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Ruhmeshalle Tocotronic – Digital ist besser

Diese Platte ist eine Zeitreise - in eine Zeit, als die Jungs noch Trainingsjacken trugen und mit Kurt Cobain der Grunge gerade gestorben war. Das Debüt von Tocotronic, ein Meilenstein der deutschen Popgeschichte.

Stand: 14.01.2010 | Archiv

Die Band Tocotronic auf der Bühne | Bild: Jutta Pohlman

Natürlich wollten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank niemals Teil einer Jugendbewegung sein. Aber ob gewollt oder nicht: Mit ihrem ersten Album "Digital ist besser" haben sie 1995 das Manifest einer Jugendbewegung geschrieben. Die mittlerweile zum ultimativen Klischee verkommenen Trainingsjacken, die falschen Melodien und schrägen Akkorde und die neue Befindlichkeit jenseits vom Mittdreißiger-Pop, den man sonst von deutschsprachiger Indiemusik kannte: All das hat die neunziger Jahre geprägt, all das verdanken wir "Digital ist besser". Und Jungs und Mädels wie du und ich, die damals Dirk von Lowtzow für die größte Offenbarung in Sachen Befindlichkeitstext seit Hermann Hesse hielten, müssen heute zugeben, dass wir uns im Bezug auf Hesse getäuscht haben.

Nicht stolz auf "jung und deutsch"

Tocotronic – Digital ist besser (Cover)

Überhaupt diese ganzen Slogans: Schon auf "Digital ist besser" klingen Tocotronic-Titel so, dass man sie am liebsten auf T-Shirts drucken möchte. Der FAZ-Redakteur Klaus Ungerer hat Jahre später diverse Songtitel von Tocotronic als Überschriften verwendet. Die aber wehren sich standhaft gegen jede Vereinnahmung: 1996 lehnen sie den VIVA-Comet in der Kategorie "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" mit dem Hinweis ab, eben nicht stolz auf das Jungsein und das Deutschsein zu sein. Auf ihrem zweiten Album "Nach der verlorenen Zeit" machen sie mit dem Label "Hamburger Schule" kurzen Prozess, das sie mit Bands wie Die Sterne und Blumfeld in eine Schublade packen sollte.

Mit "Drüben auf dem Hügel" und "Freiburg" haben Tocotronic ihre vielleicht größten Hits geschrieben - "Freiburg" jedenfalls wurde 2000 in einer Version von Console nochmal ein Clubhit. Aber die besten Momente von "Digital ist besser" finden sich in den leiseren Ecken des Albums. "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" räumt mal eben mit dem Traum auf, der Zauber der Grunge-Bewegung könnte irgendwas mit uns zu tun haben, in "Über Sex kann man nur auf Englisch singen" denkt von Lowtzow gleich die Möglichkeiten von deutschen Texten im Allgemeinen mit.

Die Wucht der Mittneunziger

So anders "Digital ist besser" auch klingt als das, was Tocotronic heute machen: Dieses Album hat den Grundstein für alles weitere gelegt. Das legendäre österreichische Fanzine "The Chelsea Chronicle" hat schon 1996 die Wucht der Platte erkannt. Dort heißt es:

"Digital ist besser, ihre Debütplatte, auf die sich vor einem Jahr nahezu jeder einigen konnte, stellt in seiner räudigen Unmittelbarkeit das wahrscheinlich beste Stück deutschsprachiger Popmusik ever dar."

The Chelsea Chronicle

Ein Dutzend Alben, unzählige Tourneen und diverse Nebenprojekte später sind Tocotronic eine der besten Bands der deutschen Gegenwart.


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