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Nix für Pazifisten Gebirgskrieg extrem in Kellerwand und Eiskar

Das Dachsteingebirge in der Steiermark gilt als Wiege der Klettersteige. Vor gut 170 Jahren ließ ein Wiener Geologe Eisenzapfen und Handhaken in den Fels schlagen, um den Dachstein-Gipfel zu erklimmen - quasi der erste Klettersteig der Alpen. Nachdem sich die Kämpfe um den Übergang von Kärnten nach Friaul am Plöckenpass im Mai 1915 bald festgefahren hatten, uferten die militärischen Aktivitäten rasch auf die benachbarten Gipfel aus.

Stand: 13.06.2015

Klettern extrem in der Kellerwand und dem Eiskar  | Bild: BR; Georg Bayerle

Die Kellerwand ist mit 2774 Metern Höhe der zweithöchste Gipfel im Karnischen Kamm und ein Felsbollwerk, das mit 1200 Metern Wandhöhe auf der Nordseite zu den höchsten Wänden der Ostalpen zählt.

Die Kellerwand, eine der höchsten Felsmauern der Ostalpen

Während italienische Truppen über die abgedachte Südseite relativ unschwierig den Gipfel besetzen konnten, bahnten sich österreichische Kaiserjäger ihren Weg durch die senkrechte Nordwand. Schattig und kalt ist es unter diesem mächtigen Felsbollwerk. Die Wand wirkt abweisend. Hier also sind sie damals hochgestiegen, erklärt Hans Gaiswinkler, ein Oberst der Gebirgsjäger. Ein Jahrhundert später ist alles noch so wie damals. Nichts wurde hergerichtet, kein Mensch ist hier unterwegs, nur der Gebirgsjägeroffizier und einige wenige Einheimische kennen die originale, steinschlaggefährdete Route.

Am ausgesetzten Sporn der Grünen Schneid

Ein paar Schritte über der Alm wird das Gelände schlagartig wild und gefährlich. Der Steig führt durch nahezu senkrechtes Buschwerk empor. Die Finger krallen sich in erdigen Fels und feuchte Graspolster; ab und zu gibt ein herabhängender Ast schwankenden Halt. Nach gut hundert Höhenmetern setzt endlich der Fels an. An einigen Stellen baumeln tatsächlich noch lose, rostige Drahtseile in der Wand. Damals ist es dem Stoßgrupp gelungen, das mitten in die Felsmauer eingelagerte Kar zu besetzen. Geschützt unter einem Felsdach steht der immer noch erhaltene Unterstand. Von hier aus wurde gekämpft, auf waghalsigen Steigen ging es kreuz und quer durch die Wand.

Steigen durch Weltkriegs-Drahtverhau

Am 23.September 1916 wird folgende Meldung abgesetzt: „Die Gipfelbesatzung wurde den Verhältnissen entsprechend ausgefroren angetroffen. Von der Besatzung sind am 21. September beim Ablösen der Posten zwei Mann abgestürzt. In der letzten Zeit verunglückten bei Ablösen 5 Mann tödlich. Von den soeben heraufgestiegenen 7 Soldaten erfror sich einer die Füße und musste, da die Zeit für den Transport hinunter schon zu fortgeschritten war, am Gipfel gelassen werden.“ Das wirft ein Schlaglicht auf den Krieg in alpinem Extremgelände. Beim Weitergehen findet man immer wieder die Spuren des Geschehens. Jeder Helm, jede Feldflasche, jede Patronenhülse erzählt ihre eigene Geschichte Mitten in die Wandfluchten ist Österreichs südlichster und kleinster Gletscher eingebettet - das Eiskar, mittendrin der Eiskarkopf, damals Sitz für einen der Feldwachen, wie sie im Krieg zu Tausenden zwischen Ortler und Trient Posten bezogen hatten.

Die Verlassenheit der Gegend mit ihren stummen Relikten wirkt kolossal inmitten der grauen Felswände. Ein ausgesetzter Pfad führt seitlich hinaus über einen steilen Schrofenrücken, die Cresta Verde. Tief unten liegt ein wegloses idyllisches Hochtal. In diesem grünen Tal der Toten wurde ein österreichischer Spähtrupp von einem italienischen Überfall überrascht. Bis heute hat man die Toten nicht geborgen, und in der Gegenwart ist hier wohl keiner ohne grausige Ehrfurcht unterwegs!

Die Kellerwand


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