Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Bayern genießen Grenzen - Bayern genießen im Juli

Wenn die Welturlaubergemeinde sich auf Reisen über so ziemlich alle Grenzen der Welt begibt, fragen wir, ob uns der Wegfall vieler Grenzen im konkreten wie im übertragenen Sinn nicht manchmal ein kleines bisserl ärmer gemacht hat.

Von: Gerald Huber

Stand: 07.07.2013 | Archiv

Ein Polizist geht am 22.02.2007 am Grenzübergang Waidhaus (Oberpfalz) vor Schildern der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaates Bayern an der Grenze zu Tschechien vorbei. | Bild: picture-alliance/dpa

Die Themen von Bayern genießen im Juli

  • Mainfranken: Genussgrenze – Der grenzüberschreitende Gasthof Holdermühle (Jochen Wobser)
  • Niederbayern/Oberpfalz: Gipfelgrenze – Das Dreiländereck auf dem Dreisessel (Renate Roßberger)
  • München: Kältegrenze – Kam das Speiseeis wirklich aus Italien? (Hannelore Fisgus)
  • Oberbayern: Grundstücksgrenze – Unterwegs mit Feldgeschworenen (Simon Emmerlich)
  • Schwaben: Landesgrenze – Der südlichste Punkt Bayerns und Deutschlands (Viktoria Wagensommer)
  • Mittel-/Oberfranken: Ohne Grenze – Der fränkische Kloß (Andreas Höfig)

Redaktion und Regie: Gerald Huber

Mainfranken

Genussgrenze – Der grenzüberschreitende Gasthof Holdermühle

Was wären wir ohne Grenzen? Ich wage zu behaupten: Wir wären ärmer. Wer keine Grenzen überwinden muss, der braucht weder Mut, noch Geschick, weder Kraft noch Ausdauer, weder Intelligenz noch Begabung. Höher, schneller, weiter – das berühmte olympische Motto versteht sich nur so, dass man alte Bestmarken, also Grenzen überwindet. Wer so eine Grenzüberschreitung schafft, der kann daraus beträchtlichen Genuss ziehen. Vielleicht liegt es am Wegfall realer Grenzen im vereinigten Europa, dass viele heute den Kick in Grenzerfahrungen ganz anderer Art sucht. Früher einmal, da sorgten schon ganz simple Landesgrenzen – etwa die ins befreundete und benachbarte Österreich für eine gehörige Portion Schweiß – wenn man den Personalausweis vergessen hatte, beispielsweise. Grenzgänge sind eben etwas Besonderes – und bleiben es auch.

Zum Beispiel im Gasthaus Holdermühle, zehn Kilometer flussabwärts von Rothenburg. Das Gasthaus ist ein historisch bedingter Grenzfall: Es liegt malerisch im Taubertal, wo sich Mittel- und Unterfranken zu Tauberfranken vereinigen – und die Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg verläuft mitten durch die Schankstube …

Eine der ältesten heute noch bekannten Grenzen ist übrigens der römische Limes, die Grenze des römischen Reichs, die auch mitten durch Bayern läuft.

Der Limes als wirtschaftliche Demarkationslinie zwischen dem Gültigkeitsbereich des römischen Rechts und dem barbarischen Germanien ist heute ein touristisches Reiseziel erster Güte.

Niederbayern/Oberpfalz

Gipfelgrenze – Das Dreiländereck auf dem Dreisessel

Ganz ähnlich wie in der römischen Antike hat man Grenzen auch noch im ganzen Mittelalter und in der frühen Neuzeit verstanden:

Der Dreisesselberg setzt den östlichen Schlusspunkt der Bayerwald-Kette.

Grenzen waren vor allem Abgrenzungslinien von Rechts- und Zollgebieten, in denen jeweils ein Herrscher die Einhaltung von Gesetzen und Bestimmungen zu garantieren hatte.

Das machten manche Herrscher besser, manche schlechter. Das Wittelsbachische Herzogtum Bayern-Landshut zum Beispiel galt im ausgehenden 15. Jahrhundert als "des Heiligen Römischen Reiches Rosengärtlein", weil dort der Herzog kurzen Prozess mit dem Raubrittertum machte. So waren reisende Kaufleute nicht selten froh, wenn sie die Grenze von Österreich nach Bayern überquert hatten.

Die Habsburger in Österreich kümmerte sich in manchen Zeiten nämlich vergleichsweise schlecht um ihr Land. Trotzdem gelang es ihnen, ihre Grenze immer weiter auf ehemals Wittelsbacher gebiet vorwärts zu verlegen. Noch im Jahr 1779 beispielsweise kam das bayerische Innviertel an Österreich. Nur am Dreisessel, dem berühmten 1333 Meter hohen Grenzberg im Bayerischen Wald, da hat sich die Grenzziehung seit unvordenklichen Zeiten nicht geändert.

München

Kältegrenze – Kam das Speiseeis wirklich aus Italien?

Selbstverständlich gibt es noch ganz andere Grenzen als geographische. Zum Beispiel solche der Temperatur. Jeder weiß, dass Wasser zu kochen anfängt, wenn es die Temperaturgrenze von 100 Grad Celsius übersteigt. Andererseits gefriert Wasser bei null Grad und darunter.

Die Menschheit hat sich diese Eigenschaften schon immer zunutze gemacht – was wären wir auch für Genießer, wenn wir nicht kochen könnten. Das Feuer steht am Anfang aller Kultur. Das Gegenteil vom Kochen durch Erhitzen, das Kühlen und Gefrieren hingegen, war vor der Erfindung der Kältemaschine durch den Bayern Carl von Linde nicht so leicht zu bewerkstelligen.

Freilich haben die Menschen grad bei uns im Alpenraum schon vor Jahrtausenden Eis gesammelt und in Höhlen gestapelt, um es länger aufzubewahren. Man weiß, dass schon unsere keltischen Vorfahren in den Alpen oder den Pyrenäen Eis und Schnee gesucht haben, um es in den heißen Küstenregionen zu verkaufen. Griechen, Römer – alle Mittelmeeranrainer waren im Sommer verrückt nach dem kalten Genuss. Im kühleren Bayern hats dagegen ein bisserl länger gedauert bis man speziell auf den Speiseeis-Geschmack gekommen ist. Als es dann doch passierte waren daran die nahen Grenzen zu Italien nicht ganz unschuldig.

Oberbayern

Grundstücksgrenze – Unterwegs mit Feldgeschworenen

Das Wort "Grenze" hängt zusammen mit "Kranz", mit "Kringel" und dem "Ring" – eine Grenze umkränzt, umringt ja ein bestimmtes Gebiet. In Baiern und den anderen süddeutschen Ländern hat es dafür früher auch ein anderes Wort gegeben: "Mark". Das kommt aus dem lateinischen Wort für "Rand" – "margo". Wir kennen beispielsweise das lateinische Fremdwort "Marginalie", was soviel bedeutet wie "Randbemerkung". Mark lebt auch weiter in der "Markierung". Die Deutsche Mark war früher einmal kein Geld, sondern eine Gewichtsbezeichnung. Da wurde ein halbes Pfund Silber mit einer Marke markiert. Nicht zuletzt kennen wir auch den Markstein, der heute leider auch von bayerischen Feldgeschworenen dauernd "Grenzstein" geheißen wird.

Sichere Grenzen sind eben Voraussetzung dafür, dass wir alle nicht nur Bayern, sondern unser ganzes Leben in Frieden genießen können. Nicht von ungefähr hat das Wort Frieden ebenfalls einmal „Grenze“ geheißen. In dieser alten Bedeutung steckt es noch drin im "Friedhof". Der heißt ja nicht so, weil dort die Toten ihre Ruhe haben, sondern weil er durch eine Mauer "eingefriedet" ist – und erst durch das Einfrieden hat man seinen Frieden.

Wer dagegen keine Grenzen kennt, kennt auch keinen Frieden – und ist, nebenbei gesagt, ein ziemlich armes Würsterl.

Schwaben

Landesgrenze – Der südlichste Punkt Bayerns und Deutschlands

Früher hat es keine exakten Grenzen gegeben, sondern allenfalls Grenzgebiete, also Übergangsgebiete zwischen zwei Herrschaftsbereichen. Hier sind wir wieder bei der Mark – zum Beispiel der steirischen Mark, der Steiermark. Die Markgrafen des Mittelalters waren herzogliche Beamte, die solche Grenzgebiete wie eben das hinter der heute österreichischen Stadt Steyr vor feindlichen Überfällen zu schützen hatten. Dafür haben sie oft weitreichende Befugnisse erhalten. Die Markgrafen von Österreich waren im Ausbau ihrer Marken so erfolgreich, dass sie daraus sogar ein eigenes Herzogtum machen konnten, das im Jahr 1156 offiziell von Bayern abgespalten wurde.

Seitdem gibt es auf ehemals bayerischem Gebiet zwei Länder – Österreich und Bayern. Bis heute aber ist die Grenzziehung zwischen beiden Ländern nicht immer exakt festgelegt. Der bayerische Staat beispielsweise hat Wälder, die sogenannten Saalforsten auf österreichischem Gebiet.

Spezialität beim Gasthof Einödsbach: Forelle blaugemacht | Bild: Viktoria Wagensommer zum Artikel Rezept Forelle "blau"

Viktoria Wagensommer brachte von Bayerns südlichstem Punkt das Rezept für Forelle blau vom Gasthof Einödsbach mit. [mehr]

Und was ganz Besonderes ist das Kleinwalsertal. Es gehört politisch zu Österreich aber wirtschaftlich zu Bayern, respektive Deutschland. Das erleichterte den Warenaustausch mit der Walser Bevölkerung – für zollfreien Handel musste die so nicht mehr zu Fuß über die Berge und Pässe. Dort kann man im wörtliche Sinn bis an die Grenze gehen – zum südlichsten Punkt Bayerns und Deutschlands.

Mittel-/Oberfranken

Ohne Grenze – Der fränkische Kloß

Das Schlaraffenland vereint nicht nur alle Genüsse und stellt sie allen Bewohnern ohne Ausnahme zur Verfügung; nein, alles an Köstlichkeiten gibt es auch jederzeit und unbegrenzt!

Coburger Klöße | Bild: BR/A. Höfig zum Artikel Rezept Rezept für Coburger Klöße Classic

Coburger Klöße sind ein grenzenloser Genuss, findet Zeit für Bayern-Autor Andreas Höfig. Hier ein Rezept für die berühmte Regionalspezialität. [mehr]

Hienieden allerdings ist alles was genussvoll ist und Spaß macht begrenzt. Alles hat ein Ende - nur die Wurst hat zwei - außer in Oberfranken. Und das ist ein Paradox: Jeder weiß, dass die Kreiszahl p unendlich viele Stellen hinter dem Komma aufweist – also praktisch grenzenlos ist. Womit nicht zuletzt der kugelige oberfränkische Kloß zum Leidwesen der Genießer in der Praxis häufig zu klein, theoretisch aber unbegrenzt groß ist.

Mehr Bayern genießen im Fernsehen

"Zwischen Spessart und Karwendel", sonntags, um 15 Uhr, auf BR-alpha.


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