Jetzt Sweet Bren Joy feat. Landon Sears

Info Bren Joy aus Nashville liebt Gospel, R&B, Hip-Hop, Jazz und Pop und diesen Mix hören wir in seiner Musik. Das Ergebnis klingt wunderbar smooth und hoffnungsvoll. So wie im Feature "Sweet" (2019) mit Landon Sears.


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Schrecken als Normalzustand Gewöhnen wir uns an den Terror?

Terroranschläge und Horrornachrichten überschlagen sich. Wenn wir auf’s Handy gucken, werden wir gerade überrollt von Horror-Nachrichten aus Aleppo, Istanbul, Brüssel, Nizza und noch näher. Wie können und sollen wir damit umgehen?

Von: Meret Reh

Stand: 21.07.2016 | Archiv

Gewöhnen wir uns an den Terror? | Bild: BR

Ein Flüchtlingsboot kentert im Mittelmeer – welches jetzt nochmal? Ein Fanatiker sprengt sich in die Luft und hunderte Menschen sterben – wo jetzt? Brüssel, Bagdad oder Paris? Terror, überall. Ich denke mir: „Was ist das für eine Welt?“. Aber je mehr Horror-Geschichten ich höre, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich abstumpfe. Die Ereignisse überlappen sich und mein Mitgefühl für das Leid nutzt sich ab. Ich ärgere mich über mich selbst. Stehe ich damit alleine da oder geht es anderen ähnlich und wir trauen uns nur nicht, es laut auszusprechen? Und warum ist das überhaupt so? Das alles frage ich Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie in Münster.

PULS: Herr Wagner, ist das tatsächlich so: Stumpfen wir durch die Masse an Schreckensgeschichten ab?

Ulrich Wagner: Ich glaube, wir stumpfen tatsächlich ab. Das hat etwas damit zu tun, dass wir mit so vielen schlechten Nachrichten nur schwer umgehen können. Andauernde Anhäufungen von schlechten Nachrichten würden uns sehr verunsichern, wenn wir sie alle an uns heranlassen würden.

Ist das ein natürlicher Schutzmechanismus, der in solchen Situation einsetzt?

Um uns selber zu schützen, brauchen wir einen gewissen Phlegmatismus. Wenn Ereignisse zu häufig und zu intensiv berichtet werden, müssen wir darüber hinweggehen, um uns selbst nicht allzu sehr zu verängstigen.

Ich merke bei mir selbst, dass mich manche Meldungen stärker betreffen und berühren, als andere. Warum ist das so?

Das Ausmaß, in dem uns Berichte berühren, hat tatsächlich zu tun mit der Ähnlichkeit von Opfern mit uns selber, aber vielleicht auch von Tätern. Wir sind völlig geschockt, wenn jemand solche Straftaten begeht, von dem wir es nicht erwarten. Aber wir sind eben auch massiv beeinträchtigt, wenn wir erfahren, wie viele Opfer deutscher Herkunft waren. Wir rechnen uns gemeinsamen Gruppen zu: Wenn in Asien etwas passiert und unter den Opfern ist ein gewisser Anteil an Menschen europäischen Hintergrunds, dann berührt uns sowas sehr viel mehr. Das ist aber eine kognitive Verzerrung. Wir rechnen uns da einer gemeinsamen Gruppe zu und das berührt uns stärker. Unbekannt sind uns die deutschen Opfer dennoch gewesen. Genauso unbekannt, als wären alle Opfer asiatisch gewesen.

Welche Rolle spielen denn auch die Medien in dieser Hinsicht?

Wir bekommen die Nachrichten unterschiedlich direkt. Letzten Sommer ist die Zahl der Geflüchteten sehr stark gestiegen und wir haben die Menschen zum Beispiel am Münchner Hauptbahnhof ankommen sehen. Also in unmittelbarer Nachbarschaft. Das hat uns sehr ergriffen. Je mehr die Medien über Ereignisse und Plätze berichten, die uns unmittelbar bekannt und relativ nah sind, desto betroffener sind wir. Die Bilder der Menschen auf der Balkanroute lassen uns im Vergleich dazu relativ kalt, weil das nicht unser unmittelbarer Erfahrungsraum ist. Wir müssen uns aber vor Augen halten, dass das Leid der Menschen in beiden Situationen das Gleiche ist.

Wir nehmen es ja auch einfach oft gar nicht war, wenn sich in anderen Teilen der Welt die Ereignisse sich häufen.

Von vielen furchtbaren Ereignissen, Kriegen oder Terrorakten an anderen Plätzen dieser Welt erfahren wir gar nichts. Bestenfalls noch im gesprochenen Nachrichtenblock der Nachrichten, aber das berührt uns dann natürlich nicht so.

Manchmal nervt mich diese falsche Anteilnahme an den Geschehnissen. Bei anderen, aber auch bei mir selbst. In der einen Sekunde sind wir total betroffen und in der nächsten denken wir schon wieder darüber nach, ob die Haare heute richtig sitzen. Andererseits geht das Leben hier natürlich weiter. Dürfen wir noch ohne schlechtes Gewissen Spaß haben?

Das ist sogar ganz wichtig. Wir brauchen auch in schlechten Zeiten ein gewisses Ausmaß an positiven Botschaften. Es hilft unserem psychischen Wohlbefinden sehr, wenn wir uns trotz negativer Nachrichten noch über Kleinigkeiten freuen können. Es geht auch darum, mit der Situation umzugehen, fertig zu werden und vor allem etwas dagegen zu tun. Dazu braucht man auch ein gewisses Maß an positivem Zukunftsblick, weil sonst tut man einfach gar nichts mehr und resigniert.

Wenn wir jetzt mal kurz die Stühle umdrehen und ich Sie nach Ihrem Befinden fragen darf… Wie gehen Sie selbst denn damit um?

[lächelt] Psychologen sind auch Menschen. Insofern reagieren sie auch so. Aber Psychologen haben bestimme Kenntnisse. Zum Beispiel, dass ältere Generationen seit Jahrhunderten darüber klagen, dass früher alles besser gewesen sei. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einem ähnlichen Mechanismus unterliegen. Ich kann nicht sagen, ob die Situation in Mitteleuropa so viel schlechter geworden ist. Man muss bei aller Schrecklichkeit auch die positiven Dinge in den Blick nehmen. Was mir als Wissenschaftler noch viel wichtiger ist: wir müssen darüber nachdenken, wie wir als Gesellschaft mit der tatsächlich bestehenden Bedrohung umgehen und wie wir sie weiter reduzieren können. Das setzt eben auch voraus, dass wir uns auch den positiven Dingen zuwenden und darüber nachdenken, wie wir mehr Menschen an den positiven Entwicklungen unserer Gesellschaft teilnehmen lassen können – damit sie nicht abrutschen in terroristische Gewaltattacken.


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