Bayern 1 - Experten-Tipps


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Stimmungsvolles Licht Gibt's ökologisch einwandfreie Kerzen?

Kerzen verleihen in der dunklen Jahreszeit Räumen eine angenehme Stimmung. Sie werden aus Palmöl, Paraffin und Bienenwachs hergestellt. Der Bayern 1-Umweltkommissar will wissen, wie die Ökobilanz aussieht.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 06.12.2016

Illustration: Der Biene tropft das Wachs einer brennenden Kerze auf den Kopf, im Hintergrund sitzt der Umweltkommissar an eine Kerze gelehnt | Bild: BR/Susanne Baur

Die Deutschen haben nicht nur in der Adventszeit den höchsten Kerzenverbrauch in der gesamten Europäischen Union. Zwar nicht pro Kopf (da liegen die Dänen deutlich vorn), aber insgesamt werden hierzulande pro Jahr über 200.000 Tonnen Kerzen verkauft. Die Hälfte davon wird in Deutschland selbst hergestellt, der Rest wird importiert; meist aus Polen.

Paraffin zur Herstellung von Kerzen

Wichtigster Kerzenrohstoff ist dabei Paraffin, das aus Mineralöl gewonnen wird. Etwa drei Viertel in Deutschland sind Paraffin-Kerzen. Ein Milliardengeschäft, das natürlich auch an den Ölpreis gekoppelt ist. In den vergangenen Jahren hat sich der Preis beinahe verdreifacht. 2008 hat die Europäische Kommission gegen mehrere Unternehmen wegen der Beteiligung an einem Wachskartell eine Geldbuße von 676 Millionen Euro verhängt. 13 Jahre lang ist hier der Preis für Paraffin-Wachs abgesprochen worden.

Zweitwichtigster Rohstoff für Kerzen ist Stearin, hergestellt aus pflanzlichen oder tierischen Fetten. Diese Kerzen werden meist aus Palmöl oder Kokosfett hergestellt.

Und schließlich ist das Bienenwachs der natürlichste und auch teuerste Rohstoff bei der Herstellung von Kerzen.

Kerzenproduktion am Fließband

Kerzen sind heutzutage Luxusartikel und daher ist die Frage nach der Nachhaltigkeit auch etwas anders zu beantworten als bei anderen Produkten. Schließlich bilden sich - streng genommen - schon beim Abbrennen Rußpartikel, die nicht unbedingt notwendig sind. Aber Kerzen schaffen eine behagliche Atmosphäre und damit diese Behaglichkeit nicht getrübt wird, schauen wir mal genauer hin.

Das Verfahren ist für die Qualität entscheidend

Vor allem die Art der Herstellung spielt eine entscheidende Rolle. Mehr noch als die Art des Wachses entscheidet das Verfahren darüber, wie lange und auch wie gleichmäßig eine Kerze abbrennt.

  • Billigkerzen werden meist im sogenannten Pulverpressverfahren industriell hergestellt, sie sind also gepresstes Paraffin-Granulat mit Docht.
  • Beim sogenannten Gießverfahren wird das Wachs erst erwärmt und schließlich zusammen mit dem Docht in die jeweilige Form gegossen. Kerzen aus dem Gießverfahren sind in der Regel schwerer und brennen auch entsprechend länger. Hierzu wird meistens Bienenwachs oder Stearin verwendet.
  • Das handwerklich älteste Verfahren bei der Kerzenherstellung ist das Kerzenziehen. Die Dochte werden dabei bis zur gewünschten Stärke durch ein flüssiges Wachsbad gezogen. Entsprechend teuer sind diese Kerzen im Vergleich zu den anderen Verfahren. Andererseits brennen sie auch besonders lange und gleichmäßig.

Meist aus Paraffin

Noch ist Paraffin der Hauptbestandteil der Kerzen, doch der Rohstoff wird knapp und teuer. Paraffin ist nämlich ein Abfallprodukt bei der Schmierölproduktion. Allerdings sind die Herstellungsverfahren in den vergangenen Jahren derart verfeinert worden, dass kaum noch Paraffin anfällt. Entsprechend experimentieren die Hersteller bereits mit alternativen chemischen Substanzen.

Paraffin ist auch deshalb so beliebt, weil es entsprechend den Kriterien der EU-Richtlinien als ungefährlich für Mensch und Umwelt eingestuft wird. Essen sollte man Paraffin natürlich nicht. Die  Einsatzmöglichkeiten als Brennstoff für Kerzen, als Bestandteil von Arzneimitteln oder in der Kosmetikindustrie sind daher vielfältig.

Vor der Ostsee-Insel Rügen mussten sechs Tonnen Paraffin-Sand-Gemisch entsorgt werden.

Zuletzt tauchte Paraffin auch an der Küste vor Rügen auf, und etwa sechs Tonnen Paraffin-Sandgemisch mussten dort an den Stränden entfernt werden. Bis heute ist die Herkunft nicht ganz geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass auf hoher See Tanks illegal gereinigt worden sind.

Unterm Strich ist die Klimabilanz von Erdölprodukten immer negativ, das gilt auch für Kerzen aus Paraffin. Das Abbrennen von 150.000 Tonnen Paraffinkerzen alleine in Deutschland setzt - rein rechnerisch - jährlich rund 525.000 Tonnen CO2 frei.

Keine echte Öko-Alternative: Kerzen aus Palmöl (Stearin)

Statt Paraffin ist in vielen Kerzen auch Palmöl enthalten. Klingt zunächst ganz gut, weil es aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. Die ökologische Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Palmöl - auch das "grüne Erdöl" genannt - ist höchst umstritten. Deshalb muss es seit Dezember 2014 (laut EU-Verordnung) deklariert werden.

Palmöl wird auch für Kerzen verwendet.

Palm- und Palmkernöl wird aus dem Fruchtfleisch bzw. aus den Fruchtkernen der Ölpalme gewonnen. Pro Palme entwickeln sich 3.000 bis 6.000 Steinfrüchte, in denen sich mehr und mehr Öltröpfchen bilden. Das fasrige Fleisch und der Samen enthalten zur Hälfte fettes Öl, das durch Quetschen und Pressen herausgeholt wird.

Palmöl ist ein hochwertiges Pflanzenfett, das nach der Verarbeitung frei von gesundheitsgefährdenden Trans-Fetten ist. Außerdem kann es kostengünstig auf vergleichsweise geringer Fläche produziert werden kann. Der Ertrag liegt fast dreimal höher als bei Raps. Mittlerweile werden Ölpalmen weltweit, aber vor allem in den Tropen angebaut; insbesondere in Indonesien und Malaysia. Diese beiden Länder decken fast 90 Prozent des Weltmarktes für Palmöl ab. Die Produktion bringt diesen Staaten zwar viel Geld ein, aber es werden auch riesige Anbauflächen benötigt.

Für Palmölplantagen werden riesige Flächen Urwald gerodet.

Allein in Indonesien hat sich der Landverbrauch für Ölpalmen seit 1990 verzehnfacht. Regenwald von einer Fläche, die mehr doppelt so groß ist wie Bayern, wurde den Palmölplantagen inzwischen bereits geopfert. Weit über 400.000 Hektar dienen dabei allein für den Verbrauch von Palmöl in Deutschland - das entspricht fast der halben Oberpfalz. Tendenz stark steigend. Dafür werden Regenwälder in großem Stil gerodet und trocken gelegt, um Ölpalmen anzubauen. Die Böden sind jedoch durch die Monokultur schnell erschöpft und ausgelaugt, dass sich selbst nach Auflassung der Flächen kein natürlicher Regenwald mehr ansiedelt, sondern nur noch minderwertiger Sekundärwald.

Ein spezielles Siegel für palmölfreie Produkte wird es zwar auch künftig nicht geben, aber im Zuge der neuen EU-Lebensmittelinformationsverordnung wird zumindest die Kennzeichnung verbessert. Ab 13. Dezember 2014 genügt es nicht mehr, "pflanzliches Öl" und "pflanzliches Fett" auf die Verpackung zu schreiben, vielmehr muss die pflanzliche Herkunft ausgewiesen werden, also zum Beispiel "Palmöl", "Olivenöl" oder "Kokosfett". Damit können die Verbraucher leichter auf palmölfreie Produkte ausweichen. Allerdings darf der Handel Lebensmittel mit der alten Kennzeichnung (die vor dem 13.12.2014 in Umlauf gebracht worden ist) noch verkaufen, bis die Bestände aufgebraucht sind. Übrigens: Die Fairtrade-Produkte fördern, auch wenn Palmöl enthalten ist, den "Erhalt der natürlichen Ressourcen in den Erzeugerländern und verbieten beispielsweise Brandrodungen zur Erschließung landwirtschaftlicher Flächen", informiert die Verbraucherzentrale Bayern.

Bienenwachs

Bienenwachskerzen sind teurer als Kerzen aus Palmöl oder Paraffin.

Kerzen aus Bienenwachs sind zweifelsfrei die umweltfreundlichste Variante, vor allem wenn sie aus einer Bio-Imkerei stammen. Die goldgelben Kerzen sind zwar wesentlich teurer als Paraffin- oder Palmöl-Kerzen, aber dafür sind sie ein natürliches Produkt. Produziert wird das Wachs von Arbeitsbienen, die es durch Drüsen ausscheiden und damit ihre Waben bauen. Die bekannte Farbe und den Duft bekommt das Bienenwachs im Stock durch den Honig und die Pollen. Mit nur 0,5 Prozent Marktanteil spielen die klassischen Wachskerzen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Denn die Bienenwachsreserven sind endlich und müssen zudem fast immer importiert werden, was die Umweltbilanz ins Negative verkehrt. Das importierte Bienenwachs kommt meist aus China, Südamerika oder Südafrika - deutsche Imker verwenden das Wachs ihrer Bienen selbst.

Das RAL Gütesiegel und Bio-Labels

Das RAL-Gütezeichen stellt sicher, dass der Hersteller keine schadstoffbelasteten Rohstoffe, Farben oder Lacke in den Kerzen verwendet.

Wenn Kerzen abbrennen, werden immer verschiedene umwelt- und gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt, gerade, wenn mehrere Kerzen brennen und sich dabei Ruß bildet. Bei qualitativ schlechten Paraffinkerzen mit erhöhtem Schwefelgehalt kann außerdem Schwefeldioxid entstehen, das unter Umständen zu allergieähnlichen Reaktionen führt. Die meisten bedenklichen oder sogar krebserregenden Stoffe kommen über Farben, Lacke und Duftstoffe in die Kerzen; in Form von Schwermetallen, Flammschutzmitteln, halogenorganischen Verbindungen und polyzyklische Moschus-Verbindungen.  

Deshalb vergibt die "Gütegemeinschaft Kerzen", der zahlreiche Kerzenhersteller in Deutschland angehören, auch das RAL-Gütezeichen (Norm: RAL-GZ 041). Fast 70 Prozent der Kerzen, die in Deutschland angeboten werden, tragen dieses RAL-Zeichen auf der Verpackung. Geprüft wird vor der Vergabe des Gütezeichen unter anderem das Abbrandverhalten, die Sicherheit sowie die Schadstofffreiheit. Vor allem Billig-Kerzen, die das RAL-Gütezeichen nicht tragen, haben laut einem DEKRA-Test zu viel Ruß entwickelt und ein vielfaches von gesundheitsgefährdendem Schwefel enthalten.

Traditionell werden Kerzen durch Wachs gezogen, bis sie die gewünschte Größe erhalten.

Einige Hersteller sparen auch durch einen technischen Trick Wachs, indem sie beim Pulverpressverfahren sehr kleine Luftblasen verarbeiten. Die Struktur lässt sich bei den Kerzen leicht von unten erkennen. Wenn das Pulver grobkörnig auszumachen ist, handelt es sich wahrscheinlich um eine eher minderwertige Kerze. Auch das Gewicht ist ein Indiz. Gute Kerzen liegen schwer in der Hand. Auch der Geruch gibt einen Hinweis auf verwendete Rohstoffe. Kerzen, die sehr künstlich riechen, bestehen sicher nicht aus echtem Wachs. Kerzen, die besonders schnell herunter brennen, sind qualitativ ebenfalls nicht besonders hochwertig. Gerade im Hinblick auf die eigene Gesundheit ist es wichtig, auf Qualität zu achten und sich die Inhaltsstoffe einer Kerze mal genauer anzusehen.  

Es gibt  übrigens auch bei Kerzen verschiedene Bio-Siegel. Ein Bio-Siegel dürfen zum Beispiel nur Kerzen tragen, die aus nachhaltig angebautem Palmöl hergestellt sind.

Fazit

Echte Nachhaltigkeit ist bei Kerzen nur schwer zu erreichen. Wenn man es genau nimmt, selbst bei Kerzen aus Bienenwachs und Bio-Palmöl. Außerdem haben Kerzenwachse aus diesen Rohstoffen ihren Preis.

Teelichter sind sehr beliebt, vor allem, weil sie billig sind.

Wichtig ist es, auch im Hinblick auf die eigene Gesundheit, prinzipiell auf hochwertige Kerzen zurückzugreifen und auf Billigkerzen weitgehend zu verzichten. Die Verbraucher verhalten sich jedoch beim Einkauf anders, auch weil die Handelsriesen hier den Preis diktieren. Laut Europäischen Kerzenverbands (ECA) wird beispielsweise jede fünfte Kerze in Deutschland bei IKEA gekauft. Vor allem Teelichter, aus Paraffin und im Pressverfahren günstig hergestellt, sind sehr beliebt. Acht Milliarden Stück gehen jährlich über die deutschen Ladentheken; die meisten sind außerdem noch mit Aluminium ummantelt.

Wer es sich leisten kann, sollte also auf zertifizierte Bio-Kerzen zurückgreifen, weil nur damit garantiert wird, dass das verwendete Wachs aus pflanzlichen Fetten auch aus nachhaltigem Anbau stammt. Wie gesagt, die längere und gleichmäßigere Abbrenndauer muss beim Preis berücksichtigt werden. Das Gütezeichen RAL ist aber auch ein Indikator dafür, dass es sich um geprüfte Kerzen handelt, die zumindest die eigene Gesundheit nicht gefährden.

Wer bei der Atmosphäre ein paar Abstriche in Kauf nehmen möchte, kann natürlich auch auf energiesparende LED-Kerzen zurückgreifen. Die sind nicht nur in Kindergärten wegen der Sicherheit sehr beliebt. Sie sehen inzwischen beinahe wie echte Kerzen aus, mit Flackern und Wachs drum herum - und sind immer wieder verwendbar.


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