Jetzt mit Stephan Rehm und Simon Frontzek In die Nacht

Info Aus Liebe zu den Tönen starten wir Sonntag in die Nacht mit alternativen Klängen: Tomte-Keyboarder Simon Frontzek und Musikexpress-Redakteur Stephan Rehm legen jeden zweiten Sonntag aktuelle Hits und vergessene Geheimtipps auf.


27

Friseur-Azubi Lisa "Ich habe nichts gelernt"

Lisa wollte unbedingt Friseurin werden. Aber schon nach ein paar Monaten als Azubi kam der Frust: Statt Haare schneiden zu lernen, musste sie den Salon putzen. Am Ende zog sie die Notbremse.

Von: Theresa Authaler

Stand: 29.10.2015 | Archiv

Lisa bleibt leiber anonym - aus Angst vor ihrer ehemaligen Chefin | Bild: Theresa Authaler

Name: Lisa (von der Redaktion geändert)
Alter: 18
Ausbildungsberuf: Friseurin

Man sieht Lisa an, dass Style ihr wichtig ist. Auch an einem freien Nachmittag, an dem sie nicht zur Arbeit muss, sind ihre blonden Haare geglättet und glänzen, der Lidstrich sitzt. Friseurin war schon immer ihr Traumberuf. Deswegen hat sie sich nach der Schule für die Ausbildung in einem Münchner Friseursalon entschieden. Sie war hochmotiviert: Haare schneiden, färben, Frisuren machen - das wollte sie unbedingt können. Aber schon nach wenigen Monaten kam der Frust. Mit Kunden arbeitete Lisa kaum, stattdessen trug ihr die Salonchefin alle möglichen Hilfsarbeiten auf.

"Ich habe tagtäglich geputzt", erzählt Lisa. "Einmal die Woche musste ich mit einem Pinsel im Keller und im Salon die Fugen zwischen den Fliesen ausputzen. Ich musste alles putzen, auch die Toilette, das natürlich jeden Tag. Klar gehört das teilweise dazu, aber es war schon sehr extrem, was ich alles machen musste.“

Private Botengänge für die Chefin

Lisa heißt eigentlich anders, ihren echten Namen möchte sie nicht nennen. Sie hat Angst, dass ihre ehemalige Chefin den Bericht liest und rechtlich gegen sie vorgeht. Von der Salon-Chefin fühlte sie sich ausgenutzt, als eine Art persönliche Assistentin: "Ich habe Einkäufe für sie erledigt. Ich habe ihrer Mutter Essen gebracht, sie zu Hause abgeholt und sie von A nach B gefahren." All das gehört nicht zur Friseurausbildung. Das Haareschneiden kam zu kurz.

An Modellen hat Lisa in den zwei Jahren, die sie in dem Salon verbracht hat, nur etwa dreimal geübt. Etwas öfter hat sie Puppenköpfen die Haare geschnitten - meist jedoch ohne Anleitung von einer erfahrenen Friseurin: "Mir wurde ein Bild vorgelegt, und dann hat man gesagt: So, du schneidest jetzt dieses Bild nach. Ohne dass ich eine Ahnung hatte, wie ich es tue. Ich habe es dann einfach so gemacht, wie ich dachte." Lisas ernüchternde Bilanz nach zwei Jahren in dem Salon: "Ein paar Kleinigkeiten haben sie mir beigebracht, aber eigentlich habe ich dort nichts gelernt." Immerhin blieben ihr die Innungskurse und das praktische Arbeiten an der Berufsschule. Beides brachte sie voran.

301 Euro netto pro Monat

Als Azubi verdiente Lisa nur wenig Geld. An die Überweisungen im ersten Lehrjahr erinnert sie sich noch genau: "Es waren 301 Euro." Damit war ihr Betrieb jedoch keine Ausnahme. Die Vergütung für Friseur-Azubis ist zwar erst 2014 erhöht worden. Laut Tarifvertrag verdienen Lehrlinge im ersten Jahr jedoch immer noch nur 450 Euro, im dritten bekommen sie 700 Euro.

Die schlechte Bezahlung ärgerte Lisa, aber sie war darauf vorbereitet. Sie blieb zu Hause wohnen und bat ihre Eltern um Unterstützung. Frustrierend waren für sie die Arbeitszeiten. Sie musste fast immer am Wochenende ran. "Ich habe fast jeden Samstag gearbeitet", erzählt sie. "Ich hatte, glaube ich, innerhalb von zwei Jahren nur an fünf Samstagen frei, obwohl man eigentlich laut Gesetz als Azubi jeden zweiten Samstage frei haben müsste." Lisa sprach ihre Chefin darauf an. Die antwortete jedoch nur kühl, dass sie die Gesetze kenne. PULS hat den Betrieb mit Lisas Vorwürfen konfrontiert - der lehnt es ab, dazu Stellung zu nehmen.

Der Frust über die Chefin und den Betrieb machte Lisa fertig. Schon nach dem ersten Ausbildungsjahr überlegte sie, den Betrieb zu wechseln. Doch sie hatte Angst, dass es in einem neuen Salon nicht besser werden würde.

Auch den Freunden ging es schlecht

Ihr Bild von der Friseur-Branche wurde während der Ausbildung negativ geprägt, denn den Freunden aus der Berufsschule ging es in ihren Salons nicht besser. "Es gab ein paar Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ging es fast allen sehr schlecht." Das hat Lisa entmutigt. Doch ihren Traum, Friseurin zu werden, wollte sie sich nicht nehmen lassen. Mit der Unterstützung ihrer Familie hat sie sich nach dem zweiten Jahr einen neuen Ausbildungsbetrieb gesucht und den Vertrag mit dem ersten Salon aufgelöst.

Vor zwei Monaten hat sie die Ausbildung in dem neuen Betrieb erfolgreich abgeschlossen und wurde übernommen. Der Betrieb, eine große Friseur-Kette, hat auch eine eigene Academy, in der die Azubis lernen, was sie für den Job brauchen: Frisuren machen, Föhnen, Schneiden, Färben.

"Mit meinem zweiten Betrieb hatte ich großes Glück“, sagt Lisa. Sie weiß jetzt, dass man nicht aufgeben sollte, wenn es in einem Betrieb schlecht läuft. Ein Neuanfang in einem anderen Betrieb kann sich lohnen.


27