Regierungskritik an BTS und Co. Warum Südkorea K-Pop kein Diversitätsproblem attestieren sollte

Die südkoreanische Regierung wollte mit neuen Kulturrichtlinien für mehr Diversität im K-Pop sorgen. Als Grund wurden problematische Schönheitsideale genannt. Das ist genau genommen aber ziemlich scheinheilig.

Author: Ferdinand Meyen

Published at: 22-2-2019 | Archiv

BTS | Bild: prweb.com

K-Pop, das südkoreanische Exportprodukt Nummer eins, steht ausgerechnet in seiner Heimat in der Kritik. Skurril, wenn man bedenkt, dass die südkoreanische Musikindustrie Milliarden mit K-Pop-Bands wie BTS verdient. Trotzdem gibt es Gegenwind - und zwar von der koreanischen Regierung. Nicht genug Diversität hätten die Bands, meint das südkoreanische Ministerium für Gendergerechtigkeit. Ja, das gibt es tatsächlich. Damit formuliert die Regierung in Teilen berechtigte Kritik an der Szene. Mit zu wenig Diversität hat die aber nichts zu tun.

Südkoreas Regierung erntet Shitstorm

Wie kam es zu dem Beef? Das Ministerium für Gendergerechtigkeit hat Richtlinien für mehr Vielfalt in der Kulturindustrie vorgestellt – und dafür einen Shitstorm geerntet. In den Forderungen des Ministeriums hieß es, dass die K-Pop-Stars, die in den Musikvideos zu sehen sind, zu gleich seien. Dünn, blass, stark geschminkt, mit großen Manga-Augen. Außerdem sei K-Pop im südkoreanischen Fernsehen überrepräsentiert. So viel Einheitsbrei vermittle nicht den Eindruck, den ein diverses Südkorea vermitteln sollte, findet die Regierung. Ein Beispiel aus den Richtlinien: Das südkoreanische Fernsehen sollte die Anzahl der eingeladenen K-Pop-Bands reduzieren und in TV-Sendungen niemals mehr als eine Gruppe zeigen. Das fanden die Fans gar nicht lustig - und warfen der Regierung diktatorische Methoden à la Nordkorea vor. Schlussendlich war der Aufschrei so groß, dass die Regierung die Richtlinien zurücknehmen musste und sich mittlerweile auch dafür entschuldigt hat.

K-Pop und die Schönheitschirurgie

Eine Regierung habe den Künstlerinnen und Künstlern nie vorzuschreiben, wie sie aussehen sollen, beklagen die Fans zurecht. Aber was hat die Regierung eigentlich geritten, solche Richtlinien überhaupt in Erwägung zu ziehen? Das Stichwort lautet: plastische Chirurgie. K-Pop-Bands propagieren solche Eingriffe oft - im Song "Getting Pretty Before" der Girl-Band Sixbomb wird zum Beispiel gezeigt, wie sich das Leben der Bandmitglieder durch plastische OP verbessert. Durch Schönheitschirurgie werden sie von einfachen Schulmädchen zu richtigen K-Pop-Sternchen.

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SixBomb - Getting Pretty Before [Official MV] | Bild: SixbombVEVO (via YouTube)

SixBomb - Getting Pretty Before [Official MV]

Die Zustimmung für plastische Chirurgie in Südkorea ist groß. Pro Jahr lassen sich um die zehntausend Menschen operieren - auch, weil sie so aussehen wollen, wie BTS oder die anderen K-Pop-Stars, die sie im Fernsehen oder auf Youtube sehen. Gegen diese problematischen Schönheitsideale habe die Regierung etwas unternehmen wollen.

K-Pop und seine Schattenseiten?

Die Schönheitsideale, die die Regierung kritisiert, kommen übrigens nicht von ungefähr. In vielen Fällen sind sie Marktkalkül und werden von den Labels vertraglich vorgeschrieben. Die südkoreanische Autorin Lee Jong-im hat ein Buch über die Höhen und Tiefen des K-Pop beschrieben. Darin finden sich auch Passagen über die vertraglichen Situationen vieler K-Pop-Bands. So müssen viele Girlbands sich zum Beispiel an strenge Diäten halten, um so rank und unnatürlich schlank zu bleiben wie am ersten Bühnen-Tag. Manche Informanten hätten berichtet, dass einige Agenturen K-Pop-Girls dazu zwingen, ein Maximal-Gewicht von 50 Kilo zu halten, sagte Lee Jong dem Deutschlandfunk. Auch Beziehungen seien oft tabu. Singles verkaufen sich eben besser.

Was ist mit Queerness und LGBTQ?

All das lässt vermuten, dass diverser K-Pop so viele Erfolgschancen hat wie romantischer Grindcore oder sozialkritische Volksmusik. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn ja: Die Kritik der koreanischen Regierung ist berechtigt. Aber mit fehlender Diversität hat sie nichts zu tun. Viele K-Pop-Bands mögen optisch eindimensional sein, im Kern geht es bei K-Pop aber um mehr als um problematische Schönheitsideale. Viele Fans preisen den offenen Umgang mit Sexualität und Queerness sowie die Nähe zur LGBTQ-Szene. K-Pop-Artist Holland singt zum Beispiel über seine Homosexualität und thematisiert sie auch in seinen Videos. Mut, der in vielen anderen Genres so nicht zu finden ist.

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SixBomb - Getting Pretty Before [Official MV] | Bild: SixbombVEVO (via YouTube)

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Männer, die sich in Musikvideos berühren und küssen? Mehr Diversität geht doch eigentlich gar nicht. Zumal in Südkorea, das eher für seinen verkrampften Umgang mit Sexualität bekannt ist. Abtreibung ist hier nach wie vor illegal und Homosexualität im Militär kann mit Haftstrafen belegt werden. Angesichts solcher Rückschrittlichkeit wirken Richtlinien für Diversität und Vielfalt noch lächerlicher als die Schönheitsideale so mancher K-Pop-Girlband.

Sendung: Filter vom 21.02.2019 - ab 15 Uhr