Jetzt Bad Idea Girl In Red

Info Die norwegische Sängerin Marie Ulven aka Girl In Red thematisiert mit der Indierock-Hymne "Bad Idea" (2019) das Gefühl, wenn man etwas unbedingt will und dadurch ganz vergisst, an die Konsequenzen zu denken.

Sexismus in der Musikbranche Warum es (noch) so wenig Frauen in der Popmusik gibt

Dass es Frauen in der Musikbranche schwerer haben und das nicht nur an ihnen selbst liegt, fällt vielen schwer zu verstehen. Frauen, die Musik machen, erleben die strukturelle Diskriminierung aber quasi täglich.

Von: Tobias Krone, Katja Engelhardt, Ann-Kathrin Mittelstraß, Vanessa Schneider und Vanessa Patrick

Stand: 11.04.2019 | Archiv

In der Musikbranche sind Frauen immernoch unterrepräsentiert. | Bild: BR

Die Gender-Gap im Pop-Business existiert. Und sie ist erklärbar. Allerdings liegt es (meistens) nicht an #meToo-Geschichten von groben Beleidigungen oder Vergewaltigung, dass weniger Frauen den Sprung in die professionelle Popmusik schaffen. Das Problem liegt oft in ganz subtilen Signalen, fehlenden Vorbildern für Mädchen, peinlichen Fragen und doofen Erlebnissen, die Frauen das Gefühl geben, dass sie als selbständige Musikerin eigentlich falsch sind. PULS hat sich mit diesem Thema in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftig und auch mit Musikern und Musikerinnen darüber gesprochen. Die Erfahrungen der Musikerinnen sind oft ähnlich: Sie erzählen von ganz alltäglichen Erziehungsidealen, dem Mangel an weiblichen Vorbildern und von männlichen Gitarrenverkäufern.

"Wie, ihr seid die Band!?"

Oft wird Frauen erst gar nicht zugetraut, dass sie professionell Musik machen. Gurr haben zum Beispiel erlebt, dass sie für Fans gehalten wurden.

"Wir waren mit Kakkmaddafakka auf Tour. Die hatten so junge weibliche Hardcorefans in der ersten Reihe stehen. Die haben auf Kakkmaddafakka gewartet und waren dann aber voll sauer, dass wir uns da vorgedrängelt haben. Und wir so: Ja, wir sind die Band. Und sie so: Wie, ihr seid die Band!?"

Andrea von Gurr

Frauen als Sängerin, okay. Aber, dass sie ihre Songs auch selber schreiben, trauen ihnen viele immer noch nicht zu. Wie es die Singer-Songwriterin Balbina erlebt hat.

"Auch von Kollegen werde ich häufig aus Unwissenheit gefragt, ob Kollegen, die mich mal gefeatured haben oder mit denen ich mal kooperiert habe oder sonst was, meine Lieder schreiben."

Balbina

Ein Schlag ins Gesicht für Balbina, die von der Melodie bis zum Text alles selbst macht. Anscheinend müssen in der Musikbranche viele Leute noch darauf klarkommen, dass Frauen genauso kreativ sind wie die Männer.

Die britische Folk-Sängerin Laura Marling wurde in Gitarrenläden gerne mal für ein Dummchen gehalten, wie sie in ihrem Podcast erzählt.

"Wie oft musste ich erstmal beweisen, dass ich nicht zum ersten Mal eine Gitarre kaufe oder in der Hand halte. Und ich wusste nicht, wie sehr sich diese Erlebnisse auf einen kreativen Prozess auswirken."

Laura Marling

Brave Mädchen, wilde Jungs

Wenn aber Talent bei allen Geschlechtern gleich verteilt ist, warum gibt es dann trotzdem immer noch weniger Bands, in denen die Frauen anführen – und nicht "nur" die Sängerin sind? Lesley Kingswell ist Jazz-Sängerin und organisiert Workshops für Mädchen. Warum Frauen selten Rockstar werden, hat für sie schon mit der Erziehung und der Kindheit zu tun.

"Ein Mädchen wird gelobt, wenn es brav ist, wenn es gut in der Schule ist. Ein Junge wird auch oft dafür gelobt, wenn er wild ist oder wenn er was Verrücktes macht. Das setzt sich so fest, ich glaube, dass es schwer ist, das zu überwinden. Und natürlich gibt’s immer auch mal Mädchen, die so einen starken Charakter haben und sagen, ich will das trotzdem. Und es gibt auch Jungs, die anders sind als diese Stereotype. Also ich finde, da ist ganz viel in der Gesellschaft, wo man überlegen könnte: Muss das wirklich so sein, wie es sich immer wieder weiter 'vererbt'?"

. Lesley Kingswell, Jazz-Sängerin

Egal ob es Oma, Papa, die Lehrerin ist – sie alle prägen uns in der Kindheit. Es ist normal für uns, so zu sein, wie andere es von uns erwarten. Bis wir diese Rollenklischees in der Jugend dann selbst übernommen haben – und das führt zu einem Teufelskreis. Das hat auch Balbina gemerkt. 

"Als Mädchen in der pubertären Phase, wo man dann mit 12, 13, 14 erwachsen wird, ein bisschen zurückhaltender ist als die Jungs, die sich ständig miteinander vergleichen, ist es natürlich schwieriger, wenn du in einem Jugendzentrum bist und ein bisschen schüchtern und noch nicht mit deinem Körper zurechtkommst weil sich alles verändert und du dich vor den Jungs sowieso ein bisschen versteckst und dich nicht traust, dann wirst du in einer Gruppe von Jungs, die an den DJ-Decks irgendwie lernen zu scratchen, nicht den Mut haben und irgendwie die Kraft, dich da zu beweisen."

Balbina

Auch deswegen ist es gut, dass es zum Beispiel DJ-Workshops ausdrücklich für Mädchen gibt. Denn nicht alle Mädchen haben die dicke Haut, die Balbina hatte, um sich trotzdem mit Musik zu beschäftigen.

Dass Singer-Songwriterinnen wie Balbina bis jetzt immer noch die Ausnahme sind, hat man 2016 auch an der Popakademie Baden-Württemberg gesehen. Nur ein Viertel der Studierenden war weiblich und meistens studierten sie – genau: Gesang. Im Schwerpunkt Gitarre gab es keine einzige Frau. Dabei wäre die Hochschule happy, wenn sich mehr Frauen bewerben würden. Aber offenbar haben viele schon in der Jugend die Lust verloren. Und das ist ein Problem. Vor allem, weil diejenigen, die noch übrig bleiben, auch bei den nächsten Karriereschritten oft Steine in den Weg gelegt bekommen, die vielen Männern gar nicht bewusst sind.

Jungs hängen mit Jungs rum: Thema Netzwerke

Natascha Augustin ist eine führende Managerin beim Musikverlag Warner Chapell und hat erfolgreiche (männliche) Deutschrap-Acts unter Vertrag genommen wie Raf Camora oder Bonez MC. Bevor sie das machte, war sie dafür zuständig, Komponist*innen oder Autor*innen zu finden, die für andere Songs schreiben. Zum Beispiel für Christina Stürmer oder Helene Fischer. Ihr Problem: Oft schreiben Männer die Songs, die Sängerinnen dann singen. Sie hätte also gerne mehr weibliche Autor*innen gehabt, fand aber selten welche. Und das hängt auch damit zusammen, dass die meisten Entscheider in den Plattenfirmen – und auch im Musikjournalismus – Männer sind. Als Quereinsteigerin tat sie sich enorm schwer im Musikbusiness, denn die Netzwerke waren vor allem männlich, erzählte sie uns 2016.

"Jungs hängen mit Jungs ab, und Mädchen stören dabei. So ging’s mir oft. Und ich habe mich immer gefragt, wieso fragt mich eigentlich keiner, ob ich heute Abend mitgehe. Aber eine Frau mit elf Jungs – ist halt immer blöd."

Natascha Augustin, Senior Creative Director bei Warner Chapell

Heute sei das mit den Studiengängen in Popakademien ein bisschen besser geworden, gibt Natascha Augustin zu. "Die Frauen heute müssen sich nicht durch Trinkfestigkeit profilieren, sondern durch Know-how."

Das Problem, eine Minderheit zu sein – und damit exotisch

Know-how. Können. Talent. Nichts anderes wollen Frauen zeigen. Sie wollen als Künstlerinnen wahrgenommen werden. Und nicht als die Frau in einem Haufen Männer. Dass sie keinen Penis haben, hat schließlich nichts mit der Musik zu tun. Aber auch in diese Schublade werden sie gerne gesteckt, wie Ina Jedlicka, A&R-Managerin bei der Plattenfirma Sony Columbia erzählt.

"Bei uns im Label höre ich oft: Oh, noch ‘ne weibliche Singer-Songwriterin. Und ich denke mir: Fuck! Wir haben 20, 25 männliche Singer-Songwriter auf dem Roaster und niemand sagt was drüber."

Ina Jedlicka, A&R-Managerin bei Sony Columbia

Absurd, aber offenbar fallen die wenigen Frauen – als Frau – immer noch so auf, dass manche schon genervt auf sie reagieren.

Die Tamponfrage

Es ist natürlich ironisch gemeint, was Andrea von Gurr in einer Diskussionsveranstaltung von PULS sagt: "Wir finden’s natürlich auch schon geiler, ne Frau auf Tour dabeizuhaben, allein weil dann eine Person mehr da ist, die OBs hat." Manche im Publikum lachen bei diesem Satz. Aber möglicherweise trifft er ein Problem im Kern. Denn auch an und in Konzertlocations arbeiten vor allem Männer. Die denken an gewisse Dinge einfach nicht. Und wer mal mit einer versifften Backstagetoilette das Vergnügen hatte, weiß, dass sich gewisse Dinge noch ändern müssten, um auch für Frauen den Aufenthalt hinter einer Bühne cool zu gestalten. Damit sich Künstlerinnen irgendwann auch nicht mehr den Satz anhören müssen, den das weibliche Techno-Duo Violent Blondes von einem Label in einem Vorstellungsgespräch zu hören bekam: "Ihr könnt doch nicht auf Tour gehen, wenn Ihr die Periode habt."

Frauen auf der Bühne = mehr Frauen auf der Bühne

Fakt ist: Frauen, die selbständig Popmusik machen, müssen sich immer noch härter durchsetzen als Männer. Das liegt auch an Vorbildern, die zeigen: Frau kann Popmusik zum Beruf machen, ihre Effektgeräte selbst richtig verkabeln und auch richtig Krach machen. Doch das Problem wird sich erst langsam auswachsen, denn junge Frauen haben viel weniger von dem, was Männer seit Elvis Presley haben: Musikerinnen als Vorbild. Mehr Frauen auf der Bühne führen zu mehr Frauen auf der Bühne. Und irgendwann könnten dann die ganzen negativen Erlebnisse im Ordner "Popgeschichte" abgelegt werden.