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on3-Festival 2011 Rückblick

Das schöne Reh und der böse Wolf, Norweger mit neoindianischem Federschmuck - nicht nur Pop-Tierchen und coole Beats gab es beim on3-Festival 2011, sondern auch Politik: Zwei ägyptische Acts kamen direkt vom Tahrir-Platz.

Von: Karoline Schaum und Marcus Grassl

Stand: 27.11.2011 | Archiv

Moop Mama live auf dem on3-Festival 2011. | Bild: BR/Matthias Kestel

Es war eine lange Nacht am 26. November im Münchner Funkhaus. Wir haben viele Bands gesehen, wir haben uns die Hälse heiser geschrien und sind erst in den frühen Morgenstunden selig in unsere Betten getaumelt. Und wir haben ein bisschen Buch geführt beim on3-Festival 2011.

20.15 Uhr, Studio 2

Die in Ägypten extrem populäre World-Music- und Folk-Band Wust El-Balad aus Kairo, die während der Revolution im Frühling fast jeden Tag am Tahrir-Platz für die Demonstranten gespielt hat, eröffnet im Studio 2 das diesjährige on3-Festival mit ungewohnten Klängen. Gleich mit dem ersten Song bringen sie uns den für sie typischen Sound: arabische Folklore gemischt mit westlichem Pop. Die ägyptischen Fans in den ersten Reihen singen lauthals mit und stimmen uns schon perfekt auf das Festival ein.

20.40 Uhr, Studio 1

Team Me, die Neoindianer aus Norwegen, bringen schon mit den ersten Takten eine Euphorie ins Studio 1, die dem noch frischen Publikum mit enormer Wucht entgegen brettert. Luftsprünge! Geschriene Chorgesänge! Wilde Tanzerei! Ein atemloses Erlebnis, für uns und die Band selbst. Von der charmanten Sippe wird man nächstes Jahr noch viel hören - das ist ganz großer Pop!

20.50 Uhr, Studio 3

Im Studio 3 betritt als erste Band des Abends soft.nerd die Bühne. Die drei Jungs aus München beweisen, warum sie inzwischen als Vorgruppe für Acts wie Tricky und Jamie T gebucht werden: Ihr verspielter Elektropop ist nie kalt, weil er nie perfekt ist, und die Melodien sind größer als der Kamerakran, der über die Köpfe der Zuschauer schwebt.

21.15 Uhr, Studio 2

Deeb im Studio 2: Der Saal ist voll und in der ersten Reihe stehen stolze junge Leute aus Ägypten mit Landesflagge. Der Mann aus Kairo ist, was die Beats und seinen Sprachfluss angeht, nicht nur einer der besten Rapper des arabischen Raums, er ist auch ein politischer Kopf. "Einige dieser Texte hab ich schon vor der Revolution geschrieben, aber sie sind immer noch gültig – Korruption ist noch allgegenwärtig. Die Revolution ist noch nicht vorbei", verkündet er und beweist mit seinen fesselnden Tracks, dass die Botschaft der Revolution universell sein kann – auch jenseits aller Sprachbarrieren. Da sein Bruder und DJ nicht ausreisen durfte, unterstützt ihn DJ-Legende Explizit aus München (Main Concept) mit brillantem Einfühlungsvermögen und exzellenten Skills an den Plattentellern.

Was Mohammed el Deeb uns sagen will, ahnen wir durch seine Körpersprache. Überraschend kommt dann auch ein englischer Freestyle mitten im Set, damit wir mehr als nur seine Energie verstehen. Spätestens jetzt wissen wir, wie Deeb tickt, und sind selbst ein bisschen Teil der Revolution.

21.40 Uhr, Studio 1

Die Herzen im rappelvollen Studio 1 schlagen schneller. Moop Mama, die Könige der Stadtmitte, bringen mit ihren fetten Brass-Sounds die holzvertäfelten Wände im Funkhaus zum Beben. Und unser Monaco Fränzn (alias Der Grantler, alias Bühnenmoderator in Studio 1) supported die Band schon beim zweiten Song mit seinen bairischen Reimen. Swag, oida!

21.45 Uhr, Studio 3

Nach soft.nerd betritt Ebow die Bühne im Studio 3. Man erkennt sie in ihrem Burkakostüm erst mal gar nicht. Drunter versteckt hat sie ein Kostüm, das auch einer M.I.A. würdig wäre. Aber nicht nur die Klamotten sind ein Highlight.

Ebow und ihre Backgroundtänzerinnen liefern im berstend vollen Orchesterstudio eine bombastische Show ab. Vor allem beim Song "Candle Light Döner": Da ist eine unglaubliche Energie und Soul auf der Bühne. Und am Ende der Show fliegen dann Ebows selbstgedruckte "Oriental Dollars" ins Publikum.

22.05 Uhr, Studio 2

Nürnberg hat einen neuen Hype - und das völlig zu Recht: Reflekta Reflekta machen verspulte Glitterhypnose für die Ohren. Neben Panda People ist das Projekt der relevanteste Neuzugang der bayerischen Elektropopszene. Und obwohl die vier jungen Männer noch kaum ein Jahr lang zusammenspielen, hat ihre Bühnenpräsenz bereits enorme Autorität. Ihren Song "Leaves" kosten sie bis zum letzten Klang aus mit Melodica, Livesamples und Gitarre - und wenn sie singen "Why are we going way too fast?", dann fragen wir uns das nach 40 viel zu schnell vergangenen Minuten auch.

22.35 Uhr, Studio 3

List halten als dritte Band der on3-startrampe das Energielevel im Studio 3 weiter hoch. Ihr ausgefeilter Gitarren- und Elektropopsound, der mal an Muse, mal auch an Radiohead erinnert, kommt gut an - besonders beim extra aus Eichstätt angereisten Fanclub, der sich in die erste Reihe durchgekämpft hat.

22.40 Uhr, Studio 1

Es hat sich was getan im HipHop: Wie Bühnenmoderator Franz Liebl aus eigener Erfahrung berichtet, gibt es in HipHop-Shops seit Neuestem keine weiten Hosen mehr. Die Attitüde, der Look und nicht zuletzt der Sound hat sich geändert - und Casper steht wie kein anderer für das neue Zeitalter. Und dann geht das Licht aus und er steht plötzlich da. Mit einer Wolfsmaske, deren Augen stechende weiße Lichtbahnen durch den Saal werfen. Die Fans gehen steil und auch die, die nur aus Neugierde gekommen sind, verfolgen den Auftritt gebannt. Der Druck steigt! Das ist Punk, das ist Hardcore, das ist HipHop, das ist freakin' Casper. Was für eine Show.

23.05 Uhr, Studio 2

Anderer Ansatz - nicht minder spannend: Beim Auftritt von Ghostpoet ist der Saal 2 ebenso prall gefüllt wie Saal 1 nebenan bei Superstar Casper. Kein Wunder: Der Londoner Spoken-Word-Artist präsentiert seine komplexe Vision von HipHop und Dubstep mit einer intensiven Performance. Man wird dunkel umfasst, irgendwie, ohne dass sich das kalt anfühlt. Schwer beeindruckend.

23.15 Uhr, Studio 3

Jetzt ist es amtlich: soft.nerd haben den on3-startrampe Publikumspreis gewonnen! Er wird ihnen von Moderatorin Christina Wolf überreicht, die ihnen auch gleich unermesslichen Reichtum und eine Yacht verspricht. Die sympathischen Münchner entscheiden sich dann aber für Tourkoffer für ihre Instrumente - die ihnen on3 gerne als Zeichen der Anerkennung spendiert. Vollblutmusiker eben!

23.30 Uhr, Studio 3

Der junge Rapper Muso gehört zu den großen Entdeckungen des Abends! Das hat auch der Kritikerliebling Ghostpoet bemerkt: Der plant für die nähere Zukunft eine Kollaboration mit dem Heidelberger. Schon beim Soundcheck am Nachmittag hatte Muso mit seiner innovativen Kombination aus anspruchsvollem Indie, verspielter Elektronik und geistreichem Sprechgesang Casper ins Studio 3 gelockt, der den Testlauf des Newcomers in voller Länge mit anerkennendem Kopfnicken verfolgte. Großartige Bühnenpräsenz, kluge Texte und ein detailreicher und wahrlich HipHop-klischeefreier Musikteppich, zu dem Konstantin Gropper (alias Get Well Soon) gefühlvolle Sounds beisteuert.

23.50 Uhr, Studio 1

Die Serenades aus Schweden nutzen die Größe des Studio 1 mit ihrem orchestralen Sound in vollen Zügen aus. Mit den XL-Melodien und den wunderschönen mehrstimmigen Gesängen fühlt man sich schnell (und im besten Sinne) an die 80er erinnert. Ein paar selige Momente - und hier und da liegen sich die Zuschauer tatsächlich in den Armen.

00.10 Uhr, Studio 2

Im Jahr 2005 standen die vier Mädels von Candelilla schon mal auf der Studio-Bühne des on3-Festivals. Sechs Jahre später ist ihr Ansatz - Punk als Moderne Kunst - noch derselbe, und trotzdem hat sich viel getan. Sie wirken selbstbewusster denn je, ihr Zusammenspiel ist präziser denn je und ihre Schreie treffen zielsicherer denn je unser Mark und Bein. Wir sind gespannt auf das Album, das sie im Sommer mit Steve Albini in Chicago aufgenommen haben.

Einer der intensivsten Auftritte des Abends! Die Münchner Band hat eine beeindruckende Entwicklung hinter sich - ihre höfliche "LMAA"-Attitüde aber haben sie zum Glück behalten. Fühlt sich noch jemand an die Pixies erinnert? Wir verneigen uns jedenfalls vor dieser Band. Right on, rrrriot!!!!

00.25 Uhr, Studio 3

Der ägyptische Elektronica-Künstler Neobyrd hat trotz intensiver Bemühungen keine Ausreisegenehmigung erhalten und entschuldigt sich per Videobotschaft beim Festival-Publikum. Sein 25-minütiges Set fürs on3-Festival hat er am Vormittag zu Hause aufgenommen und gleich mitgeschickt. Deshalb gibt es das Konzert in Studio 3 jetzt einfach in Abwesenheit des Künstlers.

00.50 Uhr, Studio 1

Viel Diskussion um das hautfarbene Feder-Body-Kostüm, in dem Nanna Øland Fabricius von Oh Land die Bühne betritt. Hase? Schwan? Oder doch Reh? Vermutlich letzteres, auch wenn die Show der Dänin alles andere als "scheu" und "zart" ist. Von Anfang an werden die Hits rausgeballert, erst "Perfection" dann "Sun Of A Gun" und "Voodoo". Und spätestens als sie beim Dubstep-beeinflussten "Wolf & I" gemeinsam mit ihrem Schlagzeuger euphorisch auf die Becken drischt, hat sie das volle Studio 1 in der Tasche. Jeder Ton sitzt, jeder Song reißt mit, und am Ende erreicht die Party ihren Höhepunkt mit "White Nights" und "We Turn It Up".

01.10 Uhr, Studio 2

Neon Indian schließlich kann man auf zweierlei Art genießen: Entweder lässt man sich einlullen (und nach all der Aufregung runterbringen) von den hypnotischen Elektroschleiern, die Alan Palomo und seine Band all ihren Songs überwerfen. Oder aber man blickt hinter den seidigen Chillwave-Vorhang, um dort hochmelodiösen Pop zu entdecken, der durchaus tanzbar ist. Sänger Alan Palomo geht vollkommen in seiner Musik auf und bewegt sich wie hypnotisiert vom eigenen Sound zu den Beats. Ist das eine Art Prince fürs 21. Jahrhundert, der uns in Alices Wunderland entführt? Wir verneigen uns und ziehen glücklich von dannen - mit einem Fingerschnippen aus dem Funkhaus in die Nacht.


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