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Nachruf auf Blumentopf Der Topf ist tot, lang lebe der Topf!

Niemals wird es wieder so werden wie es war. Blumentopf geben ihr Abschiedskonzert. Und wir fangen gerade erst an zu begreifen, was wir verloren haben. Ein Nachruf auf die stabilste Crew Deutschlands.

Von: Malte Borgmann

Stand: 20.10.2016 | Archiv

Blumentopf Auflösung | Bild: BR

23 Jahre, sieben Studioalben, weit über 500 Liveshows. Und jetzt soll Schluss sein? Blumentopf waren eigentlich auf dem Weg, die AC/DC des deutschen Raps zu werden - irgendwie immer da, altvertraut und gefühlt unkaputtbar. Und doch: Nach über zwei Jahrzehnten als Crew hatten sich Roger, Schu, Hollunder, Cajus und Sepalot letztes Jahr entschieden, von nun an getrennte Wege zu gehen. Wir stehen noch immer betroffen vor dem Scherbenhaufen und wissen nicht wirklich, wie wir damit umgehen sollen. Führen wir uns noch einmal vor Augen, was wir verloren haben. Aus dem 6 Meter 90 hohen Fenster können wir dann ja immer noch springen.

Die Livemaschine

Gibt es in diesem Land einen Menschen, der noch nicht auf einer Blumentopf-Show war? Gibt es eine Festival- oder Clubbühne in der Bundesrepublik, von der noch nicht lautstark zur Partysafari aufgerufen wurde? Schwer vorstellbar. Blumentopf waren einer der unermüdlichsten Liveacts des Landes - und auch einer der besten. Und das ohne jeden Firlefanz oder unnötige Gimmicks. Vier enthusiastische, freestyle-versierte MCs, einer der fähigsten DJs des Landes - und nicht zuletzt eine treue, begeisterte Crowd. Mehr hat es nicht gebraucht, um Abend für Abend jeden einzelnen Zuschauer mit einem Grinsen im Gesicht nach Hause zu schicken.

Die Storyteller

Battlerap - gut, das konnten andere deutlich besser. Wussten Blumentopf auch und haben sich deshalb immer auf ihre Paradedisziplin konzentriert: das Geschichtenerzählen. Ob todtraurige Acht-Minuten-Tragödien wie Manfred Mustermann, Party- und Absturzstories wie Von Disco zu Disco, Heimat- und Kindheitserinnerungen wie Fenster zum Berg oder fantasievolle Spinnereien wie Fuck The System - die Lust am Fabulieren ist Blumentopf über sieben Alben lang nicht ausgegangen. So viele liebevoll erzählte Geschichten hat uns sonst kein anderer deutscher Rap-Act geschenkt. In den Kanon haben es Blumentopf freilich schon gleich am Anfang ihrer Karriere geschafft. Oder gibt es irgendjemanden, der die ersten Zeilen von 6 Meter 90 hört und nicht sofort wieder mittendrin ist in der Geschichte?

Das ewige Feindbild

Wenige Crews wurden wohl öfter gedisst als der Topf - ein eindeutiges Zeichen für deren Relevanz. Hier ein kurzer Querschnitt durch die letzten 15 Jahre:

"Ihr seid so wack, ich komm echt nicht mehr klar / Zu viel Massive Blumentöpfe und Beginner"- Die Sekte auf Chartbreaker (2000)

"Sieh, wie ich auf deine Crew scheiß / Du frontest M.O.R. während du Blumentopf dann gutheißt" - King Kool Savas' Blumentopf Diss auf Löwenzahn Beat (2000)

"Was kann ich dafür? Scheiß drauf, was du Nutte machst / Blumentopf, ich hab gehört, dass ihr die selbe Mutter habt." Bushido auf Boomerang (2008)

"Darum hau'n wir auf dich Hurenbock mit Fäusten ein / Dein Blut, es tropft noch heut auf deine Tapesammlung von Blumentopf und Freundeskreis." - Kollegah und Farid Bang auf 4 Elemente (2013)

"Schieb dir Bars in deinen Arsch, schieß dir Rhymes in deinen schwulen Kopf / Nigga, mach doch mit bei dieser Crew namens Blumentopf." - Money Boy auf Du bist ein Schluck Wasser (2013)

"Blumentopf" - das war ab Ende der Neunziger für viele gleichbedeutend mit Mittelstand, Bausparvertrag und Studentenrap. Sprich: der Feind. Blumentopf haben all die Angriffe bewundernswert entspannt und gleichmütig ausgehalten. Als hätten sie gewusst, dass solche Reibereien so etwas wie die Wachstumsschmerzen einer lebendigen Subkultur sind.

Die Inspiration, selbst für Hater

Und als hätten sie gewusst, dass sie so zu einem Fixpunkt der Szene werden, anhand dessen sich andere positionieren können - Fans wie Hater gleichermaßen. Sidos Mein Block zum Beispiel hätte es ohne Blumentopf wohl nie gegeben. Dieser Deutschrap-Klassiker ist ursprünglich als Reaktion auf einen gleichnamigen Track der Münchner Mittelschichtsrapper entstanden. Danke also auch dafür!

Und noch etwas fällt dann auf, mit etwas Abstand: Fast alle Hater - und auch die Wegbegleiter von früher - sie haben sich in den letzten Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Es gibt eigentlich kaum einen aus der alten Riege, der nicht irgendwann mit ganz fürchterlichen Kreativideen oder seelenlosem Ausverkauf von sich Reden gemacht hätte. Sido bei Popstars zum Beispiel. Oder Savas im Verbund mit Xavier Naidoo. Und Samy Deluxe als Herr Sorge: Fragwürdige Karriereentscheidungen, gefloppte Neuerfindungen, peinliche Comebacks. Bei Blumentopf hat es all das nie gegeben. Ob man ihn geliebt oder belächelt hat: Der Topf war immer der Topf und hat konsequent seinen eigenen Stiefel durchgezogen. Unaufgeregt, ehrlich, bescheiden - die eine große Konstante im Deutschrap und damit dann letztlich wohl doch die realste und stabilste Rapcrew der Republik. Danke dafür! Und wir freuen uns auf ein letztes Mal Ladida-Shit - beim Abschieskonzert im Münchner Zenith.


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