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Leben ohne Haare „Das Puzzleteil für Haarwuchs ist bei mir einfach falsch rum“

Tamara ist 29 und hat keine Haare mehr. Sie hat Alopecia. Mittlerweile geht sie damit locker um und seit kurzem hat sie einen Blog – um anderen Mut zu machen, aber auch, um sich über den Alltag mit der Perücke aufzuregen.

Von: Anna Bühler

Stand: 18.05.2016 | Archiv

Alopecia ohne Haare | Bild: Tamara Marquardt / temsonika.com

Tamara hat Alopecia - eine ungefährliche Haarausfall-Erkrankung, von der in Deutschland schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen betroffen sind. Weil das bei einer Bevölkerung von über 80 Millionen Leuten ein sehr kleiner Anteil ist, ist Alopecia kaum erforscht.

"Ein Arzt hat es mir mal sehr einfach erklärt. Der hat immer gesagt, man  muss sich den Körper wie ein Puzzle vorstellen. Und bei mir ist das Puzzleteil für den Kopfhaarwuchs einfach falsch rum."

(Tamara Marquardt, 29)

In der Schule wussten alle von Tamaras falschem Puzzleteil. Damit war das Thema für Freunde und Klassenkameraden erledigt. Auch für sie selber war die Krankheit darum nie richtig schlimm, sagt sie. Bis zur neunten Klasse ist Tamara darum auch mit Glatze rumgelaufen. Damit hat sie sich schon auch als was Besonderes gefühlt, meint sie. Mit 15 oder 16 hat Tamara dann aber angefangen, Perücken zu tragen.

"Da hat es angefangen mit Jungs und Abends weggehen und dann lernst du neue Leute kennen und da musst du dich halt immer öfter erklären. Und darauf hatte ich einfach nicht so große Lust."

(Tamara Marquardt)

Seit Tamara immer Perücke trägt, hat sich einiges getan. Erste Blicke haben eine andere Bedeutung. Natürlich merkt sie, wenn sich Leute mehr mit ihrem Haaransatz unterhalten als mit ihr. Und erst vor kurzem kam eine Freundin, die nichts von Tamaras Haarausfall wusste, etwas verwirrt aus ihrem Badezimmer zurück weil sie da den Perückenständer gesehen hatte. Viele Leute haben Angst zu fragen, warum Tamara mit Perücke unterwegs ist. Viele befürchten vermutlich, dass sie Krebs hat. Manchmal ergibt sich vielleicht auch kein geeigneter Zeitpunkt und wieder andere checken es auch gar nicht. Bei Dates ist die Situation zum Beispiel oft etwas tricky und ein bisschen Bammel hatte Tamara auch ab und an.

"Dass mal jemand sagt, damit komme ich nicht so klar. Das tut dann ja trotzdem weh. Aber das ist mir nie passiert. Und ich glaube, das ist wirklich ein Grund, dass ich da heute so offen drüber sprechen kann und dass es mir dabei auch so gut geht."

(Tamara Marquardt)

Vor kurzem hat Tamara sogar angefangen, über Alopecia zu schreiben. Mit ihrem Blog „Temsonika“ will sie anderen Mut zu machen, die auch ihre Haare verlieren. Und sie will auf ein paar Dinge aufmerksam machen: Dass sie nur ganz wenig Zuschüsse von der Krankenkasse für eine Perücke kriegt, zum Beispiel. Die übernehmen von den 4000 Euro, die so eine Echthaarperücke kostet, erschreckend wenig.

"Es ist ja doch etwas, das vor allem Frauen total beeinflusst. Wenn einem die langen, schönen Haare ausfallen, dann hat man das Gefühl, man verliert ein Stück seiner Weiblichkeit. Dass das in so geringem Maße von Krankenkassen bezuschusst wird, finde ich schon frech."

(Tamara Marquardt)           

Auf ihrem Blog zeigt sich Tamara übrigens auch ohne Haare. Sie ist lockerer geworden, sagt sie. Wenn Freunde oder Familie dabei sind, macht die Perücke immer häufiger Pause und was die Nachbarn denken, wenn sie auf dem Weg vom einen ins andere Zimmer plötzlich ohne Haare auftaucht, darüber macht sie sich auch keine Gedanken mehr: „Irgendwann dachte ich mir, das ist meine Wohung, mir doch egal was die sehen.“


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