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Ruhmeshalle Bob Dylan - Highway 61 Revisited

Als 1965 "Highway 61 Revisited" erscheint, ist Bob Dylan gerade 24 Jahre alt - und schon der größte Songwriter aller Zeiten. Seitdem versucht der Pop, seiner habhaft zu werden - aber nur wer selber hinhört, wird ihn je verstehen.

Von: Michael Wopperer

Stand: 26.08.2011 | Archiv

Bob Dylan Mitte der 60er | Bild: Sony Music

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum ersten Mal Bob Dylan gehört habe. Aber wann Bob Dylan zum ersten Mal zu mir gesprochen hat, zu mir, ganz persönlich – das weiß ich noch genau. Ich war gerade nach München gezogen, ein Provinzkind in der großen weiten Welt. Ich hab in meinem 10-Quadratmeter-WG-Zimmer gesessen und meine Sachen gepackt, um einen Freund in Leipzig zu besuchen. Noch eine Stadt, die ich nie gesehen, noch ein Abenteuer, das ich nicht gewagt hatte, als ich jeden Tag wohlerzogen zur Schule gegangen bin. Dass ich damals ausgerechnet "Highway 61 Revisited" von Bob Dylan gehört habe, war eher Zufall. Aber dann passte es plötzlich wie die Faust aufs Auge.

"How does it feel? To be without a home? Like a complete unknown? Like a rolling stone?"

Bob Dylan - Like A Rolling Stone

Klar, von München nach Leipzig zu reisen, ist kein großes Ding. Klar war ich nicht "without a home". Klar war ich kein "complete unknown". Aber ich war ein "rolling stone" - orientierungslos, am Anfang von etwas Neuem, ohne eine Ahnung, was dieses Neue sein könnte. Und dann kommt Bob Dylan und beruhigt mich nicht mit leeren Versprechungen von einer goldenen Zukunft - nein: Er sagt, wie's ist.

"Nobody's ever taught you how to live out on the street, and now you're gonna have to get used to it."

Bob Dylan - Like A Rolling Stone

"Like A Rolling Stone" war meine Eintrittskarte in das Universum von Bob Dylan, und ich hab dieses Universum seitdem nie verlassen wollen. Weil dort der ganze Unsinn unserer Welt genau so viel Sinn macht, wie er nun mal wirklich macht: nämlich meistens keinen. Alles in Bob Dylans Texten hat eine kryptische Bedeutung und eine tiefe Weisheit - aber alles, was man sagen kann, beinhaltet bei ihm auch schon immer, dass man es genauso gut auch nicht sagen könnte. Oder tausendmal wiederholen. Oder zur letztgültigen Wahrheit erklären. Nur: Gewissheit - die sucht man hier vergeblich.

Bob Dylan - "Highway 61 Revisited"

Was Bob Dylan von jenen hält, die dieser Philosophie der offenen Fragen konfektionierte Antworten entgegenhalten wollen, das hat er konkurrenzlos scharf in seiner "Ballad Of A Thin Man" verewigt. Da schickt er den archetypischen US-amerikanischen Spießer Mr. Jones in ein absurdes Theater aus grotesken Phantasiefiguren, unter denen irgendetwas passiert - irgendetwas, das Mr. Jones nie verstehen wird.

Bis heute rätseln Dylanologen, wer mit diesem Mr. Jones gemeint sein könnte. Wir sind es! Wir alle, die wir uns ein Fernsehprogramm anschauen, von dem wir allen Ernstes annehmen, dass es die Wirklichkeit zeigt. Dabei passiert andauernd etwas Bedeutendes, aber wir sind zu blind es zu sehen - weil wir uns blenden lassen von all dem Bullshit.

Mit seinem besten, seinem wichtigsten Album "Highway 61 Revisited" hat Bob Dylan 1965 eine Schneise durch den Bullshit geschlagen. Eine Schneise, die bis heute jedem, der ein Hirn zwischen den Ohren hat, einen Weg weist, den Schmarrn, der uns an jeder Ecke verkauft werden soll, zu unterscheiden von dem wunderbaren Schmarrn, den wir selber jeden Tag anstellen könnten. Alles, was es dazu bräuchte, wäre ein bisschen von dem gesunden Wahnsinn, den Bob Dylan uns lehrt.

"The sun's not yellow - it's chicken!"

Bob Dylan - Tombstone Blues


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Kommentare

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Didi, Mittwoch, 08.April 2015, 22:24 Uhr

1. Bob Dylan. Erinnerung an 1970.

Wir sind uns nie begegnet, aber trotzdem war sein Einfluß für mich irgendwie spürbar. Ich war für einige Zeit Familienaußenbord´s, mein Quartier ging so, das Essen war brauchbar und gegen die Langeweile hatte ich meine Westerngitarre. Mein Brother schickte mir so ein Songheft, ich kann bis heute keine Noten. Aber da standen die frühen Songtexte von Bob Dylan drinn und das war damals wie eine Offenbahrung für mich.