Balbina im Interview "Für Haus-Maus-Klaus-Reime hätten sie mich im Royal Bunker mit Pizzastücken beworfen"

Ihr neues Album heißt "Fragen über Fragen". Für PULS beantwortet sie einige davon: Sängerin Balbina hat die Anfänge des Deutsch-Raps in Berlin erlebt und macht heute bezaubernde, kitschfreie Kunstlieder auf Deutsch. Keine Pointe!

Author: Malte Borgmann

Published at: 21-2-2017 | Archiv

Balbina | Bild: Maximilian Fesl

Als Kind sang sie Whitney Houston-Songs, als Jugendliche trieb sie sich mit den Gangster-Rappern des legendären Berliner Royal Bunkers herum. Jetzt veröffentlicht Balbina ihr drittes Studioalbum. Nach "Über das Grübeln" ist ihr mit der neuen Platte "Fragen über Fragen" ein Monolith deutscher Liedkunst gelungen. Selten klang die deutsche Sprache so seltsam, so spielerisch leicht.

PULS: "Frage über Fragen" heißt dein neues Album - der Titeltrack spielt das kindliche Warum-Spiel. Hast du deine Eltern damit früher auch in den Wahnsinn getrieben?

Balbina: Ich glaube, ja. Ich war eins dieser Kinder, das ständig mit dem Finger auf irgendetwas gezeigt und gefragt hat: "Warum? Weshalb? Wieso?" Ich mochte es auch immer selbst zu forschen. Das kann für die Eltern auch sehr anstrengend sein, wenn sie nach Hause kommen und die ganze Wohnung wieder auf den Kopf gestellt ist, weil ich versucht habe, irgendwas nachzuschlagen oder Topfpflanzen zu konservieren. So ein Kind war ich.

Du fragst in deinen Texten gerne nach einen Warum. Es geht oft um sehr banale Gegenstände, die sehr direkt benannt werden und Sprachspielereien, die sehr kindlich wirken. Sind kindliche Wahrnehmungswelten wichtig für dein Schaffen?

Absolut. Ich finde allgemein das Banale und das Simple sehr relevant. Ich suche Wahrheiten nicht in verschachtelten, komplizierten Inhalten, sondern im Alltäglichen Hinweise auf das Warum. Mich faszinieren sehr einfache Sachen: Zum Beispiel die Schwerkraft und warum wir hier gerade stehen können. Oder, dass wir, wenn wir stolpern auf die Nase fliegen. Das ist für jemand anderen etwas völlig Normales, aber für mich ist allein der Zusammenhang, dass wir exisiteren, das wir laufen, das wir dank unserer Muskelkraft unsere Gliedmaßen bewegen können, wahnsinnig spannend. Ich beleuchte gerne Gegenstände, organische Dinge, organische Abläufe - weil ich finde, die geben als kleinster gemeinsamer Nenner einfach viel Preis, was auf große Lebensfragen ausgeweitet werden kann.

Ich betrachte die Welt mit Kinderaugen. Ich nehme nichts als Selbstverständlich. Auch jetzt habe ich gerade Kaffee hier verschüttet. Dann ist da ein Fleck und den kann man mit einem Lappen wegmachen. Aber ich frage mich eben, wenn ich so einen Fleck einfach wegmachen kann, geht das mit Fehlern, die man im Leben gemacht hat, auch so? Kann man die auch einfach wegwischen? Das ist meine Herangehensweise.

Ist das nicht anstrengend, solche Assoziationsketten immer um sich zu haben?

Ich kann mitlerweile sehr gut damit umgehen. Ich bin 34 alt und nehme das heute eher als spielerische Art meine Gedanken zu ordnen. Aber früher, bis zum Teenager-Alter, hatte ich auch häufig das Problem, dass in meinen Schulzeugnissen stand, dass ich sehr abgelenkt und mit meinen Gedanken woanders bin. Man muss da schon aufpassen, dass man nicht in Gedanken lebt und ständig gegen Laternen läuft. Deswegen ist es wichtig, Dinge zu begreifen - aber auch wichtig im Hier und Jetzt zu leben. Das habe ich mit den Jahren gelernt. 

Im Gymnaisum warst du, wie du sagtest, eine Außenseiterin. Heute stehst du sehr exponiert auf den Bühnen des Landes. Woher kommt diese Wandlung?

Was ich tue und was ich entwickle, kommt ganz natürlich aus mir heraus. Ich habe dieses unbedingte Verlangen, Dinge zu gestalten und darzustellen mit Worten, in Musik, Text oder Bild. Bei mir ist das alles Kostüm und Kulisse und gehört zu meiner musikalischen Aufführung. Ganz privat hat sich da nicht so viel geändert. Wenn ich keinen Auftritt habe, bei dem ich etwas präsentieren möchte, bin ich sehr zurückhaltend. Ich versuche etwas zu inszenieren, ich möchte dem Publikum meine Lieder so schön wie möglich darstellen. 

Wie gehst du bei der Visualisierung vor?

Ich brainstorme nie. Ich kriege die Ideen einfach. Dann versuche ich sie umzusetzen. Manche Ideen lassen sich aber nicht umsetzen, weil es nicht möglich ist oder ich kein Budget dafür habe. Für die meisten Lieder habe ich aber immer direkt auch Umsetzungsideen. Das kommt ganz automatisch. Man stellt sich Künstler ja oft so vor: Die sitzen an einem Tisch und denken und grübeln und warten auf die Inspiration. So ist das bei mir nicht. Ich habe einfach sehr viele Ideen.

Du bist mit Deutsch-Rap musikalisch sozialisiert worden. Findet sich das auch heute noch in deiner Art zu texten und zu singen?

Wenn man sich meinen Gesang anhört, habe ich sehr verschachtelte und ausführliche Texte mit jeder Menge Wortbildern und Mehrfachreimen. So klingt das für viele Leute sehr vollgetextet, sehr dicht. Das hat sich über die Jahre aus dem Rap für mich herausgebildet. Es ist befreiend, dass ich die Struktur des Textes so kompliziert machen kann, wie ich will, und mich nicht auf Pop-Struktur einlassen muss. Pop-Strukturen leben viel von Phrasen, von "Ach, Liebe .. hier und da" und Haus-Maus-Klaus-Reimen - das ist für mich kein Thema. Ich bin durch die Rap-Schule gegangen und hätte ich einen Haus-Maus-Klaus-Reim im Royal Bunker damals gemacht, hätten mich alle mit Pizzastücken beworfen.