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Neue bayerische Volxmusik Innovation trifft Tradition

Bayerische Volksmusik geht seit einiger Zeit extrem steil: Schlachthofbronx spielen im Münchner Hofbräuhaus, Blumentopf nehmen Tracks mit einer Blaskapelle auf. Experimente mit traditionellen Klängen sind längst keine Seltenheit mehr.

Von: Laury Reichart

Stand: 10.07.2012 | Archiv

neue bayerische Volxmusik | Bild: Montage: BR

Vor kurzem hätte so etwas vermutlich noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden: ein Festival für alpenländischen Pop. Aber die Zeiten ändern sich. Und das ist gut so.

Im Juli 2011 fand im oberbayerischen Tegernsee die "Night Of The Alps" statt. Drei Tage lang trafen klassische Volksmusikgruppen wie die Tegernseer Tanzlmusi auf neue Volksmusik abseits von lokalen Bindungen wie die von G.Rag und die Landlergschwister, und auf aktuelle Chartsbands mit Alpenflair wie Claudia Koreck und HMBC.

Eine wilde Mischung, die aber durchaus widerspiegelt, wie unterschiedlich "bayerische Kultur und Identität" dieser Tage interpretiert wird. Denn eines ist sicher: Bayerische Kultur findet nicht mehr nur in Trachtenvereinen und Dorfschenken statt. "Seit kurzem interessiert sich eben auch der trendbewusste Stadtmensch dafür."

Dieses Zitat findet sich auf der MySpace-Seite der großartigen Oberammergauer Band Kofelgschroa, und damit ist schon eine ganze Menge gesagt. Denn Volksmusik ist natürlich nichts Neues. Sie war schon immer da. Und sie war schon immer "cool" oder "uncool" – je nachdem. Der einzige Unterschied: Bayern ist seit einiger Zeit wieder salonfähig in der Popkultur.

Doch der Reihe nach: Was vor wenigen Jahren noch ausschließlich in Trachtenvereinen, Musikschulen und Boazn funktioniert hat und die Musik der Großeltern war, funktioniert mittlerweile auch in Clubs.

Schlachthofbronx beispielsweise sind derzeit Münchens international erfolgreichster Musikexport. Ihre EP "Nasty Bass" wurde auf dem renommierten Label Mad Decent von Diplo veröffentlicht, sie waren mit M.I.A. auf Tour und mischen Wochenende für Wochenende Clubs rund um den Globus auf. Von Anfang an haben sie bayerische Blasmusik in ihren Ghettorave gemischt.

Wieso auch nicht? Knallt eben. Und das nicht weniger als Cumbia, Merengue oder sonstige zum Tanzen gemachte Volksmusik auf der ganzen Welt. Wer auf der historischen Wiesn im Oktober 2010 erlebt hat, wie "normales" Bierzeltpublikum, Urbayern in Tracht und typische Clubkids nebeneinander auf den Bierbänken getanzt haben, bekam spätestens dann das Gefühl: Hier haben ein paar Menschen verstanden, dass Bayern nicht der CSU, nicht den Bierdimpfeln und nicht den Touristen allein gehört.

Aber nicht nur im Club, auch im "normalen" Pop geht die bayerische Volksmusik steil. LaBrassBanda aus dem Chiemgau zum Beispiel. Vor drei Jahren waren sie noch ein Geheimtipp, nun locken die Chefbläser sehr viele Fans in die Konzerthallen in ganz Europa. Mit ihrer Mischung aus bayerischer Blasmusik, Balkanbrass und Pop haben sie schon die Münchner Olympiahalle gefüllt.

Auch die Münchner HipHopper von Blumentopf haben mittlerweile die Tanzbarkeit von Blasmusik entdeckt. Für ihre EP "Fenster zum Berg" haben sie sich mit der Blaskapelle Münsing zusammengetan und im on3-Studio Blasmusikversionen einige Songs aufgenommen. "Blasmusik hat live eben eine wahnsinnige Power", sagt Rapper Holunder und meint weiter: "Die bläst dich halt einfach um".

Warum ist da vorher nie jemand draufgekommen? Es könnte daran liegen, dass die Marke "Bayern" boomt. Und das bei weitem nicht allein in der Musik. Alpenländische Popkultur ist überall. Sie wird in Lifestyle-Läden verkauft, auf T-Shirts gedruckt und in Flaschen abgefüllt. Und wie immer, wenn Kommerz auf (Heimat-)Kultur trifft, kommt man auch hier meist nicht über ausgelutschte Stereotypen hinaus: Gamsbart, Dirndl, Brezn, Enzian, Geweih, dazu noch ein bisschen Fensterln und gegebenenfalls Schnackseln – Bayernklischees eben, von Nicht-Bayern aufgebracht, von geschäftstüchtigen Bayern dankend weiterverbreitet und als "neue Lockerheit im Umgang mit der eigenen Heimat" verklärt.

Doch ist der Grat zwischen einem authentischen Umgang mit bayerischer Herkunft und Kultur, zwischen einem coolen "Reclaim Bavaria" und dumpfer Heimatverklärung, ein sehr schmaler. "Wos isn jetz wirklich Bayerisch?" lautete deswegen schon 2009 eine der Fragen beim on3-Heimatabend, unserem Versuch, dem neuen Heimatgefühl auf die Spur zu kommen.

Antworten darauf könnte MUH geben, ein neues Magazin aus dem Chiemgau, das sich mit "bayerischen Aspekten" beschäftigt. Dass es in Bayern ein neues Bewusstsein für Heimat gibt, glauben nämlich auch Nicole Kling und Josef Winkler, die Macher von MUH.

"Dieses neue Heimatgefühl ist ein wenig diffus und der Begriff Heimat ja auch problematisch belegt", fasst Josef zusammen. "Wir nehmen Themen auf, die sich mit diesem neuen Heimatgefühl erst ergeben haben. Über Bayern gibt es einfach sehr viel zu erzählen." Und zu reflektieren. Wo beginnt der Kitsch? Wo die Verklärung? Wo spielt man Lokalpatrioten und Heimatschützern in die Hände, nur weil man sich neuerdings allzu "locker" macht, wenn es um ein neues Heimatgefühl geht? Musiker wie Schlachthofbronx und Doppel D, Autoren wie Maximilian Dorner oder die Macher des MUH-Magazins zeigen, dass man Bayer sein kann, ohne Stereotypen zu füttern und dass ein "cooler Bayer" vor allem eins kann: über den Weißwurschtäquator hinausblicken.


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