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Ruhmeshalle Tocotronic - Tocotronic

2002 starten Tocotronic eine neue Zeitrechnung. Die Band verabschiedet sich von ihrer jugendlichen Befindlichkeits-Lyrik und betritt mit ihrem weißen Album einen neuen Soundkosmos - eine der besten Metamorphosen im deutschen Pop.

Von: Felicia Reinstädt

Stand: 08.06.2012 | Archiv

Tocotronic | Bild: Tocotronic/L'age d'or

Machen die Witze? Meine beste Freundin schaut mich entgeistert an. Gerade haben wir zum ersten Mal das Video zu "This Boy is Tocotronic", der Vorabsingle zum neuen Album der Band, auf Viva gesehen. Der Schauplatz: Ein verwunschenes Märchenschloss, darin drei Tocos mit frisch gestärkten weißen Krägen – macht zusammen einen astreinen Stromgitarrenhit.

2002 – drei Jahre nach dem Vorgängeralbum K.O.O.K. – setzt das Raumschiff Tocotronic zum krachenden Wiedereintritt in unsere Hemisphäre ein. Dabei führt die Single erst einmal ordentlich in die Irre. Sie ist ein Scherz aus dem frischbezogenen Labyrinth der Unvernunft. Denn um Rockmusik geht es hier schon längst nicht mehr. Hier trinkt keiner mehr schales Bier am Imbissstand oder kippt Sprudel in den Wein. Hier wird feinster Champagner geschlürft und geladen in ein fantastisches Zwischenreich, dem nichts ferner liegt als das Diktat des Alltags.

Alles muss im Überfluss vorhanden sein

Tocotronic | Bild: L'age d'or

Tocotronic - Tocotronic (Cover)

Tocotronic, das selbstbetitelte in Anlehnung an die Beatles auch oft weiße Album genannt, schlägt ein neues Kapitel in der Bandgeschichte auf. Es ist die radikale Abkehr vom Gestern und doch gleichzeitig die konsequente Fortschreibung des Konzepts Tocotronic. Bereits auf K.O.O.K. hat die Band die ausgetrampelten Pfade der jugendlichen Befindlichkeitslyrik verlassen und ihrem Lo-Fi-Spießertum eine schicke Postrock-Attitüde verpasst. Für den Nachfolger hat man sich nun eineinhalb Jahre im Studio verschanzt, experimentiert, arrangiert, die Grenzen des eigenen Könnens neu ausgelotet. Eine transzendente Erfahrung, dank der selbst ein Dirk von Lowtzow auf einmal richtig gut singen kann.

Hinein in einen Wald aus Zeichen

Der Zutritt zum neuen Tocotronic-Universum ist nicht einfach, er führt über verschlungene Pfade in einen undurchsichtigen Wald aus Zeichen und Zitaten. Klare Identifikationsangebote an die Trainingsjacken-Generation bleiben aus, hier ist man nun komplett auf sich allein gestellt. Zu verstehen gibt es nichts mehr, nur noch zu fühlen. Und das ist dann auch die einzig konkrete Weisheit, die Tocotronic einem mit auf dem Weg geben: Eins zu eins ist jetzt vorbei.

"Irgendwann müssen wir eben alle erwachsen werden," hat meine Freundin damals zu mir gesagt und kurz darauf ihre Tocotronic-Platten zusammen mit ihren anderen Jugenderinnerungen auf dem Dachboden ihrer Eltern verbannt. Auch ich bin an diesem Tocotronic-Album gewachsen – und es mit mir. Denn kein anderes Album habe ich so oft gehört, mich darin gesucht, gefunden, verloren und es beim Hören immer wieder neu für mich entdeckt. Wahre Schönheit liegt eben genau in den Dingen, die wir uns immer wieder aufs Neue erschließen müssen und die wir doch nie ganz verstehen werden.


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