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Drangsal im Interview "Hintenrum zerreißt sich die Indieszene das Maul"

Vorband bei Kraftklub, BFF mit Sizarr und jetzt das Album: Drangsal aus der Pfalz ist der Hype der Stunde. Warum er keine Scheu vor der BILD hat und am liebsten mit Leuten aus seinem Dorf abhängt, erzählt er im Interview.

Von: Malte Borgmann

Stand: 02.05.2016 | Archiv

Drangsal | Bild: Jim Rakete

Max Gruber alias Drangsal sagen wir schon eine große Zukunft voraus, seit er letztes Jahr zum ersten Mal als Vorband von Kraftklub aufgefallen ist. Jetzt ist endlich sein Debütalbum da und hat es bis in die Feuilletons geschafft. Mit ein wenig Unterstützung: An "Harieschaim" hat auch Produzentenkollege Markus Ganter geschraubt, der schon Platten von Casper, Tocotronic und Dagobert hübsch gemacht hat. Außerdem singt Fabian von Sizarr mit - die übrigens aus dem übernächsten Pfälzer Kaff kommen. Höchste Zeit für ein Update von Drangsal selbst also - über die langweilige Indieszene, Interviews mit der BILD und wieso er auch in der Großstadt am liebsten mit seinen Kumpels aus dem Dorf abhängt.

PULS: Gerade reden alle über dich. Wie schätzt du deine eigene Halbwertszeit als Popstar ein?

Dieses Hype-Ding - dass man auf den Covern ist und überall hin eingeladen wird - wird abflauen. Weil das normal ist. Weil irgendwas Neues einen verdrängt. Aber ich wünsche mir musikalisch Langlebigkeit. Gerade stehen die Zeichen dafür glaub ich ganz okay.

Erst David Bowie, dann auch noch Prince. In den letzten Monaten hat die Musikwelt viele ihrer Größen verloren. Welcher verstorbene Musiker hat dich in ein Trauma versetzt? 

Bei Lemmy Kilmister hab ich geheult. Ich war mit Christoph Kuhn, dem Schlagzeuger der Drangsal-Liveband, spät abends noch in einer Kneipe in Landau - im "Memphis" - und wir haben die ganze Zeit den Barkeeper genervt, er solle doch endlich einen Motörhead-Song spielen. Auf einmal hat Christophs Handy geklingelt. Er ist drangegangen, hat nur kurz den Kopf geschüttelt und aufgelegt. Da wusste ich irgendwie schon, was passiert ist und meinte: "Sag’s nicht, sag’s einfach nicht!" Und er nur so: "Lemmy ist tot." Dann haben wir beide geheult. Und dann eine Mülltonne angezündet.

Ihr habt euch den Song also gewünscht, bevor ihr es wusstet? Das ist ein bisschen unheimlich...

Ja, total komisch. Aber wir haben uns eigentlich immer Motörhead gewünscht. Irgendwann musste es ja passieren.

Du beschwerst dich ja gerne mal, dass die Indieszene zu brav ist. Woher meinst du kommt das?

Ich weiß es nicht. Vielleicht gab es irgendwann mal zu viel Stress. Es ist ja auch nicht alles brav - wir haben Human Abfall, wir haben Karies, wir haben Die Nerven… die machen schon ordentlich Radau und das ist auch gut so. Ich mache musikalisch nicht so viel Radau wie die, aber ich hab ein großes Maul. Fler und Kollegah verkaufen ja auch viele Alben, weil die Fans entertaining finden, dass sie immer gegeneinander wettern. Warum sind in der Indie-Szene alle immer so "Hallo, Partner, dankeschön"?

Vielleicht, weil die Szene einfach zu klein ist und sich alle kennen?

Die Wahrheit ist doch, dass sich hinter dem Rücken doch alle übereinander das Maul zerreißen, auch wenn sie vorne rum alle total cool miteinander sind. Keiner hat den Mumm, es mal vor allen anderen zu tun. Ich hab damit aber einfach kein Problem. Das klingt jetzt, wie ne Drohung, oder? (lacht)

Du hast ja auch wenig Berührungsängste, was Medien angeht, um die andere Indie-Leute einen Bogen machen. Stichwort: BILD-Zeitung...

Nee, Berührungsängste kenne ich nicht. Was wollen die denn machen?

Je näher man die an sich ranlässt, desto näher sind sie dann vielleicht auch an dir dran, wenn es gerade mal nicht so gut läuft…

So hab ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Aber ich glaube, die Gefahr besteht nicht. Natürlich weiß ich trotzdem, was für eine Zeitung das ist und ich habe die Günter-Walraff-Bücher damals auch gelesen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer - aber es gibt auch Feuerschlucker und -spucker, die wissen, wie man damit umgeht. Hand aufs Herz: Für die bin ich halt auch nur interessant, wenn ich mit Jenny Elvers rummache. Sobald sich die Lippen voneinader lösen, löst sich auch die BILD-Zeitung von Drangsal wieder.

Du hast gerade schon über Landau gesprochen. Das ist ja auch die Ecke, wo Sizarr herkommen, ihr kennt euch auch. Man kann sich aber nicht wirklich vorstellen, dass ihr da ganz unglamourös zusammen im Jugendzentrum abgehingt. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Das war tatsächlich ganz unspektakulär. Marc Übel, der Schlagzeuger von Sizarr, hat mir bei Facebook geschrieben, weil er gesehen hat, dass wir einen ähnlichen Musikgeschmack haben. Dann haben wir angefangen, zusammen rumzuhängen und Youtube-Videos zu gucken. Durch ihn habe ich auch noch Fabian und Philipp kennengelernt. Mit Fabi hab ich später in Leipzig zusammen gewohnt. Jetzt wohnen wir beide in Berlin und wir sehen uns eigentlich jede Woche. Auch wenn die Leute glauben, dass da ein Marketingplan dahinter steckt - ich bin keine Kunstfigur, ich war auch auf dem Dorf schon so.

Du hast also mit Fabi in Leipzig zusammengewohnt, jetzt hängt ihr in Berlin ab. Egal wo man hin zieht, irgendwie hängt man dann doch immer mit den gleichen drei Gestalten von zu Hause rum, oder?

Total, das ist schlimm! Ich wohne mit einem Freund aus Herxheim und einem aus Godramstein in einer WG in Schöneberg. Gegenüber von anderen Leuten aus Herxheim. Aber es ist auch schön, ein Stück Heimat in der Großstadt zu haben. Wir sind verbrüdert, wie eine kleine Familie, der es egal ist, wie ich aussehe oder ob ich geduscht habe. Man fühlt sich nie einsam und das tut mir persönlich sehr gut. Ja, man hängt immer mit den gleichen Leuten ab - aber nur, weil man die halt einfach so liebt.

Durch Sizarr hast du auch ihren Produzenten Markus Ganter kennengelernt, der damals mit Casper an "Hinterland" gearbeitet hat. Du hast relativ lange an ihn hingearbeitet, dass er mit dir aufnimmt. Wie hast du ihn so weit gebracht?

Als ich ihn vor Jahren das erste Mal gefragt habe, ob wir nicht auch mal was aufnehmen wollen, meinte er nur: "Nö." Ich hab ihm trotzdem immer wieder Songs geschickt, wir haben uns besser kennen gelernt und er hat schon sehr früh etwas in mir gesehen. Aber er wusste auch, dass ich noch viel Zeit brauche. Er hat mir immer wieder gesagt: "Nein, du bist noch nicht so weit und auch die Mucke ist noch nicht so weit." Bei ihm bin ich durch eine harte Schule gegangen, dreieinhalb Jahre lang.

"Harieschaim" - so hat man deine Heimatstadt Herxheim im Mittelalter genannt und so heißt auch dein Album. Der Name ist bei dir ziemlich positiv besetzt.

Das Cover von "Harieschaim"

Teils, teils. Ich hatte immer einen positiven Eindruck von Herxheim und dachte, da gäbe es nichts Böses. Dann, als ich schon lange in Berlin bewohnt hab, brannten Ende letzten Jahres doch die geplanten Flüchtlingsunterkünfte und die AfD hatte eine relativ hohe Prozentzahl. Das fand ich voll ätzend. Seitdem ist mein Eindruck von Herxheim getrübt.

Vorne im Booklet zu deinem Album steht übersetzt: "Drangsal präsentiert voller Scham den klanglichen Minderwertigkeitskomplex, den man bald als Harieschaim kennen wird." Was soll das bitte bedeuten? Schämst du dich manchmal für Dinge?

Ja, für mich selbst. Manchmal bin ich ein richtiger Kotzbrocken und denke mir: "Man was hast du denn wieder für 'ne Scheiße gelabert? Andere sind so viel besser als du." Sich in die Öffentlichkeit zu stellen und bejubelt werden zu wollen, macht man immer auch aus einem gewissen Minderweitigkeitskomplex heraus. Klar, auch wegen der Liebe zur Musik - aber eben auch, weil ich mich immer wie ein Aussätziger gefühlt habe.

Deine Platte ist relativ düster, in deinen Texten geht es oft um Gewalt.

Jeder hat doch diese Aggressionsfantasien wenn er mal kurz böse auf jemanden ist und sich denkt: "Den könnte ich jetzt erwürgen." Aber die Contenance verlangt, dass man sich benimmt und den Leuten ihr Leben lässt. Musik ist einfach ein geiles Mittel um die dunkelsten Dinge, die man eigentlich nicht sagen darf, auszudrücken und damit die Leute auch noch zum Tanzen zu bringen. Man nimmt ganz viel Unmut - und hinten kommt einer schöner Song dabei raus.


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