Bayern 1 - Experten-Tipps


50

Was ist umweltfreundlicher? Plastik- oder Papiertüte

Plastiktüten sind praktisch, keine Frage. Sie ist leicht und reißfest. Die Papiertüte hingegen ist weniger stabil, dafür aber umweltfreundlich. Ist das wirklich so? Der Bayern 1-Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 03.03.2015

Illustration: Der Umweltkommissar zwischen einem Stapel Baumwolltaschen und Plastiktüten | Bild: BR/Tanja Begovic

Plastiktüten sind im Durchschnitt 25 Minuten lang in Gebrauch. Das bedeutet, sie werden gekauft, einmal verwendet und weggeworfen. Je nach Kunststoffsorte dauert es dann zwischen 100 und 500 Jahren, bis eine Plastiktüte sich zersetzt hat, wenn sie nicht recycelt wird.

Da sich die Umweltbilanz eines Gegenstands auch immer daran bemisst, wie oft dieser verwendet wird, ist das natürlich ökologischer Wahnsinn. Denn weltweit werden pro Minute eine Million Plastiktüten verwendet.

Auf 6,1 Milliarden Plastiktüten schätzt der Industrieverband Kunststoffverpackungen den jährlichen Verbrauch allein in Deutschland. Damit ist der Verbrauch seit dem Jahr 2000 in Deutschland um eine Milliarde gesunken. EU-weit werden 198 Plastiktüten jährlich pro Kopf verwendet.
Sogenannte 'Hemdchenbeutel' (Plastiktütchen z. B. an der Obsttheke) schlagen deutschlandweit mit 3,1 Milliarden zu Buche.
Insgesamt sind das 94.814 t Plastikmüll in Deutschland.

DARUM ist die Plastiktüte so beliebt:

  • Niedrige Herstellungskosten machen sie billig.
  • Die Produktion ist außerdem weniger energieintensiv und emissionsarm (im Vergleich zu anderen Behältnissen).
  • Die Plastiktüte ist leicht, reißfest und außerdem wasser- und chemikalienbeständig .
  • Außerdem ist sie leicht zu verarbeiten, lässt sich schweißen und ist grundsätzlich recycelbar.

ABER:

  • Jeder Deutsche verbraucht durchschnittlich pro Jahr etwa 76 Plastiktüten. 36 davon werden wiederverwendet, 40 nur einmal benutzt. Hemdchenbeutel schlagen mit 39 pro Person zu Buche.
  • Der Rohstoff ist Erdöl, also eine endliche Ressource.
  • Eine Plastiktüte braucht – je nach Material – Jahrhunderte, um zu verrotten.
  • Im Meer gelangt der zerriebene Plastikmüll in die Nahrungskette.

Vergleich mit Bioplastiktüten

Die BIO-Plastiktüte ist in modernen Kompostanlagen nicht mehr kompostierbar.

Theoretisch ist die BIOplastiktüte, laut Industrienorm 13432, zu 100 Prozent kompostierbar. Das bedeutet: Nach drei Monaten in einer industriellen Kompostierung dürfen höchstens zehn Prozent der Tütenreste größer als zwei Millimeter sein. Dann gibt es das Gütesiegel, einen Keimling. Aber die Norm ist leider veraltet. Denn moderne Anlagen brauchen nur noch drei bis vier Wochen, um aus Bioabfällen Humus zu machen. Da kann das Bioplastik nicht mithalten und es bleiben Tütenfetzen zurück. Diesen Humus will niemand haben. In den deutschen Kompostierwerken werden Biotüten daher genauso aussortiert wie PE-Tüten – und kommen in die Müllverbrennung.

Eine britische Studie kommt zu dem Schluss, dass Bioplastiktüten auch genau da hingehören. Nachdem der Energieverbrauch für die Herstellung des Maisdüngers und der CO2-Ausstoß aller Transporte für die Produktion miteingerechnet worden sind, konnten die Auswirkungen auf die globale Erwärmung , die Ozonschicht, das Grundwasser, die Böden und mehr erfasst werden. In allen Umweltauswirkungen schneidet die Müllverbrennung demnach besser als die Kompostierung ab oder zumindest gleich gut.

Wird die Biotüte verbrannt, dient sie wenigstens noch der Stromerzeugung. Außer Kohlendioxid, das auch während der Kompostierung freigesetzt wird, entstehen keine Schadstoffe. Doch egal ob Verbrennung oder Kompostierung, die meisten Umweltschäden verursachen die Herstellung der Materialien und die Produktion der Tüte.

Problematisch bei BIO-Plastiktüten ist der Maisanbau.

Nachteilig für Bioplastik ist vor allem der Maisanbau, darunter leiden die Böden und das Klima. In einer aktuellen Ökobilanz der englisch-walisischen Umweltbehörde steht es zwischen der Bio- und der PE-Tüte deshalb nur unentschieden. Selbst für das Problem der Vermüllung ist Bioplastik derzeit keine Lösung. Das Material verrottet am besten in der 60 Grad warmen Industriekompostierung. Im Meer verrotten oder vermodern die Biotüten derzeit gar nicht. Für uns Supermarktkunden heißt das: Wer sich wegen der Überdüngung der Böden und der Vermaisung der Welt sorgt, Finger weg von der Biotüte.

Vergleich mit Papiertüten

Die Ökobilanz der Papiertüte ist nicht besser als die der Plastiktüte.

Im ersten Moment wäre wohl jeder versucht zu sagen, dass die Papiertüte in jeder Hinsicht umweltfreundlicher ist als die Plastiktüte. Denn wer weiß schon, dass die Herstellung fast doppelt so viel Energie benötigt. Hinzu kommt die deutlich höhere Belastung von Luft und Wasser durch Stickoxide, Schwefeldioxide und andere Chemikalien, mit denen die Zellstofffasern behandelt werden müssen.

Ein weiteres Problem ist die Wiederwendbarkeit. Papier ist eben nicht so reißfest und auch nicht wasserabweisend. Ob Papiertüten im Einzelfall besser oder schlechter sind als Tüten aus Kunststoff, hängt vom verwendeten Rohstoff (Altpapier, Recyclingkunststoff) und der Art der Entsorgung ab.

Vergleich mit Baumwollbeuteln

Baumwolltragetaschen sind nur umweltfreundlicher, wenn sie sehr oft verwendet werden.

Tragetaschen aus Baumwolle sind nicht automatisch umweltfreundlicher, sondern erst nach vielfacher Wiederverwendung. Das ergab eine Untersuchung der Federal Laboratories for Material Testing and Research der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Grund sind die hohen Emissionswerte bei der Herstellung. Während bei der Herstellung einer Papiertüte etwa 60 Gramm Kohlendioxid ausgestoßen werden, sind es bei einer Plastiktüte aus Neugranulat etwa 120 Gramm und bei einer Baumwolltasche sogar 1.700 Gramm CO2.

Fazit

Wer Angst vor dem Klimawandel hat, der verwende seine Plastiktüten, egal ob BIO oder PE, so oft wie möglich. Und wer alles richtig machen will, der kaufe eine fair gehandelte Biobaumwolltasche und benutze sie bis an sein Lebensende. Schon nach 30 mal einkaufen ist eine Baumwolltasche „grüner“ als Einweg-Plastiktüten (selbst wenn sie etwa dreimal benutzt werden).

Während in vielen anderen Ländern, wie Indien oder Frankreich, der Gebrauch von Tüten aus Kunststoff untersagt ist, ist in Deutschland ein Verbot derzeit kein Thema. Auch weil hierzulande die Tüten getrennt sortiert und anschließend entsorgt oder recycelt werden. In Supermärkten zahlen Kunden schon lange für ihre Tragetaschen.

Um den Tütenverbrauch in Europa zu reduzieren, wäre eine Steuer womöglich auch besser als ein Verbot. In Irland führte eine Steuer von 15 Cent pro Tüte dazu, dass der Jahresverbrauch von 328 auf 21 Tüten pro Kopf sank. In Deutschland werden PE-Tüten im Schuhgeschäft, in der Apotheke oder im Spielzeugladen noch verschenkt.

Der Preis spielt nämlich eine entscheidende Rolle. Werden sie nach ihren Einkaufspreisen verkauft, entscheiden sich 80 Prozent der Kunden für Plastik, 15 Prozent für Papier und fünf Prozent für Baumwolle. Viele empfinden die Plastiktüte als praktischer, weil sie Waren auch vor Regen schützt.


50