80er-Revival im deutschen Indie-Pop Warum deutsche Acts die Achtziger zurück bringen

Synthesizer, Kitsch und düstere Romantik: Was Joy Division, The Smiths, Depeche Mode oder die Bands der Neuen Deutschen Welle in den Achtzigern gemacht haben, prägt heute immer mehr junge deutsche Acts - obwohl sie das Jahrzehnt gar nicht aktiv miterlebt haben. Aber warum?

Von: Miriam Fendt

Stand: 08.10.2019 | Archiv

Musiker mit Keytar und Schulterpolstern | Bild: BR

Mia Morgan: Die Achtziger-Nostalgikerin

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MIA MORGAN - Es Geht Dir Gut (official video) | Bild: mialisamarie (via YouTube)

MIA MORGAN - Es Geht Dir Gut (official video)

Was man wissen muss…

Mia Morgan kommt aus Kassel und nennt sich selbstbewusst "Kassels größter Stolz". Bei der blitzschnellen Entwicklung von Mia Morgan, die vor gut einem Jahr gerade einmal einen Song veröffentlicht hatte und jetzt schon auf Support-Auftritte für die Leoniden oder Drangsal zurückblicken kann, ist das auch keinesfalls übertrieben (ja, wir wissen dass Milky Chance auch aus Kassel kommen). Ihre erste Single "Waveboy" strotzt vor Smiths-Gitarren-Referenzen und hat ein so explizit-emotionales Songwriting, dass er sich konsequent im Gehörgang festsetzt. Kein Wunder, dass Kraftklub, genauso wie Casper und Drangsal, "Waveboy" direkt in ihren Radio- bzw. Podcast-Shows gefeaturet haben und Mia Morgan seitdem feiern. Im Sommer 2019 hat sie ihre Debüt-EP "Gruftpop" veröffentlicht und damit gleich einen Namen für ihre besondere Musik mitgeliefert. Denn die Songs sind voll von ihrer Liebe zum dunklen Synth-Pop der Achtziger.

Die Achtziger-Inspiration kommt…

... aus frühster, elterlicher Sozialisation. An den Wochenenden hat der Papa seine Lieblingsplatten aus den Achtzigern aufgelegt und Mia mit ihrer Mama dazu getanzt. Die Faszination für Depeche Mode, The Smiths oder die frühen Ärzte ist geblieben. Nur irgendwann kennt man diverse Klassiker so in und auswendig, dass was Neues her muss. Als Drangsal 2016 mit "Love Me Or Leave Me Alone" den Stein für eine Achtziger-Bewegung im deutschen Indie-Rock ins Rollen bringt, ist Mia Morgan sofort überzeugt. Das Faible für Synth-Melodien hat sie dann gleich mit in ihr eigenes Musikprojekt genommen.

Das Besondere ist,…

...dass Mia Morgan vom Sound her zwar stark von den Achtzigern beeinflusst ist, ihre Lyrics aber ganz im hier und jetzt stattfinden. Sie beschreibt Gefühle in einer wahnsinnigen Direktheit. Wo in den Texten der Achtziger eher allegorische Stimmungen im Vordergrund standen, wodurch sich auch Mysterium und Überzeitlichkeit dieses Jahrzehnts erklären lassen, lässt Mia Morgan all ihre täglichen Erlebnisse und Emotionen in ihr Songwriting einfließen:

"Alle meine Freunde hören nur noch Trap. Ich hab keinen Bock auf schlechten Deutschrap. Ich steh auf Nekromantik wie damals Bela B."

Mia Morgan in 'Waveboy'

Aber…

Mit einer Zeitkapsel zurück in die Achtziger würde Mia Morgan nicht reisen wollen. Sie sieht eine Glorifizierung der Zeit auch sehr kritisch. Sie findet, dass das Bunte und Strahlende, was die Achtziger ausmacht, vielleicht auf den ersten Blick sehr offen wirkt. Dass automatisch eine Toleranz gegenüber queeren Menschen gegeben ist, heißt das für Mia Morgan aber noch lange nicht.

"Ich finde es schön, dass Künstler*innen heute divers sein und sich zeigen können, wie sie sind, ohne krasse Konsequenzen zu fürchten, wie das damals der Fall war. Wo man noch so tun musste, als sei man hetero, um Platten zu verkaufen und zu suggerieren, dass man noch auf dem Heiratsmarkt sei. Da bin ich froh, dass es 2019 ist."

Mia Morgan im PULS Interview

Ihr Lieblings-80s-Song ist…

"Bigmouth Strikes Again" von The Smiths

Die Kerzen: 80s-Vibes für die Internetgeneration

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Die Kerzen - True Love (Offiziell) | Bild: Die Kerzen [Offiziell] (via YouTube)

Die Kerzen - True Love (Offiziell)

Was man wissen muss…

Die Kerzen kommen aus Ludwigslust in Meckelenburg-Vorpommern. Bevor sie sich ganz dem Einfangen von kitschig-melancholischen Stimmungsbildern gewidmet haben, wurde in leicht veränderter Bandaufstellung klassischer Indierock gemacht. Spätestens mit dem Dazukommen von Keyboarderin und Querflötistin Jelly Del Monaco war der verkopfte Sound der 2000er-Jugendidole und ihrer totgespielten Coolness irgendwie nicht mehr aufregend genug. Also haben die Kerzen einfach mal drei Dekaden zurückgeschaut und sich vom Achtziger-Vibe inspirieren lassen.

Die Achtziger-Inspiration kommt…

...daher, dass alle Bandmitglieder ziemliche Musiknerds sind. Die Kerzen lieben es, sich mit Musik aus anderen Jahrzehnten zu beschäftigen und leben in dieser Hinsicht auch die Vorteile von Internet und Streaming voll aus.

"Wir haben das Glück, dass wir durch Spotify & Co. auf alles zugreifen können. Wenn ich mich inspirieren lassen will, dann kann ich was aus den Sechzigern, den Siebzigern, den Achtzigern oder den Neunzigern nehmen und einfach mal schauen, was die da gemacht haben. Dann entscheide ich, was ich daran schön finde und kann mich auch wirklich daran bedienen."

Felix von Die Kerzen im PULS Interview

Das Besondere ist,…

...dass sie völlig frei alles nehmen, was ihnen gefällt. Deswegen lässt ihr Sound auch mehr zu als pure Achtziger-Nostalgie. Sie greifen auch auf Elemente und Klänge des allgegenwärtigen Cloud-Raps zurück. Für Die Kerzen werden darin auch Facetten der Achtziger bedient: Alles ist bunt, aufregend, teilweise sogar kitschig und es geht eben nicht um konkrete Geschichten, sondern um Gefühle und den richtigen Vibe. Die Kerzen nehmen diese Parallelen in ihre Musik auf und tauschen gängige Cloud-Rap-Codewörter wie Geld oder Markennamen mit eingestaubten, nostalgisch angehauchten Worten wie "Al Pacino" oder "Karamba".

Ihr Lieblings-80s-Song ist…

Prefab Sprout mit "Wild Horses"

Fibel: Geschichtenerzähler mit Achtziger-Referenz

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FIBEL – Kommissar (Offizielles Video) | Bild: FIBEL (via YouTube)

FIBEL – Kommissar (Offizielles Video)

Was man wissen muss…

Dennis, Luke, Jonas und Noah von Fibel haben sich an der Popakademie in Mannheim kennengelernt, einer Schule, die schon Musiker*innen und Produzent*innen wie Mine oder Konstantin Gropper aka Get Well Soon hervorgebracht hat. Fibel spielen ganz schön detailreich arrangierte Gitarrenmusik irgendwo zwischen Post-Punk-Düsternis, softem New-Wave und pompöser NDW.

Die Achtziger-Inspiration kommt…

...ein bisschen aus jedem einzelnen Bandmitglied. Denn die Songs entstehen bei Fibel so, dass jeder das mitbringt, was ihn gerade musikalisch beschäftigt und inspiriert. Das kann auch ziemlich unterschiedlich sein.

"Weil gerade einfach viele Sachen nach den Achtzigern klingen, war der Sound etwas, vorauf wir uns einigen konnten. Also kam das eher so vom Zeitgeist her."

FIBEL im PULS Interview

Das Besondere ist…

...die Kombination aus dem Achtziger-verliebten, Up-Tempo-Sound und den erzählerischen Lyrics. Sänger Jonas ist alleine fürs Texte schreiben zuständig und entwickelt die Songs aus einem Bild oder einer metaphorischen Idee heraus. Das Ergebnis ist feinstes Storytelling voll auserzählter Geschichten und gefühlsstarker Worte.

Ihr Lieblings-80s-Song ist…

...alles von The Smiths.

Tristan Brusch: Die Hassliebe zum Kitsch der Achtziger

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TRISTAN BRUSCH - HIER KOMMT EUER BESTER FREUND (Offizielles Video) | Bild: TRISTAN BRUSCH (via YouTube)

TRISTAN BRUSCH - HIER KOMMT EUER BESTER FREUND (Offizielles Video)

Was man wissen muss…

Tristan Brusch macht eigentlich schon immer Musik. Er wuchs als Sohn eines Violinisten mit klassischer Musik auf und quasi ins Selbstkomponieren rein. 2017 erschien sein Debütalbum "Das Paradies", eine musikalische Mixtur aus melancholischem Chanson, zuckersüßen Synthesizern und morbidem Kirmes-Charme. Durch und durch außergewöhnlich.

Die Achtziger-Inspiration kommt…

...von Tristan Bruschs Ambition, sich aus der eigenen Komfortzone zu lösen und sich in den Stilrichtungen auszuprobieren, die ihn eigentlich immer eher abgestoßen haben. 1988 geboren, hat er als Kind zumindest noch die Nachwehen des Mainstream-Achtziger-Pomps mitbekommen. Schlager, Kitsch, Hochglanz, alles ein bisschen drüber – das war für Tristan Brusch lange der musikalische Erzfeind. Doch für sein Debüt, auf dem er auch viel Kindheitserinnerungen verarbeitet, hat ihn genau das fasziniert und er hat plötzlich die Schönheit und Poesie entdeckt, die eben auch in den Achtziger-Jahre-Songs steckt.

Das Besondere ist,…

...dass sich Tristan Brusch generell immer wieder neu erfindet und weiterentwickelt. Die glatte und trotzdem leicht düstere Ausstrahlung einer nostalgischen Kirmes war das Bild für sein Debüt. Musikalisch hat er das mit detailverliebtem, bewusst kitschigem Synthie-Pop umgesetzt. Seine neue EP "Operationen am faulen Zahn der Zeit" besteht dagegen aus reduzierten, puristischen Chansons, die mit "Das Paradies" soundtechnisch eigentlich gar nichts mehr zu tun haben.

"Ich glaube, ich schreibe Songs auf eine ganz altmodische Weise mit Klavier, Gitarre und Stimme. Dann sind die Songs erstmal da. In welches Soundgewand ich sie dann hinterher kleide, hat nicht so viel mit dem Songwriting zu tun. Ich war für 'Das Paradies' nicht von irgendwelchen Achtziger-Filmen inspiriert oder so. Mir ist nach dem Songwriting aufgefallen, dass das alles in dieser Kirmes-Welt stattfindet und dass deswegen so ein Synthie-Sound ganz geil wäre."

Tristan Brusch im PULS Interview

Sein Lieblings-80s-Song ist…

…Roxy Music mit "More Than This"

Wenn ihr noch mehr Achtziger-Vibes in eurer Playlist sucht, dann solltet ihr auch diese Acts auschecken:

Sendung: PULS am 07.10.2019 - ab 19.00 Uhr