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Ruhmeshalle Elvis Presley - Elvis Presley

Es gibt Elvis, das Klischee. Und es gibt Elvis Presley, den Künstler. Dass das Klischee bis heute den Künstler überstrahlt, ist eine Tatsache, mit der wir zu leben gelernt haben. Dabei müsste man sich nur Elvis' erste Platte aus dem Jahr 1956 anhören, um es besser zu wissen.

Von: Michael Wopperer

Stand: 09.12.2011 | Archiv

Elvis Presley in jungen Jahren | Bild: Sony Music

Jedes Mal, wenn man "Elvis" sagt, bedient man doch eigentlich nur ein Klischee. Wir haben das einfach ein paar Mal zu oft reingepresst bekommen: Die rotierenden Hüften, die patentierte Haartolle, Graceland, "The King of Rock'n'Roll". Das ist alles längst eine kommerzielle Marke, mit Kunst hat das nicht viel zu tun. Für meine Generation ist Elvis der Typ in dem idiotischen Glitzerkostüm. Der Typ, der Las Vegas bespaßt. Anders als ironisch kann man das gar nicht goutieren. Dachte ich mir jahrelang. Aber dann hab ich mich doch mal aufgerafft und mir das Debütalbum von Elvis Presley aus dem Jahr 1956 angehört. Und ganz schnell haben sich die ganzen abgedroschenen Klischees in Luft aufgelöst.

1956 war Elvis noch keine Marke, sondern ein junger, unfassbar talentierter Künstler, der brennt für das, was er tut. Und der - ohne zu ahnen, was er damit anrichtet - sich einfach in diese Musik reinstürzt, die man gerade angefangen hat, Rock'n'Roll zu nennen.

Der erste Hype der Popgeschichte

Elvis Presley - Elvis Presley (Cover)

Elvis Presley ist gerade mal 21, als er sein erstes Album aufnimmt. Ein junger Kerl aus Mississippi, der in Memphis ein paar Singles beim Label Sun Records veröffentlicht und mit explosivem Rockabilly für das gesorgt hat, was man heute Buzz nennen würde. Am Beginn des ersten echten Hypes der Popgeschichte manifestiert sich auf dem Album "Elvis Presley" dieses musikalische Erdbeben in zwölf unglaublich präsenten Songs: mal cool und lasziv, mal frenetisch, immer charismatisch - aber ohne dieses Charisma schon billig auszuschlachten.

Elvis ist kein Songautor, kein großer Musiker - er ist Performer. Und als Performer ist er bis heute ungeschlagen. Sein Debüt klingt immer noch erstaunlich frisch, die minimalistische Instrumentierung hat nichts altbackenes, nichts aufgeplustertes, und Presley ist ein umwerfender Sänger, der alles, was später zum Manierismus wurde, hier gerade erst erfindet. Ihm dabei zuzuhören, ist ein unbezahlbares Vergnügen.

This is Rock'n'Roll

Die Popmusik beginnt genau hier: 1956, mit diesem jungen Elvis Presley, der Blues, Country und Gospel in sich aufsaugt und in bissigen, aufreizenden Rock'n'Roll verwandelt. Der schlagartig einen Mainstream elektrisiert, in dem es vorher nur Schlager gegeben hat. Dass ihn das schneller als geplant zu einer abstrakten Kommerzmarke gemacht hat, deren künstlerischen Wert man heute fast schon mit der Lupe suchen muss - das hat Elvis auch selbst verbockt, mit schlechten Platten, unsäglichen Filmen und seltsamen Gossipgeschichten. Es ist eben ein schmaler Grat zwischen Ikone und Karikatur. Elvis Presley ist beides zu schnell geworden. Den Künstler hinter dem Klischee zu entdecken - das ist die wahre Herausforderung. Das Album "Elvis Presley" zu hören, könnte schon mal ein Anfang sein.


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