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Ruhmeshalle Bob Dylan - Desire

Desire klingt wie ein Befreiungsschlag: Bob Dylan nimmt 1975 Urlaub von sich selbst, nimmt ein weiteres Mal Reißaus vor der Schwere seiner Bedeutung, vor den Interpretationen, die ihn zu lähmen drohen.

Von: Michael Bartle

Stand: 28.02.2008 | Archiv

Bob Dylan ca. Mitte der 70er | Bild: Ken Regan

Wir könnten diese Ruhmeshalle kurz machen. Bob Dylan zieht in die Ruhmeshalle ein. Punkt. Basta. Ende Gelände. Der Mann ist Legende, er ist DER EINE Storyteller. Der EIGENTLICHE. Der Mann, der als junger Kerl Songs dahergeträumt hat, die von Null auf Hundert zu Traditionals, zu Volksweisen wurden. Der auf "Blowin' In The Wind" mit 22 Jahren klingt, wie ein Jahrhunderte alter Redwood Baum, wie ein indianischer Schamane mit der Weisheit der Völker.

Der Mann, der sich beim Newport Festival 1965 an den elektrischen Verstärker angekoppelt hat und damit Folk, Poesie und Rock'n'Roll kurzgeschlossen hatte. Der Mann, der in seinem Leben so viele unterschiedliche Reisen angetreten ist wie kaum ein anderer. Einmal durch alle Ecken menschlichen Bewusstseins und zurück. Pausenlos um die Welt getourt ist er sowieso.

Der schwere Mantel der Geschichte

Als Bob Dylan die Arbeit zu seinem achtzehnten Album "Desire" aufnimmt, hat er also schon zehn Menschenleben gelebt, die Welt des Rock'n'Roll und die Welt im Allgemeinen verändert. Der Mann hat den Mantel der Geschichte selbst genäht und ein bisschen schwer scheint er mitunter daran zu tragen. "Desire" aus dem Jahr 1975 klingt demnach wie ein Befreiungsschlag: Der Mann nimmt Urlaub von sich selbst, nimmt ein weiteres Mal Reißaus vor der Bürde seiner Bedeutung, vor den Interpretationen, die ihn zu lähmen drohen.

Mit einer Herzenslust entrollt Dylan auf "Desire" seine Geschichten, integriert auf wunderbare Weise bittersüße Streicher, wie es zuvor und danach kaum einem anderen Künstler gelingen wird, rollt das Akkordeon aus und bläst die Harp. Und wenn er um einen letzten Schluck Kaffee bittet, bevor er sich wieder auf die große, staubige Straße begibt, katapultiert uns der große Muezzin der Popmusik mitten hinein in die Gassen des Orients. Das ist Weltmusik.

"Here comes the story of the Hurricane"

Bob Dylan - Desire (Cover)

Schon auf dem Cover blickt ein wunderbar flamboyanter Bob Dylan an seinen Fans vorbei in die Ferne, dahin, wo nie jemand ankommt. Der Hut scheint ihm angewachsen, der leicht schmuddelige Pelzkragen wärmt, der lässig gebundene Schal flattert keck im Wind. Zweimal allerdings wird Dylan auf "Desire" ziemlich ernst und streift seine metapherndicke Urlaubshaut ab. Im Opener "Hurricane" erzählt er eins zu eins den Fall des afroamerikanischen Boxers Rubin Carter, der von einer weißen Jury mit fadenscheiniger Begründung wegen Mordes verurteilt wurde. Und attackiert das immer noch latent rassistische Amerika.

Und in "Sara", dem vielleicht bewegendsten letzten Song des Albums, wird der alte Mr. Nobody dermaßen intim, dass wir die Vorstellung, Dylan sei gar kein Mensch, zumindest für ein paar Minuten revidieren müssen.

Aus dem Ärmel geschüttelt

Gut, seine Ehe lag in Trümmern. Kein Wunder, der Mann war ja auch nie Zuhause. Aber selten haben wir so mitgezittert, ein Feilschen, ein Niederknien, ein Bitten und Betteln so eindringlich gehört wie bei Dylans Ode an seine Frau Sara. Dass er uns dabei in jeder Sekunde des Songs ahnen lässt, wie vergeblich dieser letzte Versuch eines Schwerenöters sein wird, macht den Song nur noch größer.

"Desire" ist nicht Bob Dylans wichtigstes Werk. Und genau das macht es so stark, so luftig, so aus dem Ärmel geschüttelt. Das Chamäleon Dylan wirft sich selbst ab, lässt die Legende hinter sich. Dylan sagt bereits mit diesem Album, zwei Jahrzehnte vor Todd Haynes Film: Ich bin dann mal weg - I'm not there, mich gibt es gar nicht.


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