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Ruhmeshalle Bruce Springsteen - Darkness On The Edge Of Town

Ein bis in die Haarspitzen motivierter Bruce Springsteen, entnervte Bandmitglieder und eine raue Rock'n'Roll-Platte, die die Ängste und verpufften Träume der Arbeiterklasse vertont. Auf dem Album "Darkness On The Edge Of Town" ist der "Boss" gewohnt großartig.

Von: Matthias Scherer

Stand: 25.11.2010 | Archiv

Bruce Springsteen | Bild: Frank Stefanko

"Ich wollte mehr als reich, berühmt oder glücklich sein - ich wollte großartig sein". So lautet Bruce Springsteens Ansage im Jahr 1978. Sein Album "Born to Run" hat ihm drei Jahre zuvor endlich zum kommerziellen Durchbruch verholfen - und die Musikpresse auf seine Seite gezogen.

Aber der Ruhm stößt ihn an Grenzen. So verwickelt sich Springsteen 1976 in einen Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Ko-Produzenten Mike Appel. Das Gerangel um die Rechte an seiner Musik dauert ein Jahr und hindert Springsteen daran, aus seinem Erfolg Kapital zu schlagen und ein neues Album aufzunehmen. Als er schließlich den Prozess gewinnt, ist er verbissener und paranoider als zuvor. Aus Angst, als Eintagsfliege abgeschrieben zu werden, lässt er sich für die Aufnahmen zu "Darkness On The Edge Of Town" Zeit. Viel Zeit.

Perfekter als perfekt

Bruce Springsteen - Darkness On The Edge Of Town (Cover)

70 Songs schreibt Springsteen für das Album, füllt zahllose Notizbücher mit Akkordfolgen und Textzeilen. Man könnte spekulieren, ob ihm sein baldiger 30. Geburtstag und die damit verbundenen Veränderungen im Kopf herumspuken - auf jeden Fall drängen sich folgende Fragen auf: Wie viele Kompromisse darf ich eingehen? Wie kann ich mir meine Menschlichkeit bewahren, wenn ich ums Überleben kämpfen muss? Mein eigener Einstieg in den Springsteen-Katalog war die "Greatest Hits"-Sammlung, die bei meinem Vater im Schrank stand. Dort findet sich mit "Badlands" nur ein Song aus "Darkness", und das aus gutem Grund. Denn echte Hits gibt es auf diesem Album nicht. Springsteen war eine nachdenkliche, sparsame Platte wichtiger als ein Verkaufsschlager. Deswegen verschenkte er die potenziellen Hitsingles "Because the Night" und "Fire" an Patti Smith und die Pointer Sisters.

Großartig, auch ohne Hit

Mit seinem Perfektionismus treibt Springsteen seine Bandkollegen übrigens in den Wahnsinn. Im Making-Of-Dokumentarfilm "The Promise" sieht man nicht etwa ein Studio voller Bierflaschen und Aschenbecher, sondern übermüdete Profimusiker, die plötzlich jedes Solo rechtfertigen müssen. Aber der schiere Wille Springsteens und das Vertrauen seiner Band in ihn zahlen sich aus: Die zehn Songs auf "Darkness On The Edge Of Town" spiegeln den Gemütszustand der amerikanischen Arbeiterklasse wieder, die wenig mit dem pompösen "Wall of Sound" des Albums "Born To Run" zu tun haben. Seinem Anspruch, Großartiges zu leisten, wird Bruce Springsteen einmal mehr voll und ganz gerecht – auch ohne Superhits.


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