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Ruhmeshalle Refused - The Shape Of Punk To Come

"The Shape Of Punk To Come" ist das wichtigste Hardcore-Album der 90er. Die Schweden Refused machten 1998 vor, wie man mit Lichtgeschwindigkeit die Genre-Schallgrenze durchbricht und eine ganze Szene zeitgleich pulverisiert.

Von: Ralph Glander

Stand: 11.01.2012 | Archiv

Die schwedische Hardcore-Punkband Refused aus Umeå | Bild: Ola Bergman

Im Herbst 1998 rammen fünf Schweden ihre überlebensgroße, rote Gipfelfahne mit voller Wucht mitten in das Mark der Hardcore-Szene. Auf dieser Fahne steht "The Shape Of Punk To Come". Eine freche Anmaßung. Konnten diese fünf Schweden wirklich für die Revolution einer stagnierenden Szene sorgen? Jegliche Skepsis wurde in dem Augenblick weggefegt, als die Platte das erste Mal in der heimischen Stereoanlage explodierte.

Splitterbombe für konservative Hardcore-Fans

Albumcover "The Shape Of Punk To Come" von Refused | Bild: Burning Hearts

Refused - The Shape Of Punk To Come (Cover)

Dieses Album ist ein Kampf. Zwischen der Band und ihrem Sänger. Schreihals Dennis Lyxzén versteht sich als politischer Agitationslautsprecher, die Texte sollen knallen, aufrütteln, den Kapitalismus am liebsten gleich beerdigen. Seinen Bandkollegen geht es um die Musik – sie zünden mit dem futuristischen Sound des Albums eine Splitterbombe zwischen den Beinen konservativer Hardcore-Fans.

Gleich der geniale Opener "Worms of the Senses / Faculties of the Skull" wickelt dem Hörer das Mikrofonkabel nahe der Strangulation um den Hals: Pure Aggression und ein nackenbrechender Groove, der alle vorhandenen Synapsen wegbläst. Schon hier wurde klar, dass es der Band mit der Revolution und Innovation wirklich ernst ist. Klar, man hört hier Quicksand, da Fugazi und dort sicherlich auch Snapcase raus. Doch da ist mehr. Viel mehr.

Wahnsinn trifft auf Wut trifft auf Wahnsinn trifft auf...

Die folgenden Minuten werden zu einer Lehrstunde für Szenepuristen: Drum'n'Bass, Standbass, Geige, Melodica oder Cello auf der einen Seite, ungezügelter Wahnsinn und völlig von der Leine gelassene Wut auf der anderen – das Refused-Partyprogramm kennt weder Schranken noch Kompromisse. Im Epos "Tannhauser/Derive" werden fragile Cello- und Violinen-Melodien von einem überbordenden Noise- und Kreisch-Tornado verschlungen. Beim Groovemonster "The Deadly Rhythm" gibt es ein jazziges Intermezzo, bevor wieder Gift und Galle gespuckt wird.

Der mittlerweile leider arg durchgenudelte aber nichtsdestotrotz geniale Tanzbodenabheber "New Noise" ist dabei lediglich die allerletzte Krönung. Dank Jahrhundertriff und dem besten 'Woo' der Musikgeschichte.

Die Nachfolgebands kamen nie wieder an dieses Album ran

Mit ihrer musikalischen und textlichen Revolte de- und rekonstruieren die Schweden das Hardcore-Genre wie versprochen tatsächlich und liefern ein unantastbares Meisterwerk. Daran konnten weder Dennis Lyxzén mit seiner Nachfolgeband The (International) Noise Conspiracy, noch die übrigen Mitglieder mit ihrer experimentellen Combo TEXT so richtig anknüpfen.

"The Shape Of Punk To Come" bleibt ein Monument. Das Album beeinflusste Heerscharen von jungen, wütenden Hardcore-Kids: The Blood Brothers, J.R. Ewing, The Letters Organized, Cancer Bats oder auch The Dillinger Escape Plan. Auch zwölf Jahre nach der Auflösung der Band wird mit einer geradezu messianischen Sehnsucht auf eine Reunion gehofft. Aber ganz ehrlich: So virtuos und stilprägend kann man nur einmal an der eigenen Intensität zerschellen.


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