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Interview mit dem ehemaligen Islamisten Irfan Peci Warum die IS-Propaganda immer mehr wie Buzzfeed klingt

Die Propaganda des IS ist perfekt aufs Netz abgestimmt. Der ehemalige V-Mann Irfan Peci beobachtet die Werbung für den Dschihad seit Jahren. Warum die so oberflächlich ist und warum das gut sein kann, erzählt er im Interview.

Von: Christine Auerbach

Stand: 28.07.2016 | Archiv

Irfan Peci | Bild: BR/Lisa Hinder

Irfan Peci ist 27 Jahre alt und hat schon eine radikale Karriere hinter sich. Als Deutschland-Chef der "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF) hat er Propaganda für al-Qaida gemacht. Dann wurde er vom BKA enttarnt, saß im Gefängnis und wurde als einer der wichtigsten V-Männer in der Islamistenszene für den Verfassungsschutz angeworben. Mit seiner extremen Vergangenheit hat er gebrochen und möchte ein normales Leben führen. Die Propaganda des IS beobachtet er aber ganz genau.

PULS:  Warum hat dich die islamistischen Propaganda damals angesprochen?  

Irfan Peci: Mich hat von allem etwas angesprochen: Das Kriegerische hat mich angezogen, aber auch die emotionalen Sachen und die Ideologie waren sehr wichtig. Ich wollte keine sinnlose Gewalt, das musste schon irgendwie Sinn machen. Man bekommt sonst auch mit seinen eigenen Gefühlen Probleme. Wenn man zum Beispiel einen sieht, der enthauptet wird, dann ist da schon noch eine gewisse Vernunft, man bekommt auch Mitleid. Aber dann setzt die Ideologie ein, die sagt, der hat den Tod verdient, der musste enthauptet werden und das schaltet die Gefühle aus.

Hat von deiner Umgebung keiner etwas von deiner Radikalisierung mitbekommen?

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Radikalisierung ist ja immer ein längerer Prozess. Als es anfing, da hat niemand etwas bemerkt, ich war äußerlich überhaupt nicht auffällig. Aber innerlich habe ich schon mit gewissen Sachen sympathisiert. Das ist von Außen sehr schwer festzustellen wann dieser Radikalisierungsprozess anfängt. Der kann schon in der Kindheit anfangen, je nachdem auch wie die Erziehung von den Eltern ist.

Warum bist du überhaupt radikal geworden?

Schwer zu sagen… Bei mir war einer aus der Verwandtschaft einer der führenden Köpfe der Szene. So ist es auch bei vielen anderen, so wie ich das mitbekommen habe. Dass irgendein Cousin oder ein entfernter Verwandter da schon mit drin ist und dich schon früh mit diesen Ideen in Berührung bringt. Das kann auch in der Moschee passieren, das ist immer unterschiedlich.

Du hast nach dieser Zeit im Gefängnis gesessen und musstest danach dein Leben komplett neu aufbauen. Wie kam dann der Bruch mit dieser Ideologie?

Das kam natürlich nicht von einem Tag auf den anderen und es gab auch kein einschneidendes Erlebnis. Mich haben mehrere Erlebnisse zum Nachdenken gebracht: Die Gefängniszeit, wo ich viel reflektiert habe und selbstkritisch wurde. Vorher war ich immer in der Gruppe, hatte diese Gruppendynamik. Da schottet man sich ab und es gibt gar keinen positiven Einfluss mehr von außen. Im Gefängnis wurde ich quasi mit Gewalt davon weggezogen, da war ich das erste Mal wieder frei von diesem Einfluss. So fing der Prozess an und mit der Zeit ist das immer stärker geworden. Ich hätte auch wieder rückfällig werden können, aber ich habe danach nur Erlebnisse gemacht, die meine positive Entwicklung bestärkt haben.

Es scheint, als ob sich gerade viele Menschen schneller radikalisieren als früher. Liegt das auch einer anderen Art von Propaganda?

Es ist sehr oberflächlich geworden. Früher hat man sich zum Beispiel zwei Stunden lang Ansprachen von al-Qaida Führern angeschaut. Da ging es um Politik und Geschichte und so trockene Themen. Wo man früher Bücher rausgebracht hat, da sehe ich jetzt immer mehr flyermäßiges. Die schreiben jetzt: "5 Gründen, warum alle Herrscher ungläubig sind", "3 Gründe, warum der Krieg jetzt Pflicht ist"…

Also eine Art Buzzfeed für Islamisten?!

Ja genau. Auch wenn ich bei Facebook bin, da sind Schlagzeilen, die einen locken sollen. Aber das hat auch den Vorteil, dass die Deradikalisierung auch leichter ist, weil die eben ideologisch dann nicht so gefestigt sind. Das sagen auch Leute, die in dem Bereich arbeiten. Es ist viel leichter, einen Syrien-Ausreisenden, der vor drei Monaten noch nicht mal gebetet hat, nicht islamisch gelebt hat und aus Syrien zurückkommt zu erreichen. Viel eher als jemanden, der seit Jahren in der Szene ist, im Ausland studiert hat und ideologisch gefestigt ist. Also es gibt Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist natürlich, dass viel schneller was passieren kann und die Behörden die Leute oft nicht auf dem Schirm haben.


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