert. Fast zwei Jahre war die frühere Richterin arbeitslos, jetzt ist sie froh hier einen neuen Job gefunden zu haben.

Als ehemalige Generalstaatsanwältin schreckte Ina Rama nicht davor zurück, auch Mitglieder der Regierung anzuklagen. Ihre Amtszeit wurde kurzerhand auf fünf Jahre verkürzt und auch die Rückkehr in ein Richteramt hat man ihr bislang verweigert, obwohl ihr das zustünde.

In ihrem privaten Arbeitszimmer schreibt die Juristin nun an ihrer Dissertation. Sie ist vorsichtig geworden. Zu deutlich wurde ihr vor Augen geführt, wie der Männer-Klüngel im Land mit mutigen Frauen umgeht.

Für Transparency International ist Albanien eines der korruptesten Länder Europas - nur Russland und die Ukraine werden noch schlechter bewertet.

Auslese bereits in der Schwangerschaft

Ein anderes Phänomen, das in Albanien verbreitet ist, kennt man sonst nur aus Entwicklungsländern: Auf der Neugeborenen-Station der Frauenklinik in Tirana kommen wie im ganzen Land mehr Jungen als Mädchen zur Welt. Den Statistikern der Vereinten Nationen zufolge sind es 112 Jungen auf 100 Mädchen - Zustände wie in Indien oder China - und ein Hinweis darauf, dass Mädchen in Albanien gezielt abgetrieben werden.

Auch Doktor Erlin Kurti, Gynäkologe und Geburtshelfer, wurde schon mit dem Wunsch nach einer selektiven Abtreibung von Mädchen konfrontiert. Ihm ist es, sagt er, aber bislang gelungen, die werdenden Eltern umzustimmen.

"Wir sind immer noch ein patriarchalisches Land und solche Fälle gibt es bei uns. Aber eine selektive Abtreibung ist legal gar nicht möglich, denn das Geschlecht eines Kindes kann man erst ab der 13. oder 14. Woche erkennen. Eine Abtreibung ist bei uns aber nur bis zur 12. Woche erlaubt. Wir hatten in Albanien eine intensive öffentliche Debatte darüber, ob man den künftigen Eltern das Geschlecht ihres Kindes vor der Geburt überhaupt sagen soll, um solche Fälle zu minimieren."

Erlin Kurti

Bislang gibt es noch die Möglichkeit, das Geschlecht eines ungeborenen Kindes bei einer Ultraschall-Untersuchung zu erfahren. Diese werdende Mutter ist im vierten Monat schwanger. Ihr ist es egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Doch immer wieder üben Ehemänner oder die Schwiegermütter Druck aus, weibliche Föten abzutreiben.

Erschreckende Zustände in einem europäischen Land, das demnächst den Status eines offiziellen EU-Beitrittskandidaten erhalten will.

Der Wunsch unbedingt männliche Nachkommen zu haben, ist nicht nur unter der muslimischen Mehrheit im Land verbreitet, sondern auch unter den Orthodoxen und Katholiken. Seit Skanderbegs Zeiten, der vor fast 600 Jahren gegen die Osmanen kämpfte, hat sich in dieser Frage in Albanien nicht viel verändert. Und der politische Wille dazu fehlt offenbar immer noch.

Wenn im fernen Tirana ein Gleichstellungsgesetz beschlossen wird, ist das für Hasije Arifaj kaum von Bedeutung. Sie hat sich ihrem Schicksal ergeben, so wie die meisten anderen hier. Frauen wie Fabiola werden einen langen Atem brauchen für ihren Kampf um die Frauenrechte in Albanien.

Dieser Text ist eine stark gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Sendungsmanuskripts, das Sie hier unten vollständig als Download abrufen können.


32