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Ruhmeshalle Wilco - Summerteeth

Die Musik der US-Band Wilco transportiert pure Intensität und tiefe Melancholie. Am vollkommensten vielleicht auf dem Album "Summerteeth", einem der bestgehüteten Geheimtipps der 90er Jahre.

Stand: 23.04.2009 | Archiv

Wilco-Sänger Jeff Tweedy | Bild: picture-alliance/dpa

"Letzte Nacht hab ich wieder davon geträumt, dich umzubringen und es hat sich ganz ok angefühlt", singt Jeff Tweedy in "Via Chicago" ganz beiläufig zu einer denkbar unschuldigen Melodie. Trotzdem ist nach wenigen Sekunden klar: Die heile Welt wird man bei Wilco vergeblich suchen. Denn wer diese Stimme hört, wird sie nicht so schnell vergessen: Zerbrechlich, aber weit entfernt von inszeniertem Selbstmitleid. Man spürt, hier singt einer, der es absolut ernst meint: von der Liebe tief enttäuscht, vom Leben schwer gezeichnet.

Auf den Spuren der Beatles

Als Jeff Tweedy und seine Band Wilco im Herbst 1998 ihr drittes Album "Summerteeth" aufnehmen, leidet Sänger und Hauptsongschreiber Jeff Tweedy bereits seit Jahren an schwerer Migräne und Depressionen. Doch gerade aus Schmerz entsteht ja manchmal große Kunst. Für diese These stehen Wilco als leuchtendes Beispiel.

Wilco: "Summerteeth" | Bild: Warner Music

"Summerteeth" wirkt wie ein riesiger Befreiungsschlag, ein Manifest des zeitlosen Songwritings, souverän abgekoppelt von jeglichen Trends seiner Entstehungszeit – nicht selten ein Markenzeichen der Platten für die Ewigkeit. Das Album hätte genauso gut in den 70er Jahren erscheinen können.

Die Country-Wurzeln schimmern durch, die sperrig-experimentellen Passagen sind jedoch deutlich zurückgefahren. Ganz im Gegenteil: Wilco überraschen mit erfrischendem Popappeal. Herzerweichender Harmoniegesang, teilweise verdammt dicht auf den Spuren der Beatles. Dazu passend produzieren Wilco "Summerteeth" weitgehend analog. In ihrem Chicagoer Loft-Studio stapelt sich das Retro-Equipment bis unter die Decke.

Zwischen Melancholie und Lässigkeit

Die Songs klingen angenehm warm und reduziert aufs Wesentliche. Oft genügen Gesang und Akustik-Gitarre. Klavier und Vintage-Synthesizer setzen hier und da dezente Farbtupfer, doch im Zentrum bleibt immer die Stimme Jeff Tweedys, schwer melancholisch und gleichzeitig extrem lässig.

Warum dieses Album bis heute einer der bestgehüteten Geheimtipps der 90er Jahre geblieben ist, bleibt ein Rätsel. Die Auserwählten jedoch, die Wilco für sich entdeckt haben, wissen nur zu genau, was sie an dieser Band haben und worin ihr simples Geheimnis liegt: Brillante Songs, vorgetragen mit ungefilterter, beinahe schmerzhafter Intensität.

Prominente Verehrer

Trotz aller Brillanz ist "Summerteeth" nur die Spitze eines wunderschönen Eisbergs. Seit über 15 Jahren liefern Wilco regelmäßig großartige Alben ab. Bemerkt hat das – im Gegensatz zu den USA, wo Wilco Stadien füllen - nur ein kleiner Kreis von Kennern und Musik-Intellektuellen.

Das mag damit zu tun haben, dass die Band aus Chicago den gängigen Spielregeln des Musikbetriebs nicht folgt. Keine Hitsingles, stattdessen teils zehnminütige Song-Ungetüme. Dass Wilco bei ihrer Musik keinerlei Kompromisse machen, bekam sogar die eigene Plattenfirma zu spüren. Den Nachfolger zu "Summerteeth" wollte Warner Music nicht veröffentlichen - zu sperrig und unkommerziell, hieß es dort. Ein Jahr kämpften Wilco um ihr "Yankee Hotel Foxtrot", am Ende akzeptierte Warner das Album zähneknirschend zu den Konditionen der Band.

Schon lange vor Wilco stellte Jeff Tweedy wichtige Weichen in der US-Musiklandschaft. Mit der Band Uncle Tupelo zählen er und Jay Farrar zu den Geburtshelfern eines bis heute quicklebendigen Babys namens "Americana" oder wahlweise "Alternative Country". Heutige Stars der Szene wie Conor Oberst oder Ryan Adams dürften bei Wilco ziemlich genau hingehört haben, bevor sie selbst zu den Gitarren griffen. Und sie sind nicht die einzigen prominenten Wilco-Fans. Nach dem Wahlsieg Barack Obamas spielten Wilco auf einer der Siegesfeiern in Chicago und der frischgebackene US-Präsident ließ verlauten: Selbstverständlich habe er einige Wilco-Songs auf seinem iPod.


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