12

Songs in Werbung Die miese Masche mit den Soundalikes

Ständig hören wir Musik in der Werbung, die uns bekannt vorkommt. Populäre Songs von Künstlern werden nachgeahmt, diese gehen meist leer aus. Miese Masche, aber völlig legal. Wie funktioniert dieses Geschäft mit den Soundalikes?

Von: Dominic Holzer

Stand: 29.04.2015 | Archiv

Soundalikes | Bild: BR

Zuerst war da der Song "Maschin" von Bilderbuch, erschienen 2012. "Yeah!" und "Steig jetzt in mein Auto ein" heißt es im Liedtext, und im dazugehörigen Videoclip spielt in knallgelber Lamborghini Diablo die Hauptrolle. Dann, im März 2015, erscheint ein Werbeclip des Herstellers Peugeot: Die Hauptrolle darin spielt ein blauer 308 GT, die Musik klingt verblüffend ähnlich wie Bilderbuchs "Maschin" - im Songtext ein "Yeah!" und ein "Oooh!". Im April folgen die ersten Kommentare unter dem Video: "Bezahlt doch einfach Bilderbuch fürs Original, ihr Idiots", schreibt einer.

"Wir haben keinen Deal mit Peugeot geschlossen," sagen die Musiker von Bilderbuch zu PULS, "das ist ein klassisches Soundalike wie es in der Werbung täglich vorkommt. Dagegen ist in 99,9 Prozent der Fälle auch nichts zu machen. PS: Hört sich traurig an, ist es auch." Auch Peugeot äußert sich: "Wir sehen keine Ähnlichkeiten zwischen der Hintergrundmusik im Videoclip zum neuen Peugeot 308 GT und dem Song der Band Bilderbuch," antwortet ein Pressesprecher auf die Anfrage von PULS und schreibt weiter: "Das Lied 'Maschin' lag der Komposition unserer Videocliphintergrundmusik nicht zu Grunde."

Ein Soundalike also. Mit anderen Worten: Bilderbuch winken den Fall in fast resigniertem Ton ab, während Peugeot sich keiner Schuld bewusst ist. Um das zu verstehen, müssen wir noch einen Schritt zurück gehen. Wo es um Werbung geht, da geht's um Geld: So ein Spot muss gedreht werden, produziert und dann fallen natürlich noch Mediakosten an, also die Gebühren dafür, dass der Spot ausgestrahlt wird. Im besten Falle verkauft Werbung viel von dem Produkt, das sie anpreist - und kostet selbst nur wenig. Wo also sparen?

Warum Soundalikes?

Beauftragt ein Konzern eine Werbeagentur mit einem Spot, knapst er beim Budget oft an der verwendeten Musik. Natürlich gibt es viel Werbung, in der die Originalsongs bekannter Künstler zu hören sind (oder solcher, die dadurch erst bekannt werden) - siehe "Sail Away" und Beck's, "Jerk It Out" und Apple, "Way Back Home" und Vodafone. Genauso oft kommt es aber vor, dass ein Song in der Werbung nur so ähnlich klingt wie ein Originalsong: Soundalikes nennt man solche Auftragskompositionen landläufig, sie können das (Werbe-)Budget schonen.

Davon profitieren Werber und Auftragskomponisten bzw. Tonstudios gleichermaßen, weil Soundalikes "ganz ohne große Budgets einen echten Earcatcher bieten. Der Hörer wird aufmerksam, weil ihn die Melodie oder allgemein die Machart der Werbemusik an ein Original erinnert." So steht es auf der Website der P&P Studios Audioagentur, einer der ersten Treffer bei einer Internetsuche zum Stichwort Soundalikes, und: Ein solches Original zu lizensieren, schlucke bis zu zehn Prozent des gesamten Werbeetats.

Und nicht nur hier gibt es jede Menge Soundalikes auf Anfrage oder sogar fix und fertig im Klangarchiv. Wie aus Branchenkreisen zu erfahren ist, spezialisieren sich einige Berufsmusiker sogar ausschließlich auf Soundalikes - eigene Rechtsberatung inklusive.

Auf Licensing-Plattformen wie Tracks & Fields funktioniert das alles sogar nach dem Prinzip Partnerbörse: Hier finden Werbeagenturen willige Auftragskomponisten. Hier bieten aber auch bekannte Künstler wie Enno Bunger ihre Eigenkompositionen an, als Soundtrack für Werbung, Filme und Hörstücke. Für mehr oder weniger gutes Geld natürlich.

Musiker vs. Musiker

Die Münchner Band Claire kennt beide Seiten des Geschäfts, mit der Musik, in der Werbung: 2013 hatten Claire einen ihrer Songs in der Werbung. Kein Soundalike, sondern ein Original: "Broken Promise Land", erfolgreich lizenziert für einen TV-Spot des Autokonzerns BMW. Zufall? Was damals richtig gelaufen ist, bringt Matthias Hauck von der Band auf den Punkt: "Die sind einfach auf uns zugekommen und haben uns gefragt. Dann hat man ein bisschen rumverhandelt und dann kam das zustande."

Ein fairer Deal für Claire, die hinter dem Produkt Elektro-Auto stehen. Wie viel Geld für die Lizenzierung geflossen ist, ordnet Matthias so ein: "Ich weiß nicht, was die Leute denken, was man dafür kriegt. Für uns war es gut, um den Vorschuss abzubezahlen" - den Claire für die Produktion ihres Debütalbums vom Plattenlabel bekommen haben - "durch Plattenverkäufe hätten wir den nicht reinbekommen. Aber meine Miete kann ich davon nicht bezahlen."

Dafür ist Matthias als Musiker auf Livekonzerte und eben Lizenzierungsgebühren angewiesen, die die "einzigen beiden Wege, noch Geld als Band zu verdienen" seien. Dazu arbeitet er selbst eben auch als Auftragskomponist. Und er ist nicht der einzige bekannte Musiker mit dieser Einnahmequelle, verrät er.

Als Auftragskomponist bekommt Matthias Hauck oft Anfragen für Soundalikes und probiert dann, "wie da der schmale Grat beschritten werden kann, dass es irgendwie cool ist." Und zwar cool auf zwei Ebenen: Einerseits moralisch, da sieht sich Matthias als Musiker in der Pflicht. Für plumpe Kopiewünsche, sagt er, "sucht euch lieber jemand anderen." Cool muss es andererseits auch juristisch sein, denn Auftragskomponisten haften für ihre Soundalikes mit, erklärt Matthias. Und zwar dann, wenn aus dem Soundalike ein Plagiat wird. Das muss man ihm aber erst mal nachweisen, urheberrechtlich.

Rechtslage mit Spielraum

Damit kennt sich der Medienrechtsanwalt Stephan Benn aus: Er hat in einem solchen Urheberrechtsfall schon einmal erfolgreich geklagt. Damals ging es um einen Morphing-Effekt, den ein Student selbst entwickelt und das in einem Musikvideo später einfach abgekupfert wurde. Bei Soundalikes (und ebenso üblichen Lookalikes) gilt nämlich: "Es geht immer um den konkreten Vergleich der Melodie, das ist das, was uns das Gesetz vorgibt, und es geht um den konkreten Vergleich auch der Optik", erklärt Benn.

So wie er die Rechtslage schildert, beinhaltet das Urheberrecht allerdings eine Grauzone für Soundalikes, mit Hilfe derer man sich ungestraft von Originalsongs "inspirieren lassen" dürfe. Aber: "Wie das letztendlich ein Gutachter sieht und was ein Gericht daraus macht, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Man kann sich da immer nur auf sein Bauchgefühl verlassen." Ein Risiko bleibt also.

Wird darum so selten geklagt gegen Soundalikes? Oder bekommt nur die Öffentlichkeit nichts davon mit? Einen letzten, Aufsehen erregenden Fall gab es 2011: Damals klagte Eminem gegen Audi, die für einen Image-Spot ein Soundalike von "Lose Yourself" verwendet haben. Der "Spiegel" berichtete zur Klageerhebung.

Spezialwaffe Shitstorm

Wie diese Geschichten in der Regel weitergehen, erklärt Musikexperte Klaus Kauker: "Was dann am Ende bei rumkommt, das wird ganz selten noch mal der Öffentlichkeit mitgeteilt." Geeinigt wird sich meistens außergerichtlich per Vergleichszahlung - und stillschweigend, wohl auch im Fall Audi vs. Eminem. So vermeiden alle Beteiligten Anwalts- und Gerichtskosten sowie weitere Imageschäden. Dabei wäre gerade Kauker einer, der als Gutachter vor Gericht feststellen könnte, wie viel Plagiat in einem Soundalike steckt. Kauker wird oft von betroffenen Künstlern und Produzenten konsultiert, wie ihre Aussichten vor Gericht stünden. Auch auf seinem YouTube-Channel seziert Kauker bekannte Songs auf Plagiatsverdacht.


So an die Öffentlichkeit zu gehen, ist wohl auch die einzige Möglichkeit, Druck aufzubauen. Darum sieht Klaus Kauker auch die Fans in der Pflicht: "Wenn eine kritische Masse anfängt zu sagen: Das klingt doch so wie das, was ich aus dem Radio von meiner Lieblingsband kenne - dann wird es erst zu einem Problem." Mit anderen Worten: Beschwert euch, am besten öffentlich.

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt sind: Bilderbuchs "Maschin" und das Peugeot-Soundalike. Wie beurteilt Kauker den aktuellen Fall?

"Witzigerweise - und das finde ich schon fast frech - sind beide Beispiele in der gleichen Tonart. Deswegen kann man das wunderbar hintereinanderweg spielen, und man merkt vielleicht im ersten Moment gar nicht, dass man gewechselt hat. Und sogar eine kleine Vokalise ist übernommen worden, da gibt es so ein 'yeah', das sowohl im Song als auch in der Werbung kommt. Wenn man das mal genau analysiert, dann merkt man, dass das auch wieder System hat: Komplexität wird verringert, wir haben bei dem Song eine viertaktige Akkordfolge, daraus wird in der Werbung eine zweitaktige Akkordfolge. Das ist wirklich eine ganze Menge, und da kann sich Peugeot auch nicht freimachen von so einem Vorwurf."

Musikexperte Klaus Kauker

Moralisch wohl nicht - und juristisch? Rechtsanwalt Stephan Benn sieht wenig Chancen für Bilderbuch, gegen den Peugeot-Spot vorzugehen. Aus Sicht des Urheberrechts ist für ihn "das Übereinstimmende letztendlich, dass ein Auto zu sehen ist und dass wir eine Musik haben, die einen treibenden Rhythmus hat, einen treibenden Bass hat und ein Gitarrenriff." Vor die fiktive Wahl gestellt, würde er sich für den Autokonzern als Mandanten entscheiden und eine etwaige Klage mit "durchaus guten Erfolgsaussichten" abweisen. Insofern rät er der Band aus Erfahrung: Das Plagiat "als Gratiswerbung für den eigenen Song sehen."

Ein wachsender Markt

Matthias Hauck von Claire kann sich sehr gut in die Situation von Bilderbuch hineinversetzen: "Ich wäre da auch erstmal ratlos," sagt er, "irgendwie ehrt's einen natürlich, dass man so gute Musik macht, dass Leute sagen: Hey das finde ich so geil, ich kopier das jetzt - so wie ein Sportschuh kopiert und auf einem kleinen Markt angeboten wird."

Der Markt für Soundalikes ist ein großer - und es wird immer wieder welche geben. Einmal, weil Originalsongs immer teurer werden in der Lizenzierung, während kleinen bis mittelgroßen Bands andere Einnahmequellen versiegen. Soundalikes sind günstiger für den Werber und transportieren im besten Fall das gleiche Lebensgefühl, Zeitgeist, Sexappeal etc. Dazu bewahrt das Urheberrecht einen Freiraum, in dem es sich Auftragskomponisten mit ihren Soundalikes nur allzu gern gemütlich machen.

Ironischerweise verdienen - wenn auch weniger - daran dann wieder genau die Berufs- und Bandmusiker, die nebenher auf Auftrag komponieren und sicher lieber einen ihrer Originalsongs hergegeben hätten.

Soundalikes in der Werbung

Diese Werbespots erinnern frappierend an die jeweils folgenden Songs.
Musikexperte Klaus Kauker hat sie für uns verglichen.

Bonprix vs. Battles

Während die Akkorde beiderseits immer schneller werden, notiert unser Musikexperte Klaus Kauker einen Wechsel zwischen Tonika (I) und Subdominante (IV), nämlich die Akkorde E - A bei "Ice Cream" von Battles gegenüber F# - H im Werbespot. Anders gesagt: Die Werbemusik ist an Battles angelehnt, wahrscheinlich war ihr Song eine Vorlage, zu der die Werbung aber noch Sprechtext hinzufügt, der sich rhythmisch und reimend an der Musik orientiert. Auch die Instrumentierung ist unterschiedlich: Gitarre und Orgel bei Battles gegenüber hohem und tiefem Klaviersound im Werbespot, der obendrein noch eigene Harmonien hinzufügt.

Fazit: Kaum Verwechslungsgefahr, darum moralisch und juristisch unbedenklich.

Ferrero vs. Supergrass

Dass hier der eine Song an den anderen erinnern will, scheint klar: Auftakt beider Musikstücke ist das gleiche Textfragment "We are young", dann ähnelt sich die Phonetik: "green" und "tea" bei "Alright" von Supergrass vs. "free" und "be" im Werbesong. Nah beisammen liegen hier wie da auch die Rhythmik der Bassgitarre sowie Begleitakkorde in Achteln. Aber: Melodie, Text und Harmonien wurden abgeändert. Selbst beim Schlagzeugtakt hat man im TV-Spot leichte Variationen vorgenommen, um juristisch auf der sicheren Seite zu sein.

Fazit: Für einen Plagiatsvorwurf reicht's nicht, moralisch allerdings bedenklich.

Ferrero vs. The White Stripes

Nach der verzerrten E-Gitarre im Intro folgen in der gleichen Tonart die Akkorde H, A, D, E bei "Fell in Love with a Girl" bzw. H, D, G, A beim Werbesong. Der Gesang im Werbespot übernimmt auch einzelne charakteristische Worte wie "Girl", "Love" und "World". In beiden Fällen ist das Schlagzeug nahezu identisch und der charkateristische verzerrte Gitarrensound zieht sich durch beide Kompositionen.


Fazit: Juristisch einwandfrei, moralisch aber bedenklich.

Audi vs. Eminem


Gleichen sich die anfänglichen Klavier-Intros schon sehr, sind die dann einsetzenden Gitarrenriffs nahezu identisch. Eben dieses Gitarrenriff ist ein maßgebliches, charakteristisches Element von Eminems "Lose Yourself" - und wird im Audi-Spot auch exakt so eingesetzt: Gleiche Tonart, ähnliches Tempo, ähnliche Spielweise (muted Powerchords) - und das über mehrere Takte hinweg.

Fazit: Zum Verwechseln ähnlich, daher juristisch und moralisch bedenklich

Microsoft vs. Arcade Fire

Einen Anfangsverdacht wecken die gleiche Tonart und das gleiche Tempo, allerdings ist der harmonische Verlauf jeweils ein anderer. Vergleichbar sind in beiden Musikstücken dazu die Background-Vocals und eine typische Rock-Rhythmik. "Wake Up" von Arcade Fire und der Werbesong sind beide in typischer Rockbesetzung instrumentiert, alle Instrumente spielen jeweils Standard-Rockfiguren. Dabei ist die Microsoft-Werbung weniger flächig (weniger Liegetöne), die Gitarre dort prägnanter rhythmisiert und der Gesamtsound dadurch härter.

Fazit: Beides liegt hinreichend weit auseinander - in jeder Hinsicht unbedenklich.


12