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Das Reddit-Forum “The Red Pill” Philosophie-Seminar für Frauenhasser

Frauen sind manipulativ, statusgeil und Lügnerinnen - das ist die selbst erstellte Wahrheit, an die die User des Reddit-Forums "The Red Pill" glauben. Wir waren in dem Forum unterwegs und haben uns die kruden Theorien angeschaut.

Von: Juliane Frisse

Stand: 28.08.2015 | Archiv

Red Pill Reddit | Bild: BR

“AFBB: Alpha fucks, beta bucks.” Mein Verständnis für Sexismus endet tatsächlich noch früher als ich dachte: beim buchstäblichen Verstehen. Das ist einer der ersten Sprüche, über die ich stolpere - hier im Subreddit "The Red Pill", einem Forum auf Reddit. Offensichtlich sprechen die Männer hier - denn hier sind fast nur Männer unterwegs - eine eigene Sprache. Mit eigenen Vokabeln und kryptischen Abkürzungen wie  AFBB.

Die Sprache der Frauenhasser

Grob übersetzt heißt das: Alphas ficken, Betas blechen. Ein paar Klicks und gelesene Threads später weiß ich: Dahinter verbirgt sich eine zentrale Lehre der roten Pille. Es gibt Alpha-Männer und es gibt Beta-Männer. Alphas haben mit vielen Frauen Sex, im "Red Pill"-Slang ausgedrückt: Ihr sexueller Marktwert ist höher. Betas dagegen müssen Frauen mit Geld locken. Sie führen zum Beispiel ihre Freundin in teure Restaurants aus - doch bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wird die ihren Beta mit einem Alpha-Mann betrügen.

"Es gibt nur zwei Gründe, warum deine Frau nicht fremdgeht: 1. Niemand mit einem höheren Marktwert als du steht auf sie. 2. Sie hat Angst erwischt zu werden."

User Archwinger im Subreddit The Red Pill

Nach solchen Aussagen muss man bei "The Red Pill" nicht lange suchen. Frauenfeindlicher Bullshit überall. Für die Männer, die hier schreiben, hat er den Status einer Wahrheit, die in unserer Gesellschaft unterdrückt wird. Dafür steht auch der Name "The Red Pill": Es ist eine Anspielung auf eine zentrale Szene aus dem Film "Matrix". In der entscheidet sich der Held Neo dazu, die rote Pille der Wahrheit zu schlucken und sich nicht weiter einer Illusion über die Welt hinzugeben. Diejenigen, die bei Reddit "The Red Pill" schlucken, sehen sich als Neos der Geschlechterverhältnisse: als rationale Realisten, die sich nichts vormachen über Männer, Frauen, Beziehungen und unsere Gesellschaft.

Zwei Geschlechter, zweierlei Maßstäbe 

Ihre Lehre klingt wie ein Philosophie-Proseminar für frauenhassende Pickup-Artists. Es sind drei Grundgedanken, die all die angeblichen Wahrheiten von "Red Pill" durchziehen:

1. Männer und Frauen sind evolutionär bedingt völlig verschieden - deshalb gelten für sie auch andere Maßstäbe. Männer dürfen zum Beispiel mehr Sexualpartner haben, was gerne in dem Bild ausgedrückt wird, dass eine Frau ein Schloss ist und ein Mann ein Schlüssel.     

"Ein Schlüssel, der in jedes Schloss passt, ist ein Generalschlüssel. Ein Schloss, das durch viele Schlüssel geöffnet werden kann, ist es ein schlechtes Schloss."

User puaSenator im Subreddit The Red Pill

2. In unserer vom Feminismus verdorbenen Gesellschaft haben es Männer schwerer als Frauen. Feminismus ist aus Sicht der "Red Pill"-Community nicht der Kampf gegen Benachteiligung, sondern eine perfide Strategie, mit der sich Frauen Vorteile gegenüber Männern verschaffen: "Feministinnen behaupten sie wollen Gleichheit. Aber was sie wirklich wollen ist Macht - ohne die Verantwortung."

3. Als Mann kann man sich in dieser männerfeindlichen Welt nur behaupten, wenn man ein Alpha wird und Frauen entsprechend ihres natürlichen Wesens behandelt. Frauen sind nämlich "manipulativ, aufmerksamkeitssuchend, unbeständig, emotional und hypergam. Akzeptiere diese Wahrheit".

Ich habe das nachschlagen: "hypergam" meint, dass Frauen statusgeil seien. Womit wir wieder bei den Alphas und Betas wären. Und bei Red Pill wollen alle Alphas sein oder zum Alpha werden. Ihren sexuellen Marktwert erhöhen. Deshalb diskutieren die Typen hier die Feinheiten der Red-Pill-Lehre, tauschen Fitnesstipps aus für einen gestählten Body und Dating- und Beziehungstipps, die man eigentlich nur Anleitung zum emotionalen Missbrauch nennen kann.

"Es hängt alles von der verdeckten Nachricht ab, die du sendest. Es ist die Angst vor dem Verlust, die du ihr subtil einflößt."

User TAOofSTEVE im Subreddit The Red Pill

Eine Selbsthilfegruppe mit fast 130.000 Mitgliedern

"Red Pill“ ist leider nicht die kleine frauenfeindliche Schmuddelecke von Reddit. "Red Pill“ ist eine verdammt große Selbsthilfegruppe. Das Subreddit hat fast 130.000 Abonnenten. Typen, die offenbar glauben, bisher nicht den ihnen in dieser Welt zustehenden Anteil Frauen und Sex bekommen zu haben. Die keinem weiblichen Wesen über den Weg trauen, und Vergewaltigungsopfer zu Lügnerinnen erklären:

"Sie gehen fremd und wenn sie erwischt werden, dann sagen sie, sie seien vergewaltigt / abgefüllt / missbraucht worden."

User 30303030303030  im Subreddit The Red Pill

Alle? Ja alle. "All Women Are Like That" ist nämlich auch eine dieser angeblichen Red-Pill-Wahrheiten über Frauen.


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Joan, Donnerstag, 03.September, 16:09 Uhr

6.

"1. Männer und Frauen sind evolutionär bedingt völlig verschieden - deshalb gelten für sie auch andere Maßstäbe. Männer dürfen zum Beispiel mehr Sexualpartner haben, was gerne in dem Bild ausgedrückt wird, dass eine Frau ein Schloss ist und ein Mann ein Schlüssel."

Tja. Wir sollten einfach mal auf die PUAs hören. Wenn diese Logik zutrifft, dann ist die tollste Frau nämlich eine, die GAR nicht mit Männern ins Bett geht. Und schon gar nicht mit Sexisten.

Wenn Frauen so wählerisch wären, wie diese Typen immer behaupten, dass sie es gern hätten ... wenn ALLE Frauen auf die Persönlichkeit achten würden statt aufs Aussehen ... dann würde mit denen KEINE mehr ins Bett gehen.

Die sägen an dem Ast auf dem sie sitzen, weil sie sicher sind, dass sie ihn sowieso nicht durchgesägt bekommen. Vielleicht mögen sie das Geräusch, keine Ahnung.

Carl Jung, Dienstag, 01.September, 08:47 Uhr

5. Die Wahrheit ist hässlich !

Jenseits des limbischen Systems gibt es keine Emotion, will sagen, eiskalte Berechnung kann mit blumigen Emotionen einhergehen. Wer berechnet: Das Betriebssystem des Menschen! Wer mit Menschen umgeht, wer mit Menschen etwas bewegen will, der muss um ihre Motive wissen, auch um den Teil der Motive, die ihnen selbst verborgen sind.
Nehmen wir mal den weiblichen Phänotyp. Vieles daran erscheint so sinnbefreit, so die dünne Haut, das Kindchenschema, die überdimensionierten Brüste. Anderes wiederum ist biologisch nachvollziehbar: die geringe Muskelmasse (um Energie zu sparen), der hohe Körperfettanteil (um Mutter und Kind über bei Schwangerschaft und Stillzeit zu erhalten), das breite Becken (damit der große Kopf des Kindes hindurch passt), das weiche Bindegewebe (damit bei Schwangerschaft und Geburt Dehnung möglich ist).
Die Teile des Phänotyps, die nicht direkt mit biologischen Funktionen zusammen hängen gehören zum "Marketing" des Systems, des Körper.
Das ist der Frau aber nicht klar!

Sonneblume28, Samstag, 29.August, 17:40 Uhr

4. Dünn

Ungeachtet wie man zu einem Thema steht, muss man sich mit dem Inhalt auseinandersetzen. Ich sehe nur Zitatfragmente ohne genaue Quellen und kein eigenes Resüme. Die Besetzung einer Aussage lediglich mit negativ besetzten Bildern ist schlechter Journalismus und Stil.

Lehrkraft, Samstag, 29.August, 17:34 Uhr

3.

Hypergamie ist ein Begriff aus den Sozialwissenschaften, der die Praxis, dass Frauen aus niederen Schichten besser situierte Männer heiraten, beschreibt. Das Antonym zu Hypergamie ist Hypogamie, nicht Monogamie. Und überhaupt, im Red Pill-Universum ist mit "hypergame" nichts anderes als "gold digging" gemeint.

Noch zwei Belege:

"Nicht jede Heirat war klassenisogam, denn viele waren hypergam (eine Verbesserung für die Frau) beziehungsweise hypogam (eine Verschlechterung für die Frau)"

(aus "Kinderlosigkeit in Deutschland: Zum Verhältnis von Fertilität und Sozialstruktur", S. 108)

"Women are hypergamous, this means that they feel entitled to a superior mate..."

(aus "The Red Pill Constitution")

The Other, Samstag, 29.August, 17:30 Uhr

2. fehlende Kritik

Unabhängig wie man eine Ansicht/Ideologie finden mag, so muss sich mit ihr auseinander gesetzt werden. Das wurde nicht getan. Es wurden Fragmente zitiert aus diesen nicht mal ein eigener Schluss gezogen, sondern durch einen negativ besetzten Begriff ersetzt, wird.

Frau Schwarzer sagte mal: "gut das eine ihm den Penis abschnitt, sie hat sich getraut." nach der Argumentationsstruktur der Autorin kann ich das mit Feminismus gleichsetzen.

Schlechter, vulgärer Stil und Journalismus.