Lieber Jan Böhmermann... Warum Kollegah als Nächstes "Eier aus Stahl" verdient hätte

Ob als Jim Pandzko oder als Xavier Naidoo-Double, Jan Böhmermann zieht mit seinen Diss-Videos regelmäßig deutsche Musiker durch den Dreck. PULS Autor Malte Borgmann hätte einen Vorschlag fürs nächste Mal: Böhmis Kumpel Kollegah.

Von: Malte Borgmann

Stand: 08.05.2017 | Archiv

Jan Böhmermann | Bild: picture-alliance/dpa

Lieber Jan,

in schöner Regelmäßigkeit attackierst du die deutsche Popindustrie und ihre Vertreter. Oder soll ich sagen: Du zerfickst sie nach allen Regeln der Kunst? Erst Campino und seinen schwer erträglichen BandAid-Ebola-Spenden-Kitsch. Dann Max Giesinger und die deutsche Schimpansen-Schlagerpophölle. Zuletzt Alumützenträger Xavier und seine (Huren)Söhne Mannheims mit ihrem „nicht antisemitischen Album Death To Israel“.

Wie immer war das bitterböse, gnadenlos, derb, überspitzt, aber treffend und mit Haltung. Wie so viele andere habe ich laut ge*lol*t und innerlich auf das Applausemoji gedrückt. Eine Frage aber hat gleichzeitig gewaltig an mir genagt: Was ist eigentlich mit Kollegah?

Kollegah war bereits mehrmals in deinen Sendungen zu Gast, er ist einer der erfolgreichsten Popstars Deutschlands. Außerdem hält er Chemtrails für wissenschaftlich erwiesen – die Evolutionstheorie dagegen für Unfug. Und hast du den Song "NWO" mal gehört?

"Präsidenten sind nur Marionetten, die wahren Leader / Zieh’n im Hintergrund die Fäden wie Harfenspieler / (…) / Die Gewalt nimmt ihren Lauf / Unter dem zufriedenen Blick des allsehenden Auges / NWO – Camouflage, Langstreckenraketen / Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten"

Kollegah in 'NWO'

Könnte auch ein SmashHit der Hurensöhne Mannheims sein, oder? Der gute Kolle scheint auf jeden Fall ebenfalls kein Freund des Puppenspiels zu sein. Oder hier, kleines Quiz: "Die Strippenzieher im Hintergrund haben ein Michael-Jackson-Best-Of veröffentlicht um meinen Charterfolg zu sabotieren." Und: "Wenn ich die Politik von Amerika kritisiere, bin ich doch auch kein Anti-Amerikaner oder hasse das Amerikanische Volk. Warum ist das denn nur mit Israel so?"

Wer hats gesagt? Xavier auf der Reichsbürger-Demo oder Kolle im TV-Straßensound-Interview?

Das war natürlich eine rhetorische Frage.

Aus dem Song "Fokus" von Kollegah stammt das folgende Zitat: "Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wände / Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen (…) Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht / Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem.“ Im Video zum Song sieht man bei diesen Zeilen Bilder des israelischen Grenzzauns. Entstanden sind die während Kolles Palästina-Reise, du erinnerst dich sicher: Letztes Jahr ist der Boss ja in den Nahen Osten geflogen, um sich vor Ort mal eben ein Bild davon zu machen, was da so schiefläuft. Er hat sich dabei filmen lassen. In der so entstandenen Dokumentation wird das Leid der palästinensischen Bevölkerung ausführlich geschildert, jeder darf sein Einzelschicksal dem betroffen nickenden Imperator erzählen – während  im ganzen abendfüllenden Film kein einziger Israeli zu Wort kommt. Der Staat Israel erscheint nur in Form von Wachtürmen, Mauern und bewaffneten Soldaten. Man muss deswegen nicht die große Antisemitismus-Keule unter dem Systemjournalistenschreibtisch hervorholen, aber man muss auch kein Nahost-Experte sein, um zu sehen, dass diese Art der Darstellung ziemlich einseitig und problematisch ist. Der Zentralrat der Juden erhob in der Folge jedenfalls Antisemitismus-Vorwürfe – allerdings auf formal ziemlich verpfuschte Art und Weise

Kollegah-Kuschelkurs?

Einige Tage nach Veröffentlichung seiner Doku war Kollegah dann als Gast ins Neo Magazin Royal geladen – und wurde von dir mit Samthandschuhen angefasst: Aktzeichnen mit Felix Blume, Karottenjokes auf den Nacken von Intimfeind Fler, Kumpelstimmung zwischen Kolle und Böhmi. Die brisanten Themen der Stunde wurden von dir mit großer Vorsicht und Zurückhaltung behandelt. Kein Spott, kaum kritische Nachfragen – dafür der Versuch der Vermittlung. Eine Gesprächsrunde wolltest du initiieren zwischen dem kontroversen Rapper und prominenten Juden in seinem Alter.

Ich war zwar etwas enttäuscht vom Kollegah-Kuschelkurs, fand die Idee aber letztlich doch ganz gut: Dialog und so, Fronten auflösen statt sie zu verhärten… Und die angeleierte Gesprächsrunde fand ja auch tatsächlich statt: Im Rahmen von Kollegahs großer Imperator-Tour. Im Backstage von Kollegah. Umringt von Kollegahs stiernackiger Entourage. Gefilmt und geschnitten von Kollegahs Hofberichterstatter. Man kann sich das ansehen – auf dem Youtube-Channel von Kollegah. Kudos an die Autorin Kat Kaufmann und den Satiriker Shahak Shapira, dass sie sich unter diesen Bedingungen zu einer Diskussion bereit erklärt haben. Immerhin, es wurde diskutiert. Kritisch und offen – z.B. über die israelische Siedlungspolitik und die Regierung Netanjahu. Kaufmann und Shapira haben dabei immer wieder betont, dass sie Kollegah nicht für einen Antisemiten halten. Auch wenn der heikle Dinge sagte wie: "Die Einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen seid ihr… Ihr Juden."

Wenige Tage später veröffentlicht Kollegah auf seinem Youtube-Channel dann einen TourVlog, in dem auch die Begegnung mit einem jungen Fan dokumentiert ist. Die beiden unterhalten sich über die Gesprächsrunde, und es kommt zu folgendem Dialog (ab 07:23):

Fan: "Ich hab mir gestern noch das angeguckt, was ihr gemacht habt, mit den, mit den…“
Kollegah (schmunzelnd): "Mit den zwei Juden da.“
Fan (lacht): "Ja, aber ich mein… Da kann man jetzt wieder hundert Jahre drüber diskutieren…  Aber immer wieder dieser Punkt: Wenn man sagt, ey, Zionisten sind nicht gleich Juden, und man hat nichts gegen Juden, dann sitzt er so da 'Ja, du bist Antisemit!‘ Und das ist so zum Kotzen! Das ist überall so, gerade in Deutschland."
Kollegah (nickt): "In Deutschland ist es am Allerschlimmsten. Die machen einen halt mundtot damit."

Ist das sein Ernst?!  

Du, Kat Kaufmann und Shahak Shapira nehmen Kollegah in Schutz. Zwei jüdische Personen des öffentlichen Lebens und eines der meinungsstärksten Aushängeschilder des öffentlich-rechtlichen Systemfernsehens  (*bussi*) sprechen ihn von Antisemitismus-Vorwürfen frei, die außer dem Zentralrat eh niemand geäußert hat – noch nicht mal Markus Staiger. Man sucht den Dialog mit ihm und bietet ihm ein Forum, trotz all der höchst fragwürdigen Dinge, die er tut und von sich gibt. Und Kollegah besitzt die Dreistigkeit, und faselt weiter davon, "die" würden ihn mundtot machen? (Wer auch immer "die" sein sollen?) Und impft diese Message weiter fröhlich seinen jungen Fans ein?

Macht dich das nicht wütend? Ich meine – Hurensöhne-Mannheims-Wütend? Fühlst du dich da nicht ein bisschen zum Steigbügelhalter gemacht?

Und wenn Kollegah das nächste Mal "aufklärerisch" aktiv wird – wäre es da nicht Zeit für eine neue Folge "Eier aus Stahl"?

Nur so 'ne Frage.

Sendung: Plattenbau ab 19 Uhr, 9. Mai 2017