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Ruhmeshalle The Ramones - Ramones

Wer Punkrock sagt, muss auch Ramones sagen: Alles, was in 40 Jahren harter Gitarrenmusik passiert ist, hat seinen Anfang im Jahr 1976 - als vier New Yorker beschlossen, die Rockmusik wieder ernst, also ganz einfach zu nehmen.

Von: Michael Wopperer

Stand: 14.07.2014 | Archiv

Die Ramones live in New York 1976 | Bild: Plismo

Vor einiger Zeit gab es ein bestimmtes Ritual, das ich durchmachen durfte, immer wenn ich in einer Bar in München aufgelegt habe: Ein bestimmter Stammgast meldete sich vorher bei mir und forderte mich mit Nachdruck auf, unbedingt die Ramones mitzubringen. Selbst wenn er gar nicht selber da war - ich sollte die Ramones auflegen. Weil ohne die Ramones kannst du den Abend vergessen. Das Problem war: Ich hatte keine Ahnung von den Ramones. Mein Wissen über den Punkrock der 70er Jahre hatte sich immer auf die Sex Pistols und The Clash beschränkt. Die Ramones waren immer die Band, die irgendwie auch total wichtig war, aber irgendwie immer das gleiche gemacht hat - also warum sollte man sich über das ewige "Hey Ho, Let's Go" hinaus mit ihnen beschäftigen?

Die erste Punkband der Welt

Ich hätte gar nicht falscher liegen können mit meinem Vorurteil. Man muss schon beide Ohren verschließen und sein Hirn ausschalten, um die Qualität und die Bedeutung dieser Band zu ignorieren. Als die Ramones Mitte der 70er Jahre angefangen haben, New York aufzumischen, beherrschten Selbstgefälligkeit und unendliche Gitarrensolos die Rockmusik, der frische Wind der 60er hatte angefangen, streng zu riechen - und ein Tritt in den Arsch der Verhältnisse war überfällig. Die Ramones waren genau die Band, die beherzt zugetreten hat. Sie waren die allererste Punkband der Welt, als der Begriff Punk noch gar nicht zum Wortschatz der Popgeschichte gehört hat.

Das Debüt der Ramones kam 1976 gerade recht. Einer Welt, die von Led-Zeppelin-Stadion-Shows bestimmt wurde, fehlte das entscheidende Quäntchen Rock'n'Roll, das noch etwas mit genuiner Rebellion zu tun hat. Die Ramones machten den Unterschied - indem sie einfach die Rockmusik auf ihre Wurzeln zurückführten. Die 14 Songs ihres ersten Albums erfinden Rock'n'Roll gar nicht neu - sie nehmen ihn nur endlich wieder ernst, entkleiden ihn bis auf die Knochen und beschleunigen ihn um 100 Prozent.

Vier Akkorde für die Gegenwart

Das Album "Ramones" hat mehr mit Chuck Berry und den frühen Beatles zu tun, als mit all dem Scheiß, der im Lauf der Jahre unter dem Banner "Punk" veröffentlicht wurde. Kein Song geht länger als zweieinhalb Minuten - und jeder ist ein Tritt direkt in die Eier. Und nach 28 Minuten und 53 Sekunden ist auch schon wieder Schluss. Wir haben ja nicht ewig Zeit, die Welt wachzurütteln. Die Gegenwart findet nur einmal statt.

Das möchte man natürlich am liebsten live mitbekommen haben: 1976 im CBGB in New York dabei sein, als vier Männer mit vier Akkorden Geschichte schreiben. Das hat mein Stammgast, der immer die Ramones hören will, wahrscheinlich auch nicht. Aber ich wette, er wünschte, er hätte. Und jetzt kann ich ihn endlich verstehen.


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