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Skandaldoku über Michael Jackson Gedanken, die ich beim Schauen von "Leaving Neverland" hatte

Der Film "Leaving Neverland" wird seit Monaten diskutiert: Ist Michael Jackson ein Kinderschänder - oder Opfer einer Verleumdung? Unser Autor findet: Nach dem Anschauen der Doku ist es unmöglich, Jacksons Musik bedenkenlos zu feiern.

Von: Matthias Scherer

Stand: 04.04.2019 | Archiv

Michael Jackson (Aufnahme aus dem Jahr 1988) | Bild: picture-alliance/dpa

Michael Jackson war der erste Musiker, von dem ich besessen war. Alle CDs kaufte, Fernsehauftritte notierte und - wenn möglich - auf Video aufnahm (zum Beispiel seine 30-minütige Performance bei "MJ & Friends" im Münchner Olympiastadion 1999). Damals war sein kreativer Peak schon eine Weile her, aber Songs wie "P.Y.T. (Pretty Young Thing)" und "Blood On The Dancefloor" und Dutzende andere waren einfach unkaputtbar.

Ich schreibe das, um zu verdeutlichen, dass ich zu den Menschen gehöre, für die die Liebe zu Popmusik - und später Musik generell - mit Michael Jackson begann. Viele dieser Menschen halten immer noch an ihrer Liebe zu Jackson fest. Für mich ist das unmöglich geworden, nachdem ich die Doku "Leaving Neverland" (in Deutschland erstmals zu sehen am Samstag, den 6. April) gesehen habe. Ich kann Michael Jacksons Musik einfach nicht mehr genießen und mein eigenes Fan-Sein unhinterfragt lassen.

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LEAVING NEVERLAND Official Trailer (HD) Michael Jackson Documentary Series | Bild: JoBlo TV Show Trailers (via YouTube)

LEAVING NEVERLAND Official Trailer (HD) Michael Jackson Documentary Series

Inzwischen wissen die meisten, was in dem Film passiert: Die zwei mittlerweile erwachsenen Männer Wade Robson und James Safechuck erzählen in ausführlichen, detaillierten und schonungslosen Interviews von ihren Beziehungen zu Jackson, die mit Übernachtungen und Geschenken anfingen und angeblich ziemlich schnell auch gemeinsames Porno-Schauen und Oralsex beinhalteten. Die beiden waren sieben (Robson) und zehn (Safechuck) Jahre alt, als der sexuelle Missbrauch begonnen haben soll.

Ein Film wie ein Schlag in die Magengrube

"Leaving Neverland" ist ein Film wie ein Schlag in die Magengrube: Er bereitet körperliches Unbehagen und danach bleibt einem für eine Weile die Luft weg. Außer Robson und Safechuck selbst werden ihre Familien und Partner interviewt; es wird außerdem sehr viel mit Archivmaterial aus den 80ern und 90ern und Drohnen-Aufnahmen von Los Angeles, Las Vegas und Jacksons Neverland Ranch gearbeitet. Mitglieder von Jacksons Familie und die sonst bei Dokus gängigen Experten wie zum Beispiel Psychologen oder Juristen kommen nicht zu Wort.

Letzteres wird von vielen Jackson-Fans als Argument dafür angeführt, dass "Leaving Neverland" eine einseitige Rufmord-Kampagne sei, gegen die sich der 2009 verstorbene Sänger nicht einmal mehr selbst wehren könne. Tatsächlich wird der Film von Regisseur Dan Reed den Ansprüchen einer objektiven Doku nicht ganz gerecht. Aber faktenfrei, unseriös oder sogar schlüpfrig ist "Leaving Neverland" eben auch nicht – im Gegenteil: Robson und Safechuck sind in ihren Aussagen extrem überzeugend.

Immer an Jacksons Seite: Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren

Beim Anschauen wurde mir eins extrem bewusst: Wie bereit ich selbst als junger Fan war, potenzielle Alarmsignale zu ignorieren. Wir sehen, wie Jackson Anfang der 90er aus Fliegern und in Limousinen steigt, aus Hotelfenstern herauswinkt, auf zahllosen Bühnen steht. Immer, wirklich immer an seiner Seite: Kinder, vornehmlich Jungs, zwischen sechs und zwölf Jahren. "Exzentrisch" fand ich das damals, mittlerweile weiß ich: So verhält sich niemand, der eine gesunde Beziehung zu sich selbst und zu Kindern hat.

Im Film lernen wir, dass der Kontakt von Michael Jackson zu Robson und Safechuck über längere Zeiträume quasi permanent war: Er schickte täglich Faxe, freundete sich mit ihren Familien an, unterstützte sie finanziell und verbrachte dutzende von Nächten hintereinander mit ihnen in einem Bett. Dass Jackson ähnliches Verhalten mit einem anderen Jungen schon längst zugegeben hatte (mit Gavin Arvizo in der 2003er-Doku "Living with Michael Jackson"), fiel mir erst beim Anschauen von "Leaving Neverland" wieder ein – und drehte mir den Magen um.

Es geht in "Leaving Neverland" nicht um Michael Jacksons Musik – die ist sowieso viel zu sehr in unser aller Bewusstsein verankert, um sie jemals ganz auszulöschen.

"Leaving Neverland" handelt davon, wie zwei junge Männer mit ihrer bizarren und tragischen Kindheit kämpfen und versuchen, trotz aller Traumata ein normales Leben zu führen und ihre Familien zusammenzuhalten. Ich selber kenne Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Der Gedanke daran, dass sie sich – wie Robson, Safechuck und andere angebliche Opfer Jacksons – aus Scham und Angst lange Zeit niemandem anvertraut haben, bricht mir das Herz. Und ich kann niemanden verstehen, der sich diese Dokumentation anschauen kann, um dann auf der nächsten Party unberührt zu "Billie Jean" zu tanzen.

Sendung: Plattenbau vom 04.04.2019 - ab 19 Uhr