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Suchtkrank während einer Pandemie Darum ist die Corona-Krise für Drogenabhängige besonders gefährlich

Süchtige leiden zurzeit enorm unter der Pandemie. Norbert Wittmann von der Nürnberger Drogenhilfe "mudra" erzählt im Interview von den schlimmen Folgen für viele – und wie versucht wird, den Menschen trotzdem zu helfen.

Von: Conny Neumeyer

Stand: 23.04.2020 | Archiv

Grafik: Drogenabhängigkeit und corona | Bild: BR

Für Drogenabhängige ist die Corona-Krise besonders gefährlich. Viele gehören zur Risikogruppe, weil sie an Lungenerkrankungen leiden oder ein schlechtes Immunsystem haben. Seitdem die Grenzen dicht sind, ist es außerdem schwierig, überhaupt an Drogen zu kommen. Der Stoff, den es auf dem Schwarzmarkt gibt, ist teurer geworden. Die möglichen Folgen: kalter oder unbegleiteter Entzug. In Kombination mit einer Vorerkrankung kann das lebensbedrohlich sein. Noch dazu werden in Krankenhäusern Suchtstationen in Corona-Stationen umfunktioniert und Beratungsstellen machen zu.

Drogensucht und Depression gehen aber oft Hand in Hand, viele Süchtige leiden daher quasi doppelt. In Deutschland sind mehr als 160.000 Menschen von Opioiden wie Heroin abhängig. Norbert Wittmann ist geschäftsführender Vorstand bei mudra, einem Verein für die Jugend- und Drogenhilfe in Nürnberg. Er hat uns erzählt, dass die drogenabhängigen Menschen in der Szene durch den Mangel an menschlichem Kontakt immer depressiver werden. Er befürchtet einen Anstieg der Zahl der Drogentoten.

PULS: Viele Einrichtungen der Drogen- und Suchthilfe laufen gerade im Notbetrieb, Treffpunkte können nicht aufgesucht werden. Was bedeutet das für Drogenabhängige?

Norbert Wittmann: Es ist für die Drogenabhängigen sehr schwierig an Unterstützung zu kommen. Die beginnt auf der existenziellen Ebene, also bei der Versorgung mit lebensnotwendigen Geschichten, aber auch medizinisch lebensnotwendigen Dingen wie zum Beispiel Safer-Use-Artikel wie Spritzen. Die werden normalerweise über Streetworker oder Kontaktläden an Konsumierende ausgegeben. Es betrifft aber auch die Essens- und Lebensmittelversorgung, Wäsche waschen, Duschen. Und es geht eben auch um Angebote, die dazu beitragen sollen, dass sich die Menschen wieder stabilisieren, also Beratung, Begleitung und so weiter.

All diese Angebote funktionieren im Moment viel über digitale Medien, persönliche Kontakte sind weitestgehend runtergefahren. Wir haben uns hier in Nürnberg in der Drogenhilfe-Szene verständigt, dass wir versuchen, viele Angebote trotzdem anzubieten. Das bedeutet, wir gehen weiterhin auf die Straße, machen Streetwork, verteilen Spritzen und so weiter, aber in reduzierter Form und alles mit Abstand. Wir versorgen Drogenabhängige über Fensterausgaben mit Essenspaketen, mit Safer-Use-Artikeln und all den Dingen, die sie für den täglichen Drogenkonsum benötigen.

Diese kontaktlose Versorgung ist bestenfalls eine Kompensation von Bedürfnissen und ist sicher kein Ersatz. Das kriegen wir von den Drogenabhängigen täglich gespiegelt. Dieser Verlust von menschlichen Beziehungen ist eigentlich das, was ihnen am meisten fehlt. Denn für viele Drogenabhängige sind wir eigentlich die einzigen sozialen Kontakte, die sie noch haben, mit denen sie sich täglich austauschen, wodurch sie sich motivieren dranzubleiben und sich menschliche Wärme holen. Und das ist natürlich digital nicht möglich. Das ist ähnlich wie bei uns. Wir merken zwar, dass es gut ist, mit unseren Verwandten und Freunden per Skype oder sonstigen Medien in Kontakt zu sein. Aber ein wirklicher Ersatz für die menschliche Nähe ist es auf Dauer nicht.

Welche Gefahren und Probleme kommen auf die Drogenabhängigen zu?

Drogenabhängige Menschen sind eine spezielle Risikogruppe in Corona-Zeiten. Viele sind durch den jahrelangen Konsum vorerkrankt, viele haben Lungenerkrankungen. Außerdem gibt es ein hohes Risiko, dass ihnen gerade das Geld respektive die Drogen fehlen und sich die Abhängigkeit voll bemerkbar macht. Im Extremfall kann ein kalter Entzug in Kombination mit einer entsprechenden Erkrankung oder einem eingeschränkten Immunsystem lebensbedrohlich sein. Es ist ein Problem, wenn die medizinischen Versorgungssysteme nur noch reduziert zugänglich sind oder lange Wartezeiten herrschen. Und da kommt es dann tatsächlich zu dramatischen Situationen. Die kriegen wir zum Teil über unsere Streetworker mit. Das wird auch zunehmen mit jedem Tag, mit dem die Versorgung schwieriger wird.

Haben Sie Angst, dass die Zahl der Drogentoten durch die Krise steigt?

Es ist denkbar. Auch weil sich die Konsumformen gerade wieder zu riskanteren Konsumformen zurück entwickeln. Wir hatten hier in Nürnberg in den letzten Jahren eine, in Anführungszeichen, sehr gute Versorgungslage mit Drogen zu extrem niedrigen Preisen. Dadurch konnten wir viele Leute dazu animieren, das Heroin zu rauchen, denn das ist nicht so schädlich, wie es sich zu spritzen. Wenn Heroin knapp wird, steigen viele Leute wieder aufs Spritzen um, weil man dafür weniger braucht als fürs Rauchen. Damit steigt das Risiko, sich über diesen riskanteren Konsum zu schädigen. Das sind alles so Mosaiksteinchen, die zu einem Anstieg der Drogentoten beitragen können. Was wir aber tatsächlich erleben, ist, dass vor allem die psychische Belastung und Verelendung bei den Menschen in der offenen Drogenszene, dieser Mangel an menschlichem Kontakt, dazu führt, dass die Leute depressiver und stumpfer werden. Viele von den drogenabhängigen Menschen leben nicht in einer schönen Wohnung mit Garten, verfügen nicht über die Möglichkeit mal rauszufahren, sich eine Pause von diesen Beschränkungen zu holen. Viele unserer Menschen leben in Notunterkünften, leben in Pensionen mit mehreren Menschen in einem Zimmer. Da ist eine Ausgangssperre über Wochen und Monate nochmal sehr viel härter auszuhalten.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass man alle diese Probleme doch irgendwie bewältigt?

Was uns alle gefreut hat, war unser Bundespräsident, der letzte Woche das erste Mal explizit die Sozialarbeit gelobt hat. Ich denke, dass die Sozialarbeit ganz viel puffert an negativen Dynamiken in der Gesellschaft, aber oft nicht wirklich wahrgenommen wird beziehungsweise oft nur als Kostenfaktor. Und da tut es einfach gut, wenn in solchen Krisenzeiten darauf verwiesen wird. Alle Kolleginnen und Kollegen, die in dem Feld tätig sind, sind hochmotiviert, für ihre Klientel einen idealen Versorgungsdienst zu leisten. Ich sehe es in meiner Einrichtung, ich weiß es aber auch von den Kolleg*innen. Und das freut uns einfach, wenn das dann auch anerkannt und gesehen wird.

Sendung: PULS vom 23.04. - ab 15 Uhr