Bayern 1 - Experten-Tipps


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Der Bayern 1-Umweltkommissar Ist Palmöl wirklich so böse?

Weit über 60 Millionen Tonnen Palmöl werden weltweit produziert. Es ist das am meisten verwendete pflanzliche Öl in der Lebensmittelherstellung. Der Bayern 1-Umweltkommissar will wissen, ob die Kritik daran berechtigt ist.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 18.01.2017

Illustration: Der Umweltkommissar denkt über die Verwendung von Palmöl nach | Bild: BR/Susanne Baur

Der erste Eindruck

Palmöl ist ein geiles Zeug! Jedenfalls geraten Lebensmitteltechniker geradezu ins Schwärmen, wenn sie über die Einsatzmöglichkeiten von Palmöl in der Industrie sprechen. Schließlich ist Palmöl das am meisten verwendete pflanzliche Öl in der Lebensmittelherstellung. Groß umrissen, ist Palmöl fast in jedem zweiten Produkt aus dem Supermarkt zu finden.

Die Kultivierung der Ölpalme ist eigentlich eine landwirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Ursprünglich kommt sie aus Westafrika und wächst nur in den heißen und feuchten Regionen dieser Welt. Seit mittlerweile mehr als 100 Jahren wird sie systematisch gezüchtet und damit die ertragreichste Ölpflanze der Erde geworden. Deshalb wird sie auch fast überall in den Tropen entlang des Äquators angebaut – leider eben auch genau dort, wo sich die für unser Klima so wichtigen Regenwälder befinden.

Weit über 60 Millionen Tonnen Palmöl werden derzeit weltweit produziert. Der Löwenanteil stammt aber aus Malaysia und Indonesien. In den letzten 25 Jahren haben sich dort die Anbauflächen verzehnfacht. Tendenz steigend. Denn der weltweite Bedarf wächst.

Darum ist Palmöl so beliebt:

  • niedrige Kosten: Eine Tonne Palmöl kostet derzeit rund 800 Dollar auf dem internationalen Markt. Sonnenblumenöl kostet knapp 50 Dollar mehr die Tonne. Rapsöl sogar 120 Dollar mehr.
  • Kultivierte Ölpalmen werfen gut 20 Jahre einen konstant hohen Ertrag pro Fläche ab. Eine ausgewachsene Ölpalme trägt etwa 15 Mal im Jahr Fruchtbüschel, aus denen Öl gewonnen werden kann.
  • Palmöl muss nicht extra chemisch gehärtet werden. Ist bei Zimmertemperatur fest, lässt sich aber auch gut erhitzen und leicht schmelzen. Ist geschmacksneutral und extrem lange haltbar. Ideal also für die Verarbeitung in Lebensmitteln.

Weil Palmöl durch seine Eigenschaften vielseitig verwendbar ist, wird es beispielsweise in Kerzen oder Kosmetikprodukten eingesetzt.

Aber:

  • Allein in Indonesien ist seit 1990 Regenwald von einer Fläche, die mehr doppelt so groß ist wie Bayern, den Palmölplantagen zum Opfer gefallen.
  • Weit über 400.000 Hektar braucht es dort, um allein den Verbrauch von Palmöl in Deutschland - das entspricht fast der halben Oberpfalz – zu decken. Tendenz stark steigend.
  • Weltweit steigt die Nachfrage nach Palmöl stetig an. Längst haben Indien und China und andere asiatische Länder, Europa als Hauptabnehmer überflügelt. Dafür werden Regenwälder in großem Stil teils illegal gerodet und trocken gelegt, um Ölpalmen anzubauen.
  • Die Böden sind  durch die Monokultur schnell erschöpft und ausgelaugt, so dass sich selbst nach Auflassung der Flächen kein natürlicher Regenwald mehr ansiedelt, sondern nur noch minderwertiger Sekundärwald.

Miese Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen auf den Ölplantagen sind knallhart. Bezahlt wird oft nicht nach Stunden, sondern nach Quoten. Bis zu 1.500 Kilo am Tag müssen die schlecht bezahlten Arbeiter schleppen. Menschenrechtsorganisationen berichten von schweren Vergiftungen durch Pestizide. Auch die weitere Verarbeitung in der Ölmühle ist oft umweltschädlich. Abwässer und Abfälle gelangen meist ungeklärt nach draußen.

Amnesty International hat erst Ende 2016 die Praktiken des weltweit größten Palmöl-Herstellers Wilmar gebrandmarkt. Firmen wie Unilever, Nestlé und Procter & Gamble gehören zu den Kunden. Amnesty International spricht davon, dass systematisch Kinder- und Zwangsarbeit eingesetzt werden. Das Unternehmen mit Sitz in Singapur beschäftige auf seinen Plantagen in Indonesien Kinder schon im Alter von acht Jahren und zahle Hungerlöhne. Auch Kellogg's und Colgate-Palmolive zählten laut Amnesty-Bericht zu Kunden von Wilmar. Die meisten zeigten sich besorgt über den Bericht und verlangten Aufklärung. Der niederländisch-britische Verbrauchsgüterhersteller Unilever erklärte, er sei bereit, „eine führende Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu übernehmen“.

Amnesty-Expertin Meghna Abraham dagegen warf den Konzernen vor: „Die Unternehmen drücken bei der Ausbeutung von Arbeitern in ihrer Lieferkette ein Auge zu.“ Gleichzeitig versprächen sie ihren Kunden, das Palmöl sei auf nachhaltige Weise hergestellt. “Irgendetwas läuft falsch, wenn neun Unternehmen mit einem Gesamterlös von 325 Milliarden US-Dollar 2015 es nicht schaffen, etwas gegen diese grauenhafte Behandlung der Arbeiter zu unternehmen“, sagte Abraham. Zu den bekanntesten Produkten der im Bericht genannten Firmen gehören die Colgate-Zahnpasta, Dove-Pflegeprodukte, Ben&Jerry's-Eis, Knorr-Suppen, Kellogg's-Kornflakes, Ariel-Waschmittel und KitKat-Schokolade.

Für den Bericht sprach die Menschenrechtsorganisation nach eigenen Angaben mit 120 Arbeiterinnen und Arbeitern, die auf Palmplantagen von zwei Wilmar-Tochterunternehmen und drei Lieferanten des Unternehmens arbeiten. Demnach erfuhren die Autoren der Studie, dass Kinder schwerste körperliche Arbeit verrichten, Arbeiter sich mit dem eingesetzten Pflanzenschutzmittel vergiften, Überstunden bei Androhung von Lohnkürzungen erzwungen werden, die Beschäftigten unter Mindestlohnniveau bezahlt werden und nicht zu erreichende Ziele erfüllen müssen. Wilmar räumte Amnesty zufolge ein, dass es arbeitsrechtliche Probleme im Unternehmen gebe. Dennoch seien drei der fünf von den Menschenrechtlern untersuchten Plantagen als „nachhaltig“ zertifiziert, führte die Organisation an. „Unsere Recherche hat aufgedeckt, dass diese Unternehmen auf dem Papier strenge Richtlinien haben, aber keines von ihnen konnte beweisen, dass sie offensichtliche Risiken in der Lieferkette von Wilmar festgestellt haben“, sagte die Amnesty-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte, Seema Joshi.

Palmöl in Kraftstoffen

Viele kennen Palmöl nur aus Lebensmitteln. Manche wissen auch, dass Palmöl in vielen Kosmetika zu finden ist. Aber dass knapp 50 Prozent des Palmöls, das in der EU importiert wird, als Beimischung in Kraftstoffen landet, ist den meisten nicht bekannt.

Vor allem in Diesel, dem beliebtesten Treibstoff für deutsche Autos. In einer normalen Tankfüllung Diesel sind bis zu 7 Prozent pflanzliche Anteile enthalten. Zwar überwiegend Rapsöl, aber eben auch andere Pflanzenöle wie Soja- und Palmöl. Für Biodiesel sind zwar nur Rohstoffe aus nachgewiesen nachhaltigem Anbau zugelassen, aber im Falle von Palmöl  ist das schwierig, selbst wenn es zertifiziert ist. Zuletzt ist der Anteil  von Palmöl in den pflanzlichen Bestandteilen des Diesels nur deshalb gesunken, weil  es einen Preisverfall für Raps gegeben hat.

Wenn eine Studie des Londoner "Institute for European Enviromental Policy" (IEEP) aus dem Jahr 2011 nur annähernd richtig liegt, müssen für die Produktion der Biotreibstoffe weltweit sowieso riesige Flächen in zusätzliches Ackerland umgewandelt werden müssen, was von Befürwortern des Biosprits bislang nicht ausreichend berücksichtigt werde. Die Forscher analysierten die offiziellen Pläne von 23 EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Demnach sollen bis 2020 in Europa rund zehn Prozent der Energie für den Verkehr aus Biosprit bestehen, der fast vollständig aus Ölsamen, Palmöl, Rohr- und Rübenzucker und Weizen gewonnen wird. Dafür müssten laut dieser Studie weltweit bis zu 69.000 Quadratkilometer Wälder, Weiden und Feuchtgebiete in Anbauflächen umgewandelt werden – das entspricht der doppelten Fläche von Belgien. Dadurch würden wiederum zusätzliche Tonnen CO2 freigesetzt und unterm Strich wäre Biosprit damit noch klimaschädlicher als fossile Brennstoffe.

Hydrierte Pflanzenöle, die zu 100 Prozent aus Palmöl bestehen, stellen zudem einen neuartigen Treibstoff dar, der über sehr gute chemische Eigenschaften verfügt. Deshalb können hydrierte Pflanzenöle auch im Winter in großen Mengen eingesetzt werden. Mittlerweile werden dem Diesel in Deutschland knapp 400.000 Tonnen dieses Treibstoffs beigemischt.

Sinnvolle Alternativen zum Palmöl: Fehlanzeige!

Letztlich ist Nachhaltigkeit gefragt. Bio-Palmöl ist toll, deckt aber nicht mal ansatzweise den weltweiten Bedarf. Andere Öle aus Sonnenblumen oder Raps würden außerdem ein vielfaches der Anbaufläche von Ölpalmen verbrauchen.

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Die Industrie erforscht zwar Alternativen, aber bis es soweit ist dürften noch Jahre vergehen:

Die Firma Mertz GmbH in Mainz versucht beispielsweise, Spülmittel ausschließlich mit europäischen Ölen herzustellen. Das Verfahren ist zwar aufwändig - aber es lohnt sich.
Die Uni Hohenheim forscht daran, eine umweltfreundliche Öl-Alternative für Lebensmittel zu finden. Dafür bietet sich die südamerikanische Palme Acrocomia an. Sie wächst nicht nur entlang des Äquators, sondern auch in trockeneren Gebieten. Ihrem Anbau müsste also kein Regenwald zum Opfer fallen. Außerdem scheint Acrocomia-Öl noch gesünder zu sein als Palmöl.  Allerdings schmeckt Acrocomia-Öl  nicht so neutral und ist auch nicht so lange haltbar und schmeckt nicht  ganz so neutral. Der Ertrag der Acrocomia-Palme kann zudem noch nicht mit der Ölpalme mithalten. Gezieltes Züchten könnte das irgendwann verbessern.

Qualitäts-Siegel zur Orientierung

Seit Dezember 2014 muss nach einer EU-Verordnung Palmöl auf den Produkten namentlich aufgeführt werden. Vorher war Palmöl oft unter „pflanzliche Öle“ versteckt worden. Damit können sich Verbraucher zumindest bewusst gegen Produkte mit Palmöl entscheiden. Allerdings, wie eingangs erwähnt, ist das schwierig, weil fast die Hälfte aller Produkte im Supermarkt – laut einer WWF-Studie – Palmöl enthalten.  

Des Weiteren gibt es ein Siegel, das Produkte aus nachhaltigem Anbau auszeichnen soll. Vor etwa zehn Jahren ist es nach einem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) entstanden. Ins Leben gerufen vom WWF mit Unterstützung des Konzerns Unilever, einem der größten industriellen Palmöl-Verbraucher der Welt. Entsprechend kritisch sehen auch viele Umweltschützer das Siegel. Sie sehen die Standards als zu gering an und bemängeln lasche Kontrollen.

Um die RSPO-Kennzeichnung zu bekommen, dürfen Bauern die Pflanzen beispielsweise nicht auf gerade erst gerodeten Böden anbauen, zudem kaum Pestizide nutzen und müssen die Landrechte der Ureinwohner achten sowie bedrohte Tiere schützen. Der gemeinnützige Verein hat seinen Sitz in Zürich und führt dort  Interessengruppen aus insgesamt sieben  Sektoren der Palmölindustrie zusammen, also Produzenten, Industrie, Einzelhändler und so weiter. Die Mitglieder sehen die Erklärungen zur Nachhaltigkeit zumindest als ersten Schritt in die richtige Richtung.

Der International Sustainability and Carbon Certification (ISCC) Standard soll die Einhaltung der Nachhaltigkeitsanforderungen der Europäischen Erneuerbare Energien Richtlinie (EU RED) sowie der Deutschen Biokraft- und Biostrom-Nachhaltigkeitsverordnungen garantieren. Neben der Zertifizierung von Biomasse und Bioenergie kann der Standard auch für die Nachhaltigkeitszertifizierung in den Bereichen Nahrungs- und Futtermittel, und der chemischen Industrie, und somit auch für die Zertifizierung von nachhaltigem Palmöls welches nicht als Bioenergie genutzt wird, angewendet werden (ISCC PLUS). Seit Juli 2010 ist der ISCC-Standard  in Deutschland anerkannt. Das ISCC hat derzeit etwa 70 Mitglieder und wird von 27 unabhängigen Zertifizierungsunternehmen kontrolliert.

Übrigens hat Greenpeace Anfang 2016 von 14 internationalen Firmen verlangt, den Weg ihres verwendeten Palmöls zur Plantage zurückzuverfolgen. Schließlich ist nur so zu kontrollieren, ob sich die jeweiligen Zulieferer an die Vorgaben zu Waldschutz, Umweltschutz und Arbeitsbedingungen halten.  Firmen wie PepsiCo, Colgate-Palmolive und Johnson & Johnson haben laut Greenpeace, dabei am schlechtesten abgeschnitten. Ausgerechnet  Ferrero, der vielgescholtene Nutella-Hersteller und bekennender Verwender von Palmöl,  konnte annähernd 100 Prozent des Palmöls bis zur Plantage zurückverfolgen.


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