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Das Phänomen Laurie Penny "Mir ist eure Körperbehaarung scheißegal"

Der Feminismus hat eine neue Galionsfigur: Laurie Penny. Die 29-jährige britische Journalistin möchte nicht weniger als eine Revolution. Wir haben die Gründe gesammelt, dieser jungen Stimme zuzuhören.

Von: Franziska Felber

Stand: 27.09.2015 | Archiv

Feministin und Autorin Laurie Penny | Bild: Nadya Lev, laurie-penny.com

1. Sie spricht die Sprache ihrer Generation

Mehr als hunderttausend Follower lesen Laurie Pennys Tweets – seien es Links zu ihren politischen Kommentaren oder Gedanken zur Lieblingsserie. Sie ist quasi im Internet aufgewachsen und weiß, dass das Netz für viele auch eine Art Heimat mit Gleichgesinnten bietet.

"Ich wurde im Netz erwachsen. Und in Blogs und Online-Journalen, später auch auf den Seiten der digitalen Zeitschriften entdeckte ich, dass ich nicht das einzige angefressene Mädchen auf weiter Flur war. Das Internet (…) gab Frauen, Mädchen und Queers einen Raum, in dem sie ohne Grenzen, über Grenzen hinweg kommunizieren, Geschichten erzählen und ihre Realität verändern konnten."

Laurie Penny, Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Edition Nautilus 2015

Laurie Penny wird nicht zu euren Müttern rennen und ihnen sagen, das Internet habe einen schlechten Einfluss auf euch. Den Mund will sie sich dabei auch nicht verbieten lassen – erst recht weil sie der Meinung ist, dass es sich bis heute nur Männer wirklich leisten dürfen, sich öffentlich und mit Nachdruck zu empören.

2. Sie will echte Freiheit

Laurie Penny ist die Letzte, die anderen vorschreibt, wie sie zu sein haben.

"Ich werde euch nicht noch ein Regelwerk vorsetzen, das euch beibringt, euch zu benehmen, immer schön nachzugeben und das bravste Mädchen der Welt zu werden. Und ich schwöre euch, ich verspreche hoch und heilig, ich sage euch nicht, ob ihr euch das Schamhaar wegrasieren sollt, und ich beurteile euch nicht nach dem Zustand eurer Achselhaare. Mir ist eure Körperbehaarung scheißegal."

Laurie Penny, Unsagbare Dinge

Auch Porno, Sexarbeit und hohe Schuhe sind erlaubt. Ihren eigenen Kampf um Freiheit schildert Laurie Penny ebenfalls im Kontext ihrer feministischen Theorien. In ihrem Buch schreibt sie offen über eine überstandene Magersucht, ihren Hang zu melancholischen Jungs, Experimente mit offenen Beziehungen. Und bietet so einer ganzen Generation neue Anknüpfungspunkte.

3. Alle sollen mitmachen

Frauenquote? Warum nicht, sagt Laurie Penny. Und schiebt hinterher: Es gibt schon viel zu viele Vorstandszimmer auf dieser Welt. Eigentlich sollten die alle brennen, findet sie. Laurie Penny ist erklärte Anti-Kapitalistin. Und sie weiß, dass sie wie viele andere feministische Autorinnen einer privilegierten Gruppe angehört. Dennoch soll ihr Feminismus auch einer für arme Menschen sein, für Queers, für Schwarze, für Alleinerziehende. Und für Männer. Sie will den Ausbruch aus den zugeschriebenen Rollen, eine kulturelle Revolution der Andersartigkeiten und der Außenseiter. Auch wenn sich das – besonders für Männer – bedrohlich anfühle.

"Ich will eine Meuterei. Ich will, dass Frauen und Queers und alle anderen, die unter den Gender-, Macht- und Eigentumsstrukturen leiden – und das sind die meisten von uns –, nicht weiter darauf warten, dass sie für ihr Wohlverhalten belohnt werden. (…) Die freundliche Bitte um Veränderungen bringt uns nicht weiter. Wir brauchen Meuterei. Eine Klassenmeuterei, eine Geschlechtermeuterei, eine Sexmeuterei, eine Liebesmeuterei. Es muss die Meuterei unserer Zeit sein."

Laurie Penny

Laurie Pennys Aufgabe ist noch lange nicht erledigt. Aber mit ihrer Offensive für die unterdrückte Vielfalt der Gesellschaft scheint das Ziel der echten Gleichberechtigung auf einmal viel näher zu sein.


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