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Ruhmeshalle The Chemical Brothers - Dig Your Own Hole

Mit ihrem zweiten Album werden die Chemical Brothers zu Pionieren des Big-Beat-Sounds. Schrille Funk-Samples und pathetische Melodien über einem scheppernden Breakbeat – mit dieser Mischung prägen sie die 90er.

Von: Philipp Laier

Stand: 27.05.2011 | Archiv

The Chemical Brothers (2007) | Bild: Hamish Brown

Ende der Neunziger in der deutschen Provinz: Ich werde 15 Jahre alt, bin hochpubertär und interessiere mich für relativ wenig. Seit meine Eltern einen Kabelanschluss ins Haus geholt haben, ist die Motivation rauszugehen noch kleiner geworden. Ich habe Aufholbedarf! Es gibt Sender, die den ganzen Tag Musikvideos zeigen. Fett! Wer braucht da schon die Welt dort draußen?! Und so begegnen mir eines Nachmittags die Chemical Brothers.

Rave, Rave und nochmals Rave

Im Video zu ihrem Track "Block Rockin' Beats" flüchtet ein Gangster-Pärchen vor irgendwelchen Typen in Trenchcoats und landet irgendwann auf einem riesigen Rave. Nicht gerade Avantgarde oder besonders feinfühlig, aber umso passender für die Musik von den Brothers: Ein gehämmertes Schlagzeug, kreischende Synthies, die obligatorische Rave-Sirene - und fertig ist der block rockin' beat.

Albumcover "Dig Your Own Hole" von Chemical Brothers | Bild: EMI

The Chemical Brothers – Dig Your Own Hole (Cover)

So schaffen es die Chemical Brothers am Ende doch, dass ich mich aus dem Haus bewege, in den Plattenladen radel' und mir ihr zweites Album "Dig Your Own Hole" kaufe. Ein Album, das mich schon beim ersten Durchlauf schwer beeindruckt. Über eine Stunde lang schwingt das Duo aus London die ganz große Rave-Keule. Selbst in den ruhigeren Tracks sägt und schnarrt noch irgendein metallischer Beat.

Mit "Dig Your Own Hole" werden Tom Rowlands und Ed Simons zu Pionieren eines neuen Sounds: Big Beat. Da scheppert das Breakbeat-Gerüst, oft werden grelle Funk-Samples verwurstet, die Melodien sind teilweise sehr pathetisch. Big Beat eben! Und groß ist der Sound der Chemical Brothers allemal. Big Beat ist die musikalische Grundlage für Massenraves in alten Flughäfen und auf abgelegen Kuhwiesen.

Die Fähre nach England

Mit ihrem Breitwand-Bombast sind die Chemical Brothers ein sehr englisches Phänomen. Auf der Insel hat man schon immer etwas übrig gehabt für das Epochale, das Massive, das Überlebensgroße. Kein Wunder also, dass auf dem Track "Setting Sun" Britpop-Legende Noel Gallagher nölt.

"Dig Your Own Hole" wird für mich damals zur Brücke nach England. Das Album zerrt mich von der Couch, raus ins echte Leben, auf Raves, Festivals, in Clubs und andere Sphären. Bis heute bin ich den Chemical Brothers unglaublich dankbar für diese elf Tracks. Und das meine ich völlig ernst – mit dem nötigen Pathos. The brothers are going to work it out!


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