Jetzt Go Wild Friedberg

Info Anna F. kennen wir eigentlich als Solokünstlerin mit richtig guter Popmusik. In London hat sich die Österreicherin mit drei weiteren Musikerinnen zusammengetan. Als Friedberg macht das Quartett rohen Powerfrauen-Gitarren-Sound.


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Ruhmeshalle Burial - Untrue

Als Burial 2007 sein zweites Album veröffentlicht, tobt gerade der Hype um Dubstep, die Musik voller Bass. "Untrue" ist jedoch gespenstisch anders und geheimnisvoll. Ihr Produzent bleibt bis heute ein Mysterium.

Von: Philipp Laier

Stand: 17.02.2011 | Archiv

Es dauert genau acht Sekunden bis mir Burials Musik zum ersten Mal die Härchen auf dem Arm aufstellt und mir einen kalten Schauer über den Rücken jagt. "Holdin’ you - couldn’t be alone. Lovin’ you - couldn’t be alone. Kissin’ you – tell me I belong" singt da eine seltsam hoch gepitchte Stimme im Track "Archangel", dem ersten "richtigen" Song des Albums. Davor hört man nur ein Rauschen, ein Wabern, ein Flirren, ein Flackern. Als dann endlich dieser typisch stolpernde Beat einsetzt, trifft mich diese merkwürdig entrückte Bass-Musik direkt in der Magengrube - irgendwo zwischen Sehnsucht, Glückseligkeit, Melancholie, Fern- und Heimweh sitzt das Gefühl, dass sich jedes einzelne Mal einstellt, wenn ich Tracks von Burial höre.

Der Banksy des Dubstep

Der Produzent ist ein äußerst scheuer Zeitgenosse. Auf der Platte steht schlicht: "All tracks written by Burial." Es gibt weder Bilder von ihm, noch eine Internetseite – nichts. Burial will hinter seiner Musik zurücktreten und wird damit zu einem Geist, auf den nach und nach alle Jagd machen. Obwohl die Presse mit aller Macht versucht seine Identität ans Tageslicht zu zerren, gelingt es ihm relativ lange so etwas wie der Banksy des Dubstep zu bleiben.

Irgendwann gibt er jedoch auf, postet ein Bild auf seiner Myspace-Seite und schreibt darunter: "I'm a lowkey person and I just want to make some tunes, nothing else." Sehr bescheiden für jemanden der mit seinem zweiten Album "Untrue" (2007) für den Mercury Prize nominiert wurde. Darauf gelingt ihm ein unglaublicher Brückenschlag: Einerseits hört man, wie viel Burial über die Musikgeschichte weiß, wie anspruchsvoll und schlau seine Tracks sind, andererseits ist es aber eine Platte, die sich nur mit dem Bauch erfühlen und nicht mit dem Kopf verstehen lässt.

Das Lexikon der Bass-Musik

Auf dreizehn Tracks erinnert sich Burial an ganze Jahrzehnte elektronischer Bass-Musik: Dubstep, Drum’n’Bass, Hardcore, Jungle, Grime, Garage, Trance, whatever... Damit wird "Untrue" selbst zu einem der wichtigsten Alben der Musikgeschichte. Es ist ein Album ÜBER Club-Musik, nicht MIT Club-Musik. Bässe wabern anstatt funktional nach vorne zu treiben. Überall knistert und knackst es, wie das Rauschen in den Ohren nach einer langen Club-Nacht. Und wie in einem nebligen Rausch wehen immer wieder Gesprächsfetzen durch die Songs.

A London Thing

"Untrue" ist eine Platte voller Gespenster, fast unbemerkt schleichen sie sich durch alle Tracks und die Pausen dazwischen. Ich muss dabei automatisch an London bei Nacht denken: An feuchte Straßenzüge mit roten Klinkersteinen, an lauwarmes Dosenbier oder den Typen in Jogginghosen der nach Feuer fragt und mir hintenrum den Geldbeutel zockt. Und über all dem dieser typisch englische Nieselregen, der einem sanft aber konstant frontal ins Gesicht segelt.

Das Album heißt zwar "Untrue", für mich ist es aber eines der ehrlichsten Alben, die jemals gemacht wurden. Ein aufrichtiges Stück Musik, dass mich berührt wie kein zweites und das ich deswegen kategorisch einmal pro Woche hören muss.


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