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Ruhmeshalle Kettcar - Du und wieviel von deinen Freunden

Kettcar polarisieren. Vielleicht gerade weil sie eine Band sind, die sich von Anfang an der Befindlichkeit verschrieben hat. Die Emotion hat dank ihres Debüts einen eigenen Platz im deutschen Indie-Rock.

Von: Helen Malich

Stand: 26.11.2009 | Archiv

Kettcar | Bild: pertramer.at

Eigentlich kann ich Kettcar nicht leiden. Und ich weiß, ich bin nicht allein. Aber eine Sache rechne ich den fünf Hamburgern hoch an: Sie haben dem sehr subjektiven, intimen Gefühl einen eigenen Platz gegeben im deutschsprachigen Indie-Pop. Ihre Stream-of-Consciousness-artige Poesie über Liebe, Beziehungen und die Wunder des Alltags sind einzigartig. Und angefangen hat alles mit dem Kettcar-Debüt "Du und wieviel von deinen Freunden".

Wir spulen zurück ins Jahr 2002 und kramen uns durch’s Deutsch-Pop-Rock-Regal: Wunderbare Vielfalt, wohin die Finger auch grabbeln. "Die Gute Seite" der Sportfreunde Stiller landet auf Platz 6 der deutschen Hitparade. Tocotronic, Helden der Hamburger Schule, veröffentlichen 2002 ihr selbstbetiteltes weißes Album und widmen sich auf ihre ganz eigene, verschwurbelte Art und Weise der Poesie. Die Goldenen Zitronen, Vertreter der Generation "Verschwende Deine Jugend", veröffentlichen "Aussage gegen Aussage", ein Best-Of-Album, bis oben voll mit Sozialkritik und bissigem Dagegensein.

In ausufernder Empfindsamkeit vereint

Albumcover "Du und wieviel von deinen Freunden" von Kettcar  | Bild: Grand Hotel Van Cleef

Kettcar - Du und wieviel von deinen Freunden (Cover)

Zwischen all diesen Platten haben Kettcar mit "Du Und Wieviel Von Deinen Freunden" einen Platz besetzt, in dem sie mit unendlicher Offenheit intellektuell getextete Gedichte um sich aufbauen. Ein Kettcar-Schloss, das manchen Hörern verschlossen bleibt und anderen eine Heimat bietet. Elektronische Beats werden abgelöst von tanzbaren Schlagzeugpassagen und mitreißenden Gitarrenhooks. Und immer präsent: Sänger Marcus Wiebusch, der uns bei jedem Song in seinen Kopf lässt.

Da sich erstmal kein Label findet, gründen Tomte-Chef Thees Uhlmann und Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch kurzerhand ein eigenes: Grand Hotel Van Cleef – bald neben Tapete Records und damals auch noch L'age d'or eine der wichtigsten Adressen für deutschsprachige Popmusik.

Aber genau wie die Liebe Grund zum Lachen und zum Weinen gibt, hat auch "Du und wieviel von deinen Freunden" eine Kehrseite. Gerade weil sich Kettcar in Gedanken über andere verlieren und auch die Beziehungskiste fast nie verlassen, wirken sie eindimensional. Auch ihr Stream of Consciousness wird auf Dauer ziemlich eintönig. Aber Kettcar wussten immerhin in jedem Satz, was sie tun.

In Empfindsamkeit vereint: Irgendwie sind wir das doch alle, und der befindlichkeitsfixierte Aufstand, den Kettcar mit "Du und wieviel von deinen Freunden" angezettelt haben, ist eigentlich auch entspannend. 1995 haben Tocotronic noch postuliert, dass man über Sex nur auf Englisch singen kann, weil's im Deutschen all zu schnell peinlich klingt. Seit Kettcar wissen wir: Auf Deutsch kann man über alles singen.


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