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Ruhmeshalle The Flaming Lips - The Soft Bulletin

Ihr Experimental-Album floppt, das Label macht Stress und der kreative Kopf ist auf Heroin. Dann kommt das neunte Studioalbum der Flaming Lips: "The Soft Bulletin" und plötzlich wird alles anders...

Von: Florian Kreier

Stand: 04.05.2012 | Archiv

The Flaming Lips  | Bild: Warner

Springen wir zurück ins Jahr 1996. Der Flaming Lips Gitarrist Ronald Jones ist gerade wegen psychischer Probleme ausgestiegen. Er hinterlässt ein großes Loch. Denn sein Gitarrensound war zum Markenzeichen der Band geworden. Für Sänger Wayne Coyne ist das die Gelegenheit sich vom Rocksound zu befreien. Statt einen neuen Gitarristen zu suchen, beschließt die Band also ganz auf Gitarren zu verzichten und schlägt eine neue Richtung ein: eine Art Disney-Soundtrack-Richtung, voller absurder Klangexperimente.

Eine Studiosession für zwei Alben

The Flaming Lips – The Soft Bulletin (Cover)

Aus den abgefahrensten Soundexperimenten entsteht die Idee für ihr nächstes Album "Zaireeka": vier CDs mit vier unterschiedlichen Sound-Spuren, die auf vier CD-Playern abgespielt werden. Die Band ist begeistert und bucht ein Studio. Die Plattenfirma ist entsetzt und stellt eine Bedingung: Wenn die Flaming Lips dieses Album machen wollen, müssen sie mit demselben Budget noch eins machen. Eines, das sich dann auch verkaufen lässt. Im Studio werden also zwei Alben parallel produziert. Das Experimental-Album Zaireeka und noch eine Platte. Die wird schließlich nach einem Tape benannt, das Coyne aus Aufnahmeschnipseln gebastelt hatte: "The Soft Bullet In".

No guitars for a couple of weeks

Das Motto der Aufnahmen ist: "no guitars for a couple of songs". Die Songwriter Drozd und Coyne widmen sich vor allem Synthesizern, Effektgeräten und Tape-Recordern. Coyne sagt später: "Wenn mich jemand gefragt hätte, welches Instrument ich gespielt habe, dann wär meine Antwort: Das ganze Studio." So entstehen einerseits abgefahrenste Klangwolken, die später auf der Platte "Zaireeka" landen. Andererseits schreibt die Band wie zum Ausgleich fast straighte Popsongs. So straight, wie die Flaming Lips eben sein können.

Aus Experimentalrock wird Disney-Pop-Art

The Soft Bulletin unterscheidet sich nicht nur durch viele elektronische Sounds und eingängigere Melodien von den Vorgängeralben. Auch Coynes Texte haben sich verändert. Anstatt dadaistisch-abstrakter Lyrics, geht es mehr um persönliche Erfahrungen. Sein Vater stirbt in der Zeit an Krebs, die Heroinsucht von Drummer Drozd führt fast zur Amputation seines Arms, und Bassist Michael Ivins überlebt einen schweren Autounfall. Diese drei Geschichten fließen zum Beispiel in den "Spiderbite Song" ein.

Als die Flaming Lips die Aufnahmen für "The Soft Bulletin" beenden, ist "Zaireeka" bereits gefloppt. Der Druck von Seiten der Plattenfirma nimmt zu. Die Stimmung innerhalb der Band ist mies. Es fühlt sich wie ihr letztes Album an. Im sechzehnten Jahr der Bandgeschichte ist das Kapitel verschrobener Experimentalrock also offensichtlich beendet. Aber wie so oft ist das Ende einer Sache nur der Anfang einer neuen. Denn "The Soft Bulletin" wird von sämtlichen Musikmagazinen in den Himmel gelobt. Auch die Verkaufszahlen passen. The Flaming Lips beschließen die 90er mit einem popmusikalischen Feuerwerk. Und dabei hätte es dieses Album beinahe nicht gegeben.


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