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Ex-Telekom-Azubi Adriana "Azubis sind keine billigen Arbeitskräfte"

Sie saß auf dem Boden, hat Hilfsarbeiten gemacht und kaum etwas gelernt: Adriana fühlt sich nach ihrer Ausbildung bei der Telekom nicht für den Beruf gewappnet. Ihre Erfahrungen will sie jetzt nutzen, um anderen Azubis zu helfen.

Von: Anne Hemmes

Stand: 30.10.2015 | Archiv

Name: Adriana

Alter: 21

Ausbildungsberuf: Kauffrau für Bürokommunikation

Adriana redet ruhig, nur wenn sie sich über Ungerechtigkeiten ärgert, wird ihre Stimme lauter. Wenn sie von ihrer Ausbildung bei der Telekom erzählt, hört man hinter fast jedem Satz ein Ausrufezeichen. Schon nach zwei bis drei Monaten hat sie nichts mehr dazugelernt, sagt sie. Müsste sie den Beruf heute ausüben, würden ihr die nötigen Kenntnisse fehlen. "Ich müsste sagen: Tut mir leid, von Sekretariatsaufgaben habe ich keine Ahnung, mit SAP habe ich noch nie gearbeitet. Das ist krass, weil das eigentlich die Voraussetzungen für den Job sind."

Die 21-Jährige kennt ihre Rechte als Azubi sehr gut: Sie war seit Beginn ihrer Ausbildung in der Auszubildendenvertretung und ist seit drei Jahren bei Verdi aktiv. Zu ihrer Ausbildung gehörte auch eine Station im Sekretariat - dort ist sie aber in ihren zweieinhalb Jahren Ausbildung nie gewesen. Stattdessen war sie in der Technik-Abteilung, in einem Tagungshotel und in einem Telekom-Shop. Sie kritisiert, dass sie dort nicht das gelernt hat, was vorgesehen war. "Von der Telekom hatte ich etwas anderes erwartet, immerhin sind sie einer der größten Ausbilder in München. Monatelang habe ich jeden Morgen die Post geholt, die Sachen in ein System eingegeben und das war’s."

Anderthalb Stunden war sie mit dieser Aufgabe beschäftigt. Den restlichen Tag musste Adriana sich selbst beschäftigen. "Ich habe Telefone sortiert, denn meine Abteilung war dafür zuständig, dass die Mitarbeiter ihre Diensthandys bekommen. Viermal die Woche habe ich das gemacht. Ich habe sie nochmal aus dem Schrank geräumt, nochmal schöner gemacht, nochmal die Kopfhörer ordentlicher zusammengelegt - einfach nur damit ich etwas zu tun hatte."

"Teilweise ist es Ausbeutung, was mit den Azubis passiert"

Adriana hat sich nicht nur unterfordert, sondern auch ausgenutzt gefühlt. "Einmal hat ein Kollege zu mir gesagt: 'Du kannst meine Kaffeetassen in die Kantine bringen, du bist ja Azubi.' Als ich das gehörte habe, habe ich gedacht: 'Ich glaube, du hast das Prinzip einer Ausbildung nicht verstanden.'" Ein Sprecher der Telekom hat gegenüber PULS gesagt, dass man Adriana nicht abspreche, dass sie diese Erfahrung gemacht habe - das sei aber "alles andere als die Regel", und generell habe die Telekom einen guten Ruf bei den Azubis.

Adriana wusste, dass sie sich solche Sprüche nicht gefallen lassen muss und hat öfter dagegen gehalten. "Man muss sich das vorstellen: Unser Büro in der Technik war ungefähr 20 Quadratmeter groß. Dort saßen meine Betriebskraft, also der Kollege, der direkt für mich zuständig war, und ein weiterer Mitarbeiter. Zusätzlich saßen da noch sechs Azubis – wir hatten aber nur drei PCs." Adriana hat die meiste Zeit auf dem Boden gesessen, weil kein Platz war. So hat sie sich ihren ersten Hexenschuss geholt . "Mit 18 Jahren! Auch schön", sagt sie und lacht verbittert. "Ich habe mich natürlich darüber beschwert, dass wir keinen Platz hatten, aber meine Betriebskraft hat nur abgewunken und gemeint: "Du brauchst mir gar nicht mit deinem Gewerkschaftszeug kommen".

"Meine Kritik wurde nicht ernst genommen"

Während der Ausbildung wollte Adriana ändern, dass alle Betriebskräfte eine verpflichtende Schulung machen müssen, wenn sie Azubis betreuen. Bisher ist das freiwillig.  "Die meisten wissen gar nicht, wie sie überhaupt mit einem Azubi umgehen sollen. Ich habe in meiner ganzen Ausbildungszeit nur eine Betriebskraft getroffen, die diese Schulung gemacht hat." Das wirkt sich auf die Azubis direkt aus, kritisiert sie. "Man kommt in den Betrieb, zwei, drei Tage wird einem vermittelt, was man tun soll und danach ist man nur eine billige Arbeitskraft."

Es kann nicht sein, dass ein Azubi eine Abteilung alleine schmeißt, schimpft Adriana. Sie hat das vor allem in den Shops miterlebt. "Die Ausbildung ist dazu da, um zu lernen und nicht um die Arbeit von anderen zu erledigen." Adriana ist mit ihren Erfahrungen noch politischer geworden. In der  Gewerkschaft ist sie im gesellschaftspolitischen Kreis, im Bezirksjugendvorstand und in der Geschäftsführung und engagiert sich viel in der Flüchtlingspolitik. Ihre Erfahrungen in der Ausbildung will sie nutzen: "Ich möchte anderen Azubis helfen, damit sie wissen, was ihre Rechte sind. Ich mache jetzt mein Abi nach, dann will ich studieren - Lehramt oder soziale Arbeit", sagt sie und lächelt. "Es ist anstrengend, was ich jetzt mache, ich schleppe auch immer zwei Kalender mit mir herum, aber ich bin zufrieden. Es fühlt sich richtig an."


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