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Die Frage Woher kommt der Hass der Islamisten?

17 Tote, ein Land traumatisiert, die Welt fassungslos. Wie wurden aus drei normalen Jungs die Pariser Attentäter? Und woher kommt der Hass – auch von Islamisten in Deutschland? PULS auf der Suche nach Antworten.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 28.01.2015 | Archiv

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich für "Die Frage" bei PULS zum ersten Mal zum Thema Dschihad und Islamismus recherchiert. Damals, im Mai 2014, hieß der selbsternannte "Islamische Staat" noch ISIS und war noch nicht dabei, halb Syrien und den Irak zu überrennen und das ganze "Kalifat" zu nennen. Trotzdem gab es auch da schon genügend junge Deutsche, die mitmachen wollten. "Warum ziehen junge Deutsche in den Dschihad?", das wollten wir damals wissen. Die Antwort war komplex. Eine Mischung aus religiösem Fanatismus, persönlichem Scheitern, Abenteuerlust und Propaganda haben eine ganz eigene Jugendkultur geschaffen. Die bringt scheinbar ganz normale Jungs und Mädchen dazu, für eine menschenverachtende Ideologie in den Krieg zu ziehen.

Die Attentäter von Paris haben eine ähnliche Biografie wie die Deutschen, mit denen ich im Mai gesprochen habe. Der Unterschied: Während der Großteil der deutschen Islamisten in Syrien kämpfen will, haben die französischen Terroristen den Krieg nach Europa getragen. Das heißt nicht, dass Terror in Europa schlimmer ist als in Syrien oder Irak (oder in Nigeria, Somalia und all den anderen Ländern, in denen islamistische Organisationen für Angst und Schrecken sorgen). Aber es hat uns deutlich gemacht, wie groß Entschlossenheit und Hass sein müssen. Deswegen beschäftigt sich "Die Frage" noch einmal mit Islamismus, mit den neuen Gesichtern von Terror und Hass. Und schaut dieses Mal noch genauer hin.

Dem Hass auf der Spur

Los ging die Recherche bei Steffi. Sie ist Mitte 20 und hat sich im vergangenen Jahr bei PULS gemeldet – als Reaktion auf unsere Berichterstattung. Steffi war bis vor vier Jahren Salafistin, war ganz nah dran an der Gruppe "Millatu Ibrahim", der damals radikalsten islamistischen Organisation in Deutschland, die den Dschihad-Hype mit losgetreten hat und Steffi fast dazu gebracht hätte, in den Dschihad zu ziehen.

Millatu Ibrahim ist inzwischen verboten. Steffi hatte Glück im Unglück und ist raus. Aber fangen wir von vorne an: Ich treffe Steffi in einer mittelgroßen Stadt, mitten in Deutschland. Da geht sie wieder zur Schule, lebt in einer Zweizimmerwohnung und ist stolz auf ihr fünfjähriges Kind. Wenn sie von ihrer Zeit als Salafistin erzählt, schaut sie mich nicht an, sondern sucht irgendeinen Punkt im Raum. Es sei wie Hypnose, sich das alles wieder ins Gedächtnis zu rufen: die Leute, die Videos, die Hausdurchsuchung am Ende. Und den Laptop, den sie sich damals gekauft hatte und mit dem absurderweise alles anfing.

Mit dem Laptop in den Salafismus

Steffi möchte nicht erkannt werden

Steffi war schon ein paar Jahre zum Islam konvertiert, als sie sich näher damit beschäftigen wollte. Sie kaufte sich einen Laptop, meldete sich bei Facebook an und geriet durch Zufall in ein Netzwerk junger Islamisten, das gerade boomte, "Millatu Ibrahim". Das Hauptthema: Der Dschihad gegen die "Ungläubigen". Steffi ließ sich anstecken von der Stimmungsmache, von Videos aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, die beweisen sollten, wie Muslime auf der ganzen Welt unterdrückt werden. Sie machte mit, dichtete Nasheeds, islamische Gesänge, in denen sie den Unterdrückern den Tod wünschte und den Märtyrertod feierte. Irgendwann teilte sie eine Anleitung zum Bau einer Bombe.

Diese Anleitung brachte Steffi ins Visier der Sicherheitsbehörden. Die Hausdurchsuchung, die dann folgte, habe ihr die Augen geöffnet. Dazu kam, dass Steffi sozusagen Glück im Unglück hatte. Die Islamisten wollten sie nicht in den engsten Kreis vorlassen, misstrauten ihr irgendwann, weil sie sich nicht komplett verschleierte wie die anderen Frauen, und mobbten sie am Ende im Netz. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis Steffi ihren unfreiwilligen Ausstieg aus der Szene verdaut hatte, und noch länger, bis sie angefangen hat zu hinterfragen, zu wem sie da eigentlich gehören wollte.

Wie Steffis Geschichte weitergeht?

Steffis Geschichte hat mir zwei Antworten gegeben auf meine Frage, "Woher kommt der Hass der Islamisten?". Die erste: Der Hass wird ganz gezielt gesät. Steffi beschreibt "Millatu Ibrahim" wie eine Sekte, einen elitären Zirkel. Darin haben respekteinflößende Männer das Sagen, wie der Ex-Rapper und Dschihadist Deso Dogg. Schwarzverhüllte Frauen hören den Anführern zu – die schillerndste von ihnen ist die Frau von Mohamed Mahmoud, dem Boss. Sie darf Lila tragen. Der Führungszirkel sitzt in der Mitte der Moschee und bestimmt das Geschehen, alle anderen bleiben am Rand, sehen zu. Natürlich funktioniert das Anführer-Rekruten-Schema auch im Netz. Einer postet – alle teilen.

These: Gewalt erzeugt Gegengewalt

Die zweite Antwort ist: Wenn man in der Scheiße sitzt, dann riecht's nicht gut. Heißt: Wenn es einem nicht gut geht, ist man empfänglich für irre Ideen. Nicht zufällig kommen die meisten deutschen Dschihadisten aus den Problemvierteln in Frankfurt, in Berlin oder im Ruhrgebiet. Steffi sagt, sie war auf der Suche nach "Werten" und wollte sich mit dem Islam auseinandersetzen. Aber vor allem hatte sie große Probleme mit ihren Eltern und einem Ex-Freund, der sie misshandelte. Da haben Steffi dann auch erstmal einfache Antworten gereicht.


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